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The Future of Work & Education

ein BLOG zuR ZUKUNFT VON BILDUNG UND ARBEIT

GRUNDEINKOMMEN: BEDINGT ODER UNBEDINGT?

1/19/2026

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Im Feber 2023 schickt mir Daniel Häni, Co-Initiator der Schweizer Grundeinkommensbewegung[i] den Vorabdruck eines Interviews für einen Band zu Zukunftsnarrativen der Universität Freiburg.[ii] Er beschreibt darin ein Klima-Grundeinkommen und macht unterschiedliche Argumente für dessen gesellschaftliche Notwendigkeit. Ich greife dieses Interview drei Jahre später noch einmal auf, um zu mich mit dem Grundeinkommen auseinanderzusetzen. Ich bin mit Daniel Häni einig, dass das Grundeinkommen die natürliche Evolution des Sozialstaates darstellt. Aber was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Varianten und was spricht für das eine und was für das andere? In Erörterung dieser Fragen kommentiere ich ausgewählte Argumente aus dem Interview.

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Vorweg: Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) wird jedem Bürger regelmäßig und ohne Gegenleistung ausgezahlt, um die Existenz zu sichern, während ein bedingtes Grundeinkommen an spezifische, oft gemeinnützige Verhaltensweisen geknüpft ist, um zB Hedonismus oder Missbrauch zu verhindern und einen gesellschaftlichen Mehrwert zu fördern. Das BGE ist universell, das bedingte ist zweckgebunden.

download GLOSSED INTERVIEW
 
Argument 1: Für eine nachhaltige Bewältigung der Klimakrise brauchen wir die Fähigkeit zur Eigenverantwortung, mit dem Einführen eines bedingungslosen Grundeinkommen erzeugen wir mehr Verantwortungsfähigkeit.
 
Kommentar: Wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen wirklich die Eigenverantwortung gestärkt oder motiviert es nicht eher noch mehr gesellschaftlichen check-out und Anomie? Die Politikökonomin Maja Göpel meint dazu: “Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf der linken Seite etwas vormachen. Dass dann alle zufällig etwas für die Republik tun würden, wenn sie den Freiraum hätten, weil sie sich um keine finanzielle Versorgung kümmern müssen, das halte ich für eine steile These.“[iii]
 
Argument 2: Wenn jemand sagt: „Ich war nicht verantwortlich, ich habe nur ausgeführt, was mir gesagt wurde“; oder: „Ich musste das tun, weil ich sonst den Job verloren hätte“; oder: „Ich wurde nicht gefragt, ich wusste nicht, was das für Folgen hat“, dann ist eine solche Person nur begrenzt verantwortungsfähig. Genau so stehen wir zur Zeit vor der Klimakrise. Fast alle tragen fast keine Verantwortung. Wir leben in einer Gesellschaftsordnung, in der Verantwortungslosigkeit System hat.

Anmerkung. Das ist grundsätzlich eine richtige Analyse, aber die Veränderung hin zu einem System, in dem beispielsweise lernen kein Zwang mehr ist, sondern Schüler sich freiwilliig weiterbilden, funktioniert nicht schlagartig, sondern graduell. Genauso ist es mAn mit dem Grundeinkommen und der Arbeit. Die intrinsische Motivation, das zu tun, was in der Gesellschaft gebraucht wird und notwendig ist, muss geformt werden, bis sie eine neue Kultur des Miteinanders erzeugt hat. Am Weg dorthin ist das bedingungslose Grundeinkommen hinderlich, da es nicht alle gleichermaßen extrinsisch motiviert. Insbesondere jene, die noch einer Erwerbsarbeit nachgehen.
 
Letztlich muss Verantwortung auf jeden Menschen heruntergebrochen werden. Verantwortung zu tragen, bedeutet aber nicht komplette Handlungsfreiheit zu geben, sondern in der schwer durchsichtigen Situation, in der wir uns befinden, Handlungsoptionen zu schaffen und die Wahl dieser zu belohnen. Die GWÖ macht das insofern richtig, dass sie Unternehmen zertifiziert, die ihre Bilanzen auf Nachhaltigkeit prüfen lassen. Auf das Individuum runtergebrochen, bedeutet dies, dass unsere Handlungen auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit geprüft werden - und die richtigen Entscheidungen und Handlungen durch ein bedingtes Grundeinkommen belohnt werden. Diese Logik wird noch offensichtlicher, wenn man sich mit Gesellschaften auseinandersetzt, in denen der Sozialstaat quasi nicht existiert.
 
Argument 3: Ein Vorgeschmack haben wir in der Corona-Krise erlebt. Notrecht und
Verbote führen nicht zu Bewusstsein und Verantwortung, sondern zu Folgsamkeit
und Verantwortungslosigkeit. In diese Richtung geht der aufkommende
Transhumanismus. In die Entmündigung. In die systematische „Entselbst-verantwortlichung“ der Menschen.
 
Kommentar: China hat hier anderes gezeigt. Die schlagartige Aufgabe der Regierung, die Bevölkerung stark zu kontrollieren, hat zu einem rasanten Anstieg der Todesopfer geführt. Sinnvoller wäre es gewesen von totaler Kontrolle, schrittweise mehr Selbstverantwortung einzuführen.
 
Argument 4: Das bedingungslose Grundeinkommen hingegen ist eine Ermächtigung zur Selbstermächtigung. Es stellt die Menschen auf die Beine. Es fördert konkret die Verantwortungsfähigkeit der einzelnen Menschen.
 
Kommentar: Ohne hier an Machtverlust zu denken: Daniel Häni unterschätzt den Anreiz von Selbstermächtigung. Nicht wenige Menschen ticken nicht nach den Prämissen von Alfred Adlers Individualpsychologie und haben kein Interesse daran selbstermächtigt zu sein. Freiheit ist nicht für jeden Menschen ein erstrebenswerter Zustand.
 
Argument 5: Der Verzicht auf Fremdbestimmung ist ein großer Schritt in der Menschheits-entwicklung, der uns noch in vielfältiger Weise beschäftigen wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dafür eine Übungseinheit.
 
Kommentar: ich sehe das genau umgekehrt. wir müssen zuerst Selbstbestimmung üben, um mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zurecht zu kommen.
 
Frage an Daniel Häni: Ein Verfechter oder eine Verfechterin des gegenwärtigen Sozialstaates würde gegen das Grundeinkommen womöglich einwenden, dass die momentanen Sanktionsmechanismen des Sozialstaats benötigt werden, um den Menschen zur Selbstverantwortlichkeit, Selbstsorge und damit auch zur Erwerbsarbeit – solange und soweit er dazu fähig ist – zu bewegen. Welcher Denkfehler liegt Ihrer Meinung nach hier vor?
 
Argument 6: Wir leben längst nicht mehr in der Selbstversorgung, sondern in einer arbeitsteiligen, global organisierten Fremdversorgungsgesellschaft. Das heißt, alles, was ich leiste, ist immer für andere. Alles, was ich brauche, haben andere hergestellt. Es kann also nicht um eine Selbstverantwortung im Sinne einer Selbstversorgung gehen. Die Selbstverantwortung, von der ich spreche, ist diejenige, die den Blick frei macht darauf, was die Welt braucht. Der Herzfehler liegt also darin, dass wir die Menschen so behandeln, als wären sie noch Selbstversorgende. Das sind sie aber nicht mehr. Die Arbeit ist das Soziale geworden. Nicht wer Arbeitsplätze schafft, ist sozial, sondern diejenigen die arbeiten.
 
Kommentar: Dieses Mißverständnis ist leicht zu beseitigen, wenn man die Terminologie ändert: Selbstverantwortung bedeutet für Herrn Häni eigentlich iSv Goleman und Senge Verantwortung für sich, andere und den Planeten. Ob das ein Herzfehler ist, kann ausführlich diskutiert werden. Die systemische Wahrnehmung, dass wir alle Teil eines Superorganismus sind, in dem wir Verantwortung für die Allgemeinheit übernehmen, wenn wir von Selbstverantwortung sprechen, liegt nicht für jedermann auf der Hand. Allerdings stimme ich vollkommen zu, dass Selbstverantwortlichkeit, Selbstsorge und der Zwang zur Erwerbsarbeit, den der Sozialstaat anlegt, gerade jetzt in Zeiten der exponentiellen technologischen Entwicklung, Herzlosigkeit impliziert.
 
Argument 7: Wir können demnach das Grundeinkommen als Vertrauensvorschuss beschreiben. Kerniger aber ist die Beschreibung, dass eine modern Gesellschaft zur Bedingung haben muss, dass sie den Menschen das, was sie unbedingt brauchen, auch bedingungslos gewährt. Nicht aus Gutmenschlichkeit, sondern weil der Gedanke aufgeklärt und logisch ist. Was im bisherigen Sozialstaat eigentlich nur moralisch war, nämlich, dass du arbeiten gehen sollst – im Kleide eines Recht auf Arbeit –, wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen zu einem tatsächlichen Recht, nämlichein Recht auf Selbstbestimmung in der Arbeit. Früher nannte man das die Abschaffung der Sklaverei.
 
Kommentar: Radikal aber gut gedacht. Nichtsdestotrotz müssen wir uns mit den realen Machtstrukturen genauso beschäftigen wie mit der Theorie einer idealen Gesellschaft. Die Spannung zwischen einer Vision und der Realität muss durch eine Strategie überbrückt werden, die ausreichend Moment aufbauen kann, um die Vision Realität werden zu lassen. Hier gibt es mindestens 2 Kalküle zu beachten: das Grundeinkommen muss finanziert werden und es bedarf innerhalb von Demokratien die gesetzliche Grundlage dieses einzuführen. Die Wahrscheinlichkeit, jene Personen, die Finanzierung und Gesetze freigeben, für die Idee zu gewinnen, ist um vieles größer, wenn man anfangs mit einem bedingten Grundeinkommen argumentiert. Insbesondere der Umstand der Anomie, der westliche, heterogene Gesellschaften zunehmend belastet, kann durch ein bedingtes Grundeinkommen gelöst und konservativen Teilen der Gesellschaft als logische Strategie erklärt werden. Ansonsten kann wie bei der Abschaffung der Sklaverei oder der Einführung von Bürgerrechten direkt auf die Barrikaden gegangen und eine blutige Revolution eingeläutet werden.
 
Argument 8: Das bedingungslose Grundeinkommen führt uns, wie die Kollegin Adrienne Göhler immer wieder treffend sagt, „vom Müssen zum Können, vom Sollen zum Wollen“. Das ist ein evolutionärer emanzipatorischer Paradigmenwechsel.
 
Kommentar: das könnte man eben genauso über das bedingte GE sagen: es führt vom müssen zum sollen, und vom sollen zum wollen. Ist jemand bspw 5 Jahre im bedingten GE System gewesen, dann kann man ihn ins bedingungslose "entlassen". Er oder sie hat das System intimiert, einen selbstgewählten Beitrag zum Gemeinwohl leisten zu müssen, um das GE in Anspruch nehmen zu dürfen. Der check-in, der in unseren Gesellschaften einerseits von den Superreichen durch Steuerschlupflöcher umgangen wurde und andererseits für den Empfänger von Sozialleistungen überflüssig geworden ist, wird so wieder Teil eines natürlichen do ut des.
 
Argument 9: Betreffend Klima können wir voraussehen, dass wir vielleicht nicht schnellere, aber nachhaltigere Ergebnisse erreichen werden, wenn wir auf das Können setzen und darauf, aus Einsicht zu handeln und nicht aus Not und Verbot.
 
Kommentar: langfristig ist diese Feststellung wohl richtig, aber kurz- und mittelfristig ist sie nicht realistisch. Ökonomische Zwänge wie etwa Parkstrafen sind wichtige Hebel, um Verhalten extrinsisch zu ändern.
 
Argument 10: In der Not verteilt man Brot, besser aber ist es zu ermöglichen, Brote zu backen – für Andere.
 
Kommentar: Das ist das Ideal der Menschlichkeit. Die Realität ist eher homo homini lupus.

Argument 11: Das bedingungsloses Grundeinkommen findet statt, wenn wir seine Logik verstehen.
 
Kommentar: genau daran hakt es: nur wenige verstehen die Logik, weil es für die meisten genauso wie beim Geld an sich, nicht darum geht eine Logik zu verstehen, sondern ein System zu erfahren.
 
Argument 12: Wir erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen, damit wir es uns leisten können aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen und mitzuwirken. Das beinhaltet natürlich auch die Möglichkeit zur selbstbestimmten Information und Bildung. In beiden Fällen geht es darum die Resistenz gegen Manipulation, sprich Fremdbestimmung zu erhöhen.
 
Kommentar: guter Gedankenstrang, der in einer ursprünglich arbeitsteiligen Gesellschaft nicht zutreffend war, aber durch den zunehmenden Verlust der Erwerbsarbeit wegen steigender Automatisierung, richtig ist. Andersrum, könnte man auch argutmentieren, dass es keiner gewählten Politiker mehr Bedarf, sondern jeder ein Politiker ist und mit der Demokratiepauschale für seine Teilnahme am Diskurs entschädigt wird. Aber auch hier wiederum die Frage: wird das jeder machen, der ein bedingungsloses GE bezieht? Sicherlich nicht - außer man koppelt die politische Beteiligung an einer digitalen und direkten Demokratie mit einem bedingten GE: bilde dich, beteilige dich am Diskurs und stimme ab, dann erhältst du eine Demokratiepauschale.
 
Argument 13: Wir brauchen für das 21. Jahrhundert einen neuen Steuergrundsatz: nämlich an Stelle der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Menschen, den ökologischen Fußabdruck zu besteuern. Als ein schrittweises Herunterfahren der Besteuerung und der Abgaben auf Leistung, Arbeit und Einkommen; schrittweises erhöhen der Steuern auf den Konsum und Verbrauch von Gütern und Dienstleistung, auf den ökonomischen und ökologischen Fußabdruck.
 
Kommentar: Richtig. besser gefällt mir aber socio-ecological footprint. der ökologische ist leichter zu berechnen. der soziale ebenso wichtig.
 
Interessant jedoch, dass hinsichtlich Steuern ein schrittweises Herunterfahren visualisiert wird, aber nicht hinsichtlich GE -  zumindest besteht eine Wahrnehmung, dass Veränderungen nicht über Nacht herbeigeführt werden können, sondern graduell eingeführt werden müssen.
 
Genauso wie das Grundeinkommen ist die Änderung der Besteuerung ein politisches Tabu. Beide Maßnahmen stehen in direktem Widerspruch zu Wirtschaftswachstum.
 
Argument 13: Der Steuersatz dieser Art der Besteuerung kann für alles gleich sein oder differiert nach dem politischen Willen der Steuerung von Anreiz und Begünstigung gewisser Tätigkeiten und Produkte. Das ganze alte politische Gedöns von Sozialleistungen, Versicherungen, Abgaben, Anträgen, Sanktionen und Verwaltung wären Tempi passati.
 
Kommentar: Sehe ich auch so. Der ggw Sozialstaat ist wie Philanthropie: er schichtet pseudomäßig um, anstatt wirklich auzugleichen.
 
Argument 14: Ein Grundeinkommen führt zu einem tief sich verwurzelnden strukturellen Pazifismus!
Jede Auseinandersetzung und so auch jeder Krieg gründen im Gegenteil, in der Verletzung der Menschenwürde, in mangelnder Wertschätzung, in der Unterdrückung und der Fremdbestimmung von Menschen und ihrer Arbeit, ihrer Kultur.
 
Kommentar: Krieg ist motiviert durch Knappheit oder scheinbare Knappheit an Resourcen unterschiedlicher Art. Frieden wird nur in jenen Regionen gefördert, die das GE pflegen, nicht jedoch in angrenzenden Regionen, wo dieses fehlt.
 
Argument 15: Das bedingungslose Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt. Das heißt, der technologische Fortschritt birgt ein riesiges Potenzial, die Menschen für die Tätigkeiten freizustellen, welche sich der Lösungen der gegenwärtigen Herausforderungen annehmen, anstatt sie weiter zu verursachen.
 
Kommentar: Das bedingslose GE ist die Endstufe der Evolution des Sozialstaates. Die Zwischenstufe dafür lautet bedingtes GE – es ermöglicht den Übergang von Zwang zu Wahl (wo bringe ich mich ein) und von der Wahl zur Freiheit. Darüber hinaus ist es politisch realistischer ein bedingtes GE zu installieren und hier ist Pragmatismus geboten: wenn ich Auswahl steht, das bedingte GE oder kein GE einzuführen, so bin ich mir sicher, wird auch Daniel Häni es bevorzugen, vorest für ein paar Jahre mit dem bedingten GE zu experimentieren bis dessen gesellschaftiche Akzeptanz so gewachsen ist, dass man den nächsten Schritt machen kann.

[i] https://www.grundeinkommen.ch/
[ii] https://www.grundeinkommen.ch/wp-content/uploads/eBook_Hartmann_Kaufmann_Sommer_Ne-umaerker-Hg.-Politische-Partizipation-und-bedingungsloses-Grundeinkommen-Narrative-der-Zukunft_DH-Kopie.pdf
[iii] https://www.mingong.org/blog-de/werte-ein-kompass-fur-die-zukunft
 
Mehr:
  • https://www.br.de/extra/respekt/grundeinkommen-bedingungsloses-pro-contra100.html
  • https://www.pressetext.com/news/bedingungsloses-grundeinkommen-polarisiert.html
  • https://www.grundeinkommen.de/26/11/2017/58-prozent-der-in-deutschland-befragten-halten-die-einfuehrung-eines-grundeinkommens-fuer-sinnvoll.html
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DIE ZUKUNFT DER WELTORDNUNG: GLOBALISMUS VS LOKALISMUS

1/15/2026

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Dieser kurze Essay beschäftigt sich mit der Frage, ob die bestehende Weltordnung, die Nationalstaaten seit dem Wiener Kongress 1815 als die kleines Einheit von internationalen Beziehungen betrachtet, weiterbestehen wird, oder sich eine andere Weltordnung entwickelt. Zur Auswahl stehen zwei Extreme: die völlige Globalisierung einerseits und die völlige Lokaliserung andererseits. Dazwischen gibt es ein breites Spektrum, das zB die Bildung von neuen Imperialmächten oder die Kooperation zwischen Ökoregionen umfasst.  
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Die jährliche Vorlesung des Direktors am Chatham House hat diese Tage meine Aufmerksamkeit erregt. Wie sieht einer der führenden Thinktanks für internationale Beziehungen das kommende Jahr?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Direktorin von Chatham, Bronwen Maddox, wünscht sich im Wesentlichen, dass sich die internationale Ordnung nicht verändert. Sie ordnet sich und Chatham daher dem Lager der Nationalisten zu, d. h. derjenigen, die die Nationalstaaten als kleinste Einheiten der internationalen Ordnung beibehalten möchten. Das andere Lager, die Globalisten, streben danach, den Menschen als kleinste Einheit der internationalen Ordnung zu etablieren. Mehr dazu im ausgezeichneten Dialog zwischen Yuval Harari und Chris Anderson.

Ich bin wirklich enttäuscht über diesen Mangel an Weitsicht und war noch mehr enttäuscht über die meist absurden Folgefragen aus dem Publikum, die widerspiegelten, wie weit aktuelle Fachleute für internationale Beziehungen von den Belangen der Menschen vor Ort entfernt sind.


Im Einzelnen:
  • Ihr Hauptziel ist es, die internationale Ordnung zu retten, aber ist es nicht genau das, was geändert werden muss? Sie wiederholt die Worte von Henry Kissinger, der 2014 den Aufstieg Chinas, den Islamismus und supranationale Organisationen wie die EU als die größten Bedrohungen für die Weltordnung ansah.
  • Sie fordert ihr Publikum auf, bestehende Institutionen zu verteidigen und neue zu schaffen – geben Sie die UNO nicht auf. Aber ist nicht gerade die UNO eine Institution, die die derzeitige Weltordnung unterstützt, eine Ordnung der Nationalstaaten, die im Widerspruch zur Wissenschaft der Biogeografie und der Postwachstumsökonomie steht?
  • Die Mitgliedstaaten des IWF und der Weltbank sollten sich gegen die Kürzung der Mittel durch die USA wehren. Aber was für ein vergebliches Unterfangen, wenn China wie bei so vielen anderen westlichen Institutionen eine Schattenorganisation zur Weltbank gegründet hat und aktiv auf eine sinozentrische Weltordnung hinarbeitet.

Wenn wir etwas anderes als eine Pax Americana oder Pax Sinica wollen, müssen wir die Weltbank zu einer Organisation umgestalten, die wirklich den Menschen und nicht ihren Regierungen dient. Eine Vision für eine neue Weltbank wäre eine Institution, die eine global verteilte Wertbuchhaltung einsetzt und sicherstellt und ein bedingtes Grundeinkommen auf die Bankkonten der Bürger der Erde entsprechend ihrem Beitrag zur Gesundheit der natürlichen und kulturellen Ökosysteme überweist.

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Am nächsten Tag moderiere ich zum wahrscheinlich zehnten Mal eine Filmvorführung von Helena Norberg-Hodges Dokumentarfilm „The Economics of Happiness“. Der Film ist gewissermaßen die Antithese zur Aufzeichnung aus dem Chatham House. Norberg-Hodge propagiert Lokalismus, Maddox Globalismus.

Der Film in Kürze:

Die Ladakhi betrieben lokale Landwirtschaft und regionalen Handel – ihr Lebensstil war fein abgestimmt auf das lokale Ökosystem > allgemeines Wohlbefinden, niemand wurde zurückgelassen. Mit dem Aufkommen der modernen Wirtschaft und des globalen Handels fühlten sich die Ladakhi arm und unglücklich, wie ist das möglich? Die moderne Wirtschaft führte vor allem einen psychologischen Wandel vom kollektiven Wohlbefinden zum individuellen Erfolg mit sich. Vergleichen Sie dies mit Ken Wilbers AQAL-Rahmenkonzept. Die Werbebranche hat ihren Teil zu dieser Veränderung der Selbstwahrnehmung beigetragen.

Dennoch verzerrt es den Fokus, die Globalisierung zum neuen Feind zu machen. Nicht die Globalisierung ist der Feind, sondern die macht- und profitorientierten Akteure, die die Globalisierung als Mittel nutzen, um ihre Ziele auf Kosten der Menschen und der natürlichen Ressourcen zu verfolgen. 15 Jahre nach der Entstehung dieses Films ist es offensichtlich, dass die Dichotomie zwischen Globalisierung und Lokalisierung überwunden werden muss. Wir sind Mitglieder eines Superorganismus, eines Raumschiffs, und müssen zusammenarbeiten, um weiterhin ein Zuhause zu haben. Wir müssen das Denken in In- und Out-Gruppen hinter uns lassen. Das ist die globalistische Dimension in dieser Gleichung.

Wir benötigen jedoch einen Anker auf menschlicher Ebene in dieser Welt, und wir können nur an einem konkreten Ort leben und Beziehungen zu einer Handvoll realer Menschen pflegen. Als solche sind wir als menschliche Spezies wie jedes andere Säugetier tief mit einem bestimmten lokalen Gebiet verbunden, für das wir als Verwalter fungieren und dessen Integrität für zukünftige Generationen bewahren sollten. Das ist die lokalistische Dimension in dieser Gleichung.

Die Zukunft ist – mangels einer besseren Formulierung – glokal. Das Bild, das ich mir für diese Zukunft vorstelle, ist jedoch ein menschlicher Bienenstock, d. h. ein globaler Planet, der organisatorisch in lokalen Waben strukturiert ist. Was wir an diesem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte brauchen, ist ein organisatorisches Rückgrat, damit die Waben bei Fragen von regionaler und globaler Relevanz miteinander interagieren können. Eine neue Weltbank, die die Struktur eines menschlichen Bienenstocks übernimmt und das Konzept des Nationalstaats aufgibt, könnte sehr gut ein solches organisatorisches Rückgrat sein.

Sie würde jedoch nicht mit Diplomaten besetzt sein, die in eleganten Büros in New York, London oder Hongkong sitzen, sondern ihre Delegierten wären die Bürgermeister von Dörfern, Städten und Bezirken, die die Interessen ihrer Gemeindemitglieder vertreten. Vergleiche dazu Leopold Kohrs „The Breakdown of Nations”. Wir müssen die Demokratie verjüngen, sie agiler und weniger repräsentativ, sondern direkter gestalten. Wir müssen die Machtkonzentration bei großen Ländern und Unternehmen aufbrechen.

Weitere Beobachtungen - jedes Mal gibt der Film etwas Neues her:
  • Interessantes Interview mit chinesischen Jugendlichen über ihre kulturelle Selbstwahrnehmung. Es wäre heutzutage schwierig, einen Chinesen zu finden, der dies sagt.
  • Die Urbanisierung ist sehr ressourcenintensiv und hat höhere ökologische Auswirkungen auf den Planeten als das Leben auf dem Land.
  • Wir müssen die Institutionen ändern, die die Welt strukturieren und lenken – individuelle Entscheidungen können Gesellschaften nicht in dem Maße verändern, wie es erforderlich wäre.
  • Wir müssen lokale Identitäten entwickeln: Die Integration des Bioregionalismus in die öffentliche Bildung ist ein hervorragendes Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.
  • Emotional stärkste Szene: Ladhaki-Frauen in einem westlichen Altenheim beobachten eine apathische alte Frau, die allein vor dem Fernseher sitzt.
  • Norberg-Hodges Lösung deckt sich mit Bill Plotikins Beobachtung, dass die Herstellung einer Verbindung zu anderen Menschen und zur Natur die wichtigste Aufgabe in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen ist.
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