• Home
  • Blog EN
  • Blog DE
  • 4M
  • Homegrown
  • About
  • Home
  • Blog EN
  • Blog DE
  • 4M
  • Homegrown
  • About
The Future of Work & Education

ein BLOG zuR ZUKUNFT VON BILDUNG UND ARBEIT

COVID - INSIDE OUT

12/17/2023

1 Comment

 
Picture
Meine erste COVID-19 Erkrankung läßt mich Analysen, die ich während der nun fast vier vergangenen Jahre niedergeschrieben habe, in einem neuen Licht betrachten, quasi aus der Sicht eines nicht indirekt, sondern direkt Betroffenen. Nichts hat sich an meinen Aussagen zu den systemischen Ursachen geändert, aber ich habe einige Bemerkungen zu den hierzulande getroffenen Maßnahmen hinzuzufügen.
 
Im Zeitraffer: Ich habe den COVID-19 Ausbruch in Japan miterlebt und den ersten großen, vier Monate dauernden Lockdown in China. Die autoritären Maßnahmen der chinesischen Regierung waren wesentlicher Grund, warum ich mit meiner Familie nach dem ersten Lockdown Ende August 2020 nach mehr oder weniger 20 Jahren im Reich der Mitte wieder nach Österreich gezogen bin. Propaganda, Vortäuschung falscher Tatsachen, Hetze gegen Ausländer, Polizeistaat, sind nur einige der Schlagworte, die mir jetzt zu dieser Zeit einfallen.
 
Derzeit fallen mir nur zwei Worte ein: Inkompetenz und Apathie. Inkompetenz hinsichtlich des Krisenmanagements und Apathie hinsichtlich der Betroffenen. Als Lehrer ist es für mich gänzlich unnachvollziehbar, warum Dienstaufsichtsbehörden, die sich wegen vielen unnötigen Angelegenheiten melden, die rasant steigenden Infektionszahlen nicht an die Schulen in einem Rundbrief kommuniziert haben und eine frühe Empfehlung ausgesprochen haben, sich gegen COVID erneut impfen zu lassen.
 
Laut meiner Hausärztin zeigt sich jeden Herbst derselbe Infektionsverlauf: Im September steigen die Infektionszahlen in Kindergärten, im Oktober in Volksschulen, und im November wird die Sekundarstufe 1 erfasst. Zu dieser Zeit haben in meinen Klassen die Kinder zu Husten, Rotzen und Schnäuzen begonnen, nicht wenige Schüler wurden krank. Anfang Dezember waren in einer einzigen Woche 7 von 19 Lehrern erkrankt. Das Resultat war ein Supergau, der die ohnehin bereits stressigen 50 Minuten Klassen für die verbleibenden Kollegen noch stressiger machte.
 
Selbst wenn die website des Gesundheitsministeriums zeigt, dass die Pandemie offiziell am 30.6.2023 beendet war, so ist sie nach wie vor in vollem Gange. Und mein Krankheitsverlauf zeigt, dass eine Erstinfektion einen durchaus bedrohlichen Verlauf nehmen kann. Warum beugt man derartigen Szenarien nicht durch umfassende Information vor? Sind der Bildungsdirektion NÖ ihre Mitarbeiter derart gleichgültig?
 
Mein COVID Tagebuch:
 
  • 20.11 Wahrscheinlich am Montag in der Schule eingefangen; viele Kinder haben Schnupfen und Husten nach dem Wochenende; am Dienstag 21.11 klares Gefühl, dass ich mir etwas eingefangen habe;
  • 22.11 bleibe zu Hause wegen Erschöpftheit - noch keine Erkältungssymptome
  • 23.11 wache mit angeschlagener Stimme auf, die sich um eine Oktave tiefer anhört
  • 25.11 versuche den samstags Wohnungsputz am Morgen, scheitere aber und bleibe den Rest des Tages liegen; schlafe bis 16 Uhr durch; wache nur für halbe Stunde zum WC Gang auf; starke Kopfschmerzen beginnen; kein Lesen möglich, da die kleinste Bewegung der Augen schmerzt; erinnert mich an meine Dengue-Fieber Erfahrung 2005 in Kambodscha
  • 26.11 schlafe bis nächsten Morgen um 4; unveränderte Kopfschmerzen; Deliriumartiger Zustand; keine Nahrungsaufnahme; nehme 3*2 Ibuprefen wegen Schmerzen - hilft; schlafe mehr oder weniger den ganzen Tag und die Nacht durch; Kinder machen mit mir einen alten COVID Test, der positiv ist. Melde mich in der Schule krank
  • 27.11 unveränderte Kopfschmerzen - nehme Ibuprefen weiter; schlafe bis gegen 14 Uhr; etwas Energie kommt zurück; ich gehe eine kleine Runde um den See; schlafe danach wieder bis am nächsten morgen durch; Körper scheint komplett erschöpft zu sein
  • 28.11 Kopfschmerzen und Fiebrigkeit sind weg; dafür wache ich mit komplett verschleimten Nasen- und Stirnhöhlen auf; grosse Mengen Schleim werden vor allem am Morgen aber auch unter Tags abgeschnäuzt; bleibe im Bett
  • 29.11 wie 28.11 zusätzlich dunkelgrüner, zäher Auswurf von Bronchien, der sich am Morgen und epispodenartig nach langem Husten zeitigt; Husten dauert eine halbe Stunde und ist erschöpfend und führt zu Kopfschmerzen; Termin bei Dr Kaufmann; COVID negativ; sie meint, dass der Infekt bereits abgeklungen sein kann und zuvor positiv war; jedenfalls viraler Infekt; Krankmeldung bis Fr; Antibiotika wenn bis Fr keine Besserung
  • 30.11 wie 29.11 Nasivin und Aeromuc haben keine erkenntliche Wirkung
  • 1.12 wie am Vortag starker Husten bis zu einer Stunde nach dem Aufstehen, danach schmerzende Lunge; Auswurf von Bronchien aber nicht mehr dunkelgrün sondern wie von Nasennebenhöhlen gelb. Energie kommt etwas früher zurück, kann bereits gegen Mittag auf, an den Vortagen immer erst um 15 Uhr. kaufe mir heute noch das dritte verschriebene Medikament für den Husten, ein Cortison Präparat namens Mometason.
  • 2.12 Heute ist die 5te Kollegin von insgesamt 20 Lehreren ausgefallen.
  • 3.12 wie am Vortag; dicke Schicht Wick Vaporup auf Brust und Rücken hat aber das Aufwachen etwas gelindert; Telefonat mit meiner Kusine; praktische Arztin in Herzogenburg: der Husten kann nach COVID Infektion bis zu 4 Wochen dauern; ich empfinde die Symptome sind sehr ähnlich zu meinen Asthma/Bronchitis Episoden aus der Kindheit; bei Husten will ich zu meinem Astmaspray greifen; meine Kusine bestätigt dies: COVID führt zu einer Entzündung der Lungen. Sympthomlinderung durch Inhalation von Cortiden zB Fluxotide
 
Weiterlesen:
 
  • https://www.mingong.org/blog-en/on-the-metaphysics-of-a-plague
  • https://www.mingong.org/blog-en/covid-19-and-the-end-of-modernity
  • https://www.mingong.org/blog-en/how-stephen-coveys-cia-method-helps-to-manage-the-impact-of-covid
  • https://orf.at/corona/daten/abwasser
  • https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Uebertragbare-Krankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/Neuartiges-Coronavirus.html
 
1 Comment

Winterruhe

11/28/2023

0 Comments

 
Picture

Winterruhe. Der Winter zieht ins Land. Kälte und oft auch Schnee legt sich wie eine Decke über die Landschaft. Die gesamte Natur verfällt in ein Art von Schlaf - mit Ausnahme des homo sapiens, der entgegen seines Names meint er müsse gerade im Winter aufdrehen: Weihnachtsmärkte, Weihnachtsfeiern, Weihnachtsvorbereitungen. Die Zeit hat ihren ursprünglichen Charakter gänzlich verloren und war daher jener Teil des westlichen Jahreszyklus, den ich in Asien am wenigsten vermisste. 

In der Schule verstärkt sich diese Wahrnehmung. Die an sich hohe Taktfrequenz der kurzen Unterrichtseinheiten, die in den Sommermonaten eine deutliche Verlangsamung erfahren müsste, um bei den Kindern Sinnvolles im Gedächtnis zu hinterlassen und bei Lehrern keinen burnout hervorzurufen, wirkt im Winter grotesk. Der Körper fühlt spätestens ab Mitte November, dass es einfach nicht mehr so gehen will, wie die Wochen zuvor. Zuerst wenige, dann immer mehr Kinder schupfen und husten in der Klasse, die Zahl der Krankmeldung steigt. Und dann trifft es schliesslich einen oder eine der Kolleginnen. Dieses Jahr war ich der Erste, der mit der winterlichen Bildungsmaschine nicht mehr mitlaufen konnte und einem mutierten Corona Virus erstmals (!) erlag.

Inzwischen sind drei weitere KollegInnen gefallen. Sie alle sind SoldatInnen, die einen aussichtslosen Krieg kämpfen. Wir alle sind Söldner, die vergessen haben, worum es ursprünglich ging: Erleuchtung sollten wir der nächsten Generation bringen. Ihnen etwas fürs Leben mitgeben, das ihnen dieses angenehmer und erfüllter gestalten würde. Doch wir versagen in diesem System, das dem Lehrer wenig bis gar keine Möglichkeit bietet, den Unterricht wirklich zu gestalten, und werden zu Erfüllungsgehilfen einer obsoleten Machtstruktur, der nichts an Erleuchtung liegt, der mittelalterliche Finsternis als zu Bewahrendes gilt.

Miracle Qestion: Wie wäre es, wenn wir unseren Kindern und Lehrern (vielleicht allen Arbeitnehmern?) statt die Uhren künstlich umzustellen zum Winterbeginn eines jeden Jahres 2 Stunden mehr Schlaf gönnen? Was würde passieren? Was wäre die Auswirkung auf das allgemeine Wohlbefinden?

Picture
Die Einhaltung einer Winterruhe ist eine ökologische Frage geworden. Spätestens seit dem ersten großen COVID Lockdown in China im Jahr 2020 sollten uns die NASA Aufnahmen gezeigt haben, dass sich nur durch eine erzwungene Winterruhe einer Gesellschaft der CO2 Gehalt in der Atmosphäre auf ein "überlebensfähiges" Niveau einpendelt. Laut dem französischen Ökologen Jean-Marc Jancovici hätte es 10 derartige Lockdown gebraucht, um eine Klimaerwärmung von nur 1.5ºC zu erreichen.

Die Lockdowns scheinen vergessen, aber wir sollten uns ihrer erinnern. Denn die Einhaltung einer Winterruhe ist eine ökologische Frage geworden, die in unserem eigenen Leben beginnt und von dort in die Welt hinaus ausstrahlt. Nicht wenig Lärm wird rund um uns gemacht, der uns nicht ruhen lässt. Aber es ist notwendig, dass wir zu uns selbst finden. Vor allem in der Schule, wo Einstellungen und Verhaltensweisen für ein ganzes Leben geformt werden.

Science to take home:
  • Neuroscientist Matthew Walker: Sleep is your superpower 
  • Why We Sleep by Matthew Walker - Animated Book Summary

Further reading:
  • On the Education Crisis and the Prisoners' Dilemma
  • On the Metaphysics of a Plague
0 Comments

WIE Staatskapitalismus die Ökologische Transformation verhindert - Ein plädoyer für die STÄRKUNG öffentlicher MIttelschulen

11/11/2023

0 Comments

 
Picture
Abstract:
 
Die Vermutung liegt bereits seit einiger Zeit nahe: in St. Pölten werden Steuergelder für staatskapitalistische Zwecke verwendet und dem Gemeinwohl – insbesondere dem schwer angeschlagenen öffentlichen Bildungssystem - entzogen. Ein Besuch in der Informatik Mittelschule Stockerau diese Woche hat die Vermutung gefestigt. Ein Lokalaugenschein, der zeigt wie in St. Pölten Pflichtschulen, und damit die nächste Generation der Stadt, um notwendige Infrastrukturmittel betrogen wird, während man in Stockerau beispielhaft investiert.

Picture
Der alte Teil des Stockerauer Schulcampus mit PTS und Kreativ-MS sowie rechts das angrenzende Jugendzentrum.
Beginnen wir mit einer Definition: Staatskapitalismus ist das Agieren der Regierung eines Landes (eines Staates), als ob sie Privatunternehmer in einem kapitalistischen System wäre, also Eigentümer der Produktionsmittel ist, die gewinnorientiert mit Lohnarbeitern betrieben werden. Staatskapitalismus kann jedoch auch in kleineren Organisationeinheiten wie Städten oder Kommunen auftreten, wenn diese sich klar vom Umland in ihrer Organisationsweise abgrenzen. Staatskapitalismus tritt oft gemeinsam mit systemkonformer Korruption auf, dh dass öffentliche Mittel zwischen Machthabern im System derart aufgeteilt werden, dass das System wirtschaftlich nicht geschwächt wird. Staatskapitalismus und systemkonforme Korruption zeigt jedoch langfristig eindeutig negative Auswirkungen in sozialer wie auch ökologischer Hinsicht und ist gerade in Anbetracht der Klimakrise äußerst problematisch, da der Staat der Bevölkerung die Mittel entzieht, die notwendig sind, um eine Transformation Richtung Nachhaltigkeit zu ermöglichen.

Picture
Mittwoch früher Nachmittag. Unser Besuch in der Informatik Mittelschule Stockerau gilt der niederösterreichischen MINT Schulen Konferenz. Zehn MINT Schulen aus unterschiedlichen niederösterreichischen Gemeinden sind von der Direktorin der St. Pöltner Dr. Körner Mittelschule nach Stockerau eingeladen worden, um sich untereinander auszutauschen. Frau Direktor Frühwald, die den MINT Schulen Cluster koordiniert, hat mich erfreulicherweise eingeladen, um ein Umweltbildungsprojekt vorzustellen.

Wir kommen in Stockerau eine Stunde früher an, um den Naturraum rund um die Schule kennenzulernen und exemplarisch ein paar Bäume zu kartieren, und werden von einem Bildungscampus überrascht, der seinesgleichen sucht. Die Informatik Mittelschule Stockerau befindet sich in einem Gebäudekomplex, der auch die Kreativ-Mittelschule Stockerau und die polytechnische Schule umfasst. Während PTS und Kreativ-Mittelschule im ansprechend renovierten Altbau untergebracht sind, befindet sich die Informatik Mittelschule in einem gut instand gehaltenen Neubau aus den 90er Jahren. Die drei Schulen sind – ähnlich wie in der St. Pöltner Dr. Körner Mittelschule - durch die Gänge auf jeder Ebene miteinander verbunden. Nur der jeweils getrennt Eingang verrät, dass es sich um unterschiedliche Schulen handelt.

Picture
Das beeindruckende Gebäude der VS Wondrak in Stockerau, welches durch eine Brücke mit der ebenso beeindruckenden VS West verbunden ist.
In einem weiteren ansprechenden Gebäude, welches über einen geschützten Innenhof erreichbar ist, befindet sich die Förderschule und direkt an diese angrenzend die Volksschule West. Deren Anblick überrascht uns dermaßen, dass wir zuerst in diese eintreten, in der Meinung es handle sich um eine der beiden Mittelschulen. Aber dem ist nicht so. Bei den zwei durch eine lange Luftbrücke verbundenen, modernen Gebäuden handelt es sich um die Volksschule West und die Volksschule Wondrak, welche 2022/23 um EU 18 mio (!) saniert wurden.
 
Wenn man das erste Mal diesen Schulcampus in Stockerau betritt, findet man sich nicht einfach zurecht. Unsere Aufgabe ist es aber, den Naturraum rund um die Schule kennenzulernen, daher durchstreifen wir das gesamte Gelände und stellen fest, dass sich am nördlichen Ende des Campus ein Kindergarten mit einem separaten Gartengelände und am südlichen Ende ein Jugendzentrum mit umfassenden Außenflächen befindet. Hier sollte jeder im Alter zwischen 2 und 15 quasi rund um die Uhr einen interessanten Aufenthaltsort finden – so scheint der Anspruch. Wir sind beeindruckt.
 
Die positive Wahrnehmung wird durch den Innenraum der Informatik Mittelschule weiter gestärkt. Auf der Suche nach dem Tagungssaal, laufen wir vom Erdgeschoß des Neubaus in den 2. Stock des Altbaus und sehen auf jedem Stockwerk Wohnzimmerlandschaften mit Wuzzeltischen, familiären Bibliotheken und mit Steckdosen versorgten Arbeitstischen. Ich bin perplex, weil ich die Realität an einigen St. Pöltner Mittelschulen kenne – inklusiver jener, an der ich selbst unterrichte.
Picture
Der karge Schulgarten einer städtischen Pflichtschule steht exemplarisch für die mangelhaften Investitionen des Schulerhalters in Naturraumpädagogik.
An meiner Schule, kann man in keinem einzigen Raum – außer vielleicht in der für die Nachmittagsbetreuung benutzten Bibliothek - ein Wohlbefinden entwickeln. Die Räumlichkeiten erscheinen seit den 80er Jahren unverändert. Weder gibt es im Innenraum einladende Sitzmöglichkeiten, noch ist der Außenraum so gestaltet, dass man dort verweilen möchte. Bei meinen Pausenaufsichten erinnere ich mich an meine Zeit als Gerichtspraktikant und komme mir vor als wäre ich eine Gefängniswärter, der den Gefangenen 15 Minuten in einem kahlen Gefängnishof Auslauf gewährt.

Die Ursache für die mangelhaft entwickelten Schulaußenflächen an St. Pöltner Pflichtschulen muss zumindest teilweise in der österreichischen Parteipolitik und dem lokalen Machtgefüge gesucht werden. Während die Familienland GmbH, die der schwarzen Landesrätin Teschl-Hofmeister untersteht, fleißig die Neugestaltung von Schulaußenflächen an Landesschulen unterstützt, sind keine dieser Vorzeigeprojekte in St. Pölten zu finden. Bei einer Exkursion der Familienland GmbH zu umgesetzten Schulgartenprojekten war ich der einzige „Vertreter“ St. Pöltens. Der Bus, der uns in einige Landgemeinden des nördlichen Niederösterreichs brachte, war jedoch gut bestetzt mit Gemeindevertretern und Schulleitern aus anderen Teilen des Landes. Tatsache ist, dass die Familienland GmbH nur einen Teil der Kosten für die Neugestaltung eines Schulgartens übernimmt. Die Projektumsetzung ist von der Ko-Finanzierung durch die Gemeinde abhängig. Und genau da scheint es bei St. Pöltner Projekten zu haken.
 
Man hört immer wieder, dass ländliche Mittelschulen besser ausgestattet sind als städtische und man hört auch unzählige Gründe, warum dies so ist. Eine Exkursion zu mehreren Volks- und Mittelschulen im ländlichen Niederösterreich hat erst kürzlich gezeigt, wie man Schulinfrastruktur gestalten kann. Der politische Wille ist ausschlaggebend. Dieser muss nicht immer Stein des Anstoßes sein, aber ein engagierter Schulleiter ist ohne die Unterstützung des Schulerhalters machtlos. Unser Besuch in Stockerau macht jedoch deutlich, dass auch in Kleinstädten, die durchaus mit St. Pölten vergleichbar sind, die notwendigen Mittel gefunden werden können, um Pflichtschulen ansprechend zu gestalten.  In St. Pölten hat man es hingegen noch nicht einmal für notwendig gehalten, der größten Mittelschule der Stadt ihren neuen Namen zu gewähren. Am markanten Gebäude, in dem sich vier Mittelschultypen befinden, liest man noch immer Dr. Theodor Körner Hauptschule. Diese scheinbare Kleinigkeit spiegelt ein größeres Problem wider.
Picture
Die größte Mittelschule der Stadt, Dr. Theodor Körner, in der vier MS Typen untergebracht sind, ist noch immer als Hauptschule ausgewiesen.
Ein anderes Problemfeld, welches die notorische Unterfinanzierung der Pflichtschulen St. Pöltens aufzeigt, ist die IT Infrastruktur. Meine Kollegen beklagen sich fast täglich über mangelnden Speicherplatz an den LehrerPCs und mehrwöchige Wartezeiten auf den IT Betreuer der Stadt. Wenn dieser einmal ins Haus kommt, dann füllt sich ein im Lehrerzimmer am Morgen angebrachter Zettel, auf die Kollegen IT Probleme festhalten dürfen, binnen weniger Minuten. Der mangelnde Speicherplatz auf den LehrerPCs lähmt den gesamten Betrieb an der Schule, weil eine Fehlermeldung die veralteten Pentium Rechner blockiert und den anstehenden Arbeitsschritt, wie etwa den Druck eines Dokumentes unmöglich macht. Die Beobachtung meiner Kollegen für wenige Wochen veranlasste mich dazu nur mit meinem eigenen Laptop zu arbeiten und auf das antike LAN zu verzichten.
Picture
Arbeiten an einer St. Pöltner Pflichtschule: Fehlermeldungen blockieren die aniken LehrerPCs
Ein Gespräch mit Herrn Reisinger, dem jungen IT Mitarbeiter eines externen Dienstleisters, läßt die Situation etwas klarer werden. Die Stadt hat vor etwa zwei Jahren vier Stellen in der Bildungsabteilung des Magistrates gestrichen, die für die IT Betreuung der Pflichtschulen verantwortlich waren. Stattdessen hat man diese Aufgabe an einen externen Dienstleister ausgelagert, wo eine einzige Person, unser Herr Reisinger, nunmehr die Aufgaben erfüllt, für die zuvor vier Angestellte verantwortlich waren. Es ist nicht verwunderlich, dass dieser zwischen den Schulen rotiert und die Wartezeit auf seine Dienste „nicht kundenfreundlich“ ist.
 
Als Verfechter von Schulautonomie habe ich mich als Neuzugang an unserer Schule mit dem mir bis dato unbekannten MS Teams auseinandergesetzt und entdeckt, dass jedem Lehrer im Microsoft Paket 1GB cloud Speicherplatz zur Verfügung steht. Warum also ein antikes LAN verwenden, das allen 20 Lehrern 250MB Speicherplatz zugesteht, wenn diese Möglichkeit gegeben ist? Der IT master-user an meiner Schule, der diese Aufgabe unbezahlt neben seiner Lehrtätigkeit erfüllt, erklärt schlicht, dass es keine Möglichkeit zur umfassenden Schulung gegeben hat und niemand die Funktionen von MS Teams wirklich kennt. Dieses – wie auch SchoolFox, ein weiteres Schulverwaltungsprogramm, das mE nicht zusätzlich zu MS Teams notwendig wäre – wurden vom Schulerhalter nur aufgrund der COVID Pandemie eingeführt, weil anders der remote-Schulbetrieb nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Digitalisierung an St. Pöltner Pflichtschulen also nur, weil ein Virus dazu gezwungen hat? Das ist eine klare Verletzung der Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Bildung, aber offensichtlich können sich das autoritär agierende Bürgermeister in Österreich erlauben.
 
Meine Pläne MS Teams den Kollegen schmackhaft zu machen, werden von Herrn Reisinger zerschlagen. Der Schulerhalter sei daran, eine Strategie für die Schul-Hardware auszuarbeiten. Die bereits 15 Jahre alten Server (also in der Tat antik!) werden spätestens 2025 (!) ausgetauscht, um alle St. Pöltner Pflichtschulen weiterhin in einem Netzwerk zu verbinden. „Warum nicht der generelle Wechsel zu einem Cloud Service, so wie dies in allen modernen Organisationen gemacht wird und wie es eine moderne dezentrale Organisation erfordert?“ will ich wissen. Herr Reisinger lächelt mich verzweifelt an, da er bereits seit einigen Minuten in der nächsten Schule sein müsste „Zerbrechen sie sich nicht den Kopf, diese Entscheidungen werden irgendwo da oben getroffen, sie und ich können nur mit dem arbeiten, was von dort kommt.“ Ein klassischer Fall von überholten und ressourcenverschwendenden top-down Prozessen, die Motivation und Lösungen von unten ersticken. Positiv bleiben! Zumindest konnte Herr Reisinger auf seiner task list eine Aufgabe abhaken.
Picture
Die IT Problemliste einer städtischen Pflichtschule

Wenn man verstehen möchte, warum die Pflichtschulen in St. Pölten nicht mit ausreichenden Geldmitteln versorgt werden, stößt man schnell auf die dreigeteilte Zuständigkeit im Bildungsbereich, die sich Bund, Land und Gemeinden teilen. Während das Personalwesen für Landesschulen von den Bildungsdirektionen der Bundesländer verantwortet wird, sind die Gemeinden Schulerhalter und somit sowohl für die Gebäude wie auch das gesamte Anlagevermögen also beispielsweise LehrerPCs zuständig. Im Klartext: an Pflichtschulen werden die Lehrer vom Land und der Schulwart von der Gemeinde bezahlt.
 
Dadurch, und das konnte ich bereits im Jänner 2021 in einem Termin mit dem St. Pöltner Bürgermeisters hören, ergibt sich für manche Stadtväter ein gewisser Widerwille in Pflichtschulen zu investieren. Man habe keinen Einfluss auf den Bildungserfolg, weil man nur dem Schulwart etwas anschaffen könne. Das erklärt, warum in St. Pölten der Zustand der Schulgebäude teilweise an den ehemaligen Ostblock erinnert, während unglaubliche Beträge in Bildungsinstitutionen investiert werden, die die Stadt mehr oder weniger ohne schwerfällige Kooperation mit Land oder Bund kontrolliert und mit denen sie diverse Geschäftsmodelle vorantreibt.

Den Grund- und Allgemeinbildungsauftrag überläßt man dem Land, dem Bund und diversen privaten Bildungsträgern. Der Ruf, der den öffentlichen Pflichtschulen der Stadt vorauseilt, hat dazu geführt, dass im Schuljahr 2023/24 acht erste Klassen am Gymnasium in der Josefstrasse und sechs erste Klassen am BORG eröffnet wurden, während die Schülerzahlen an den öffentlichen Mittelschulen stagnieren oder abnehmen. Sie scheinen eine Altlast zu sein, die eine Stadtverwaltung mitschleppt, die sich lieber mit medial wirksamen Prestigeprojekten schmückt.

Ich möchte hier vorwegnehmen, dass ich keines der anschließend angeführten Projekte für sich genommen schlechtmachen möchte. Jedes erzeugt einen gewissen Mehrwert. Aber ich stelle die berechtigte Frage, wann man welche Steuermittel aufwendet, um anstehende Herausforderungen zu lösen. Gerade in der Bildung ist es so, dass man ein Fundament schaffen und erhalten muss, das den Schülern an den Orten zugutekommt, an denen sie sich häufig aufhalten. In St. Pölten ist es offensichtliche Strategie ein außerschulisches Bildungsangebot zu schaffen, das von Schülern nach der Schule besucht wird bzw für das Lehrer mit ihren Klassen den Weg an diese Institutionen auf sich nehmen müssen. Nun mag man zwar an Kinderkunstlabor und Musikschule den Anspruch haben, dieses Angebot allen sozialen Schichten zukommen zu lassen, Faktum ist jedoch, dass den Weg dorthin vorwiegend die Bildungsschicht finden wird. Das bedeutet im Resultat, dass die St. Pöltner SPÖ bewusst Bildungsmittel von den unteren sozialen Schichten abzieht, um ein wohlhabendes Publikum zu bedienen.
Picture
Die Bauprojekte in St. Pölten zeigen, dass man einen staatskapitalistischen Weg eingeschlagen hat. Man investiert verringert dezentral und fährt die Pflichtschulen auf Sparflamme. Einer Delegation einer Partnerstadt St. Pöltens würden Schulstandorte wie die Mittelschule Dr. Körner oder St. Georgen sicherlich nicht gezeigt, obwohl dort die Kinder den Großteil ihrer Zeit verbrinden. Meine Schulleitung klagt zumindest einmal wöchentlich, dass die Gemeinde sie zum Sparen ermahnt hat. Eingesparte Mittel werden für zentralistische flagship Projekte eingesetzt, für die keine oder weniger Kooperation mit der Bildungsdirektion des Landes oder dem Bund notwendig sind.
 
EUR 20 Mio wurden für die Errichtung des Kinderkunstlabors aufgebracht. Die jährlichen Betriebskosten liegen ebenfalls im hohen sechsstelligen Bereich Bereich. EUR 11 mio wurden für den Bildungscampus in der Grillparzer Strasse gefunden, wobei davon EUR 6 mio in die Musikschule investiert werden, die an sich räumlich großzügig ausgestattet ist und über mehrere Außenstellen in den Kulturheimen verfügt. Eine dezentrale Investition hätte die vielen verkommenen Kulturheime saniert und freundlicher gestaltet; stattdessen wurde der zentralistische Weg beschritten und eine neue Musikschule geplant.
Picture
eines der vielen verkommenen Kulturheime St. Pöltens, welche wie SPÖ Anlagevermögen verwaltet werden und für deren Nutzung gemeinnützige Vereine nach Auskunft ERU 140 / je drei Std. zahlen müssen.

Der pädagogische Mehrwert von kleinen Schulen in der Nachbarschaft

Während es wirtschaftlich sinnvoll erscheinen mag, die Allgemeinbildung dem Bund oder privaten Bildungsträgern zu überlassen, spricht pädagogisch und ökologisch einiges dagegen. Ein dezentrales System von kleinen Schulen, die Kinder und Jugendliche mit starkem Bezug zur Nachbarschaft ausbilden, ermöglicht eine abwechslungsreiche und erfahrungsbasierte Unterrichtsplanung. Schüler zentralistisch konzipierter Schulen müssen meist in weit entfernte Schulgebäude pendeln und haben keinen Bezug zu den die Schule umgebenden Ökosystemen. Kleine Mittelschulen in der fußläufigen Nachbarschaft des Wohnortes sind prädestiniert für einen sinnerfüllten Lehrplan, der sich mit den unmittelbaren Problemen und Lösungen im eigenen Lebensraum beschäftigt.
 
Unsere öffentlichen Mittelschulen sind zu Nachbarschaftsschulen prädestiniert. Nachbarschaftsschulen werden ua vom Pädagogen David Zobel umfassend beschrieben und gelten als jener Schultyp, an dem „place-based education“ also ortsbezogene Bildung umgesetzt werden kann. Die ortsbezogene Bildung versucht, Gemeinschaften zu helfen, indem sie Schüler und Schulpersonal bei der Lösung von Problemen der Gemeinschaft einsetzt. Die ortsbezogene Bildung unterscheidet sich von der konventionellen text- und klassenbasierten Bildung dadurch, dass sie die lokale Gemeinschaft der Schüler als eine der wichtigsten Ressourcen für das Lernen begreift. So fördert die ortsbezogene Bildung ein Lernen, das im Lokalen verwurzelt ist - in der einzigartigen Geschichte, Umwelt, Kultur, Wirtschaft, Literatur und Kunst eines bestimmten Ortes, d. h. im eigenen "Ort" oder unmittelbaren Schulhof, in der Nachbarschaft, Stadt oder Gemeinde der Schüler.
Picture
Dieser Pädagogik zufolge verlieren bereits Grundschüler oft das, was ortsbezogene Pädagogen ihren "Sinn für den Ort" nennen, wenn sie sich zu schnell oder ausschließlich auf nationale oder globale Themen konzentrieren. Damit soll nicht gesagt werden, dass internationale und nationale Themen für die ortsbezogene Bildung nebensächlich sind, sondern dass die Schüler zunächst ein Grundwissen über die Geschichte, Kultur und Ökologie ihrer Umgebung erwerben sollten, bevor sie sich weiterführenden Themen zuwenden.
 
Ortsbezogene Bildung ist oft interdisziplinär. Sie lässt sich mit mehreren beliebten pädagogischen Ansätzen verbinden, darunter thematisches, praktisches oder projektbasiertes Lernen. Ortsbezogene Lehrpläne beginnen mit Themen oder Fragen aus der lokalen Gemeinschaft, wobei der Aufenthalt und die Erkundung des die Schule umgebenden Lebensraumes von außerordentlicher Bedeutung ist. Während in einer konventionellen Schule 90% der Zeit und mehr im Schulgebäude verbracht wird, verbringen die Schüler einer ortsbezogenen Nachbarschaftsschule viel Zeit in der Schulumgebung.
Picture
Gerade aus der Sicht des Klimawandels ist das Vorgehen der Stadtregierung grob fahrlässig bzw vorsätzlich unverantwortlich. EUR 60 mio in die Kulturhauptstadt 2024 zu investieren und dabei Kunstprojekte wie jenes der Tangente St. Pölten mit mehreren Millionen Euro zu bedienen, anstatt unsere Kinder und Jugendlichen mit jenen Mitteln auszustatten, die sie die bevorstehende Krise meistern lassen, wird früher oder später in Frage gestellt werden und jene, die derartige Entscheidungen, über die Allokation von öffentlichen Mittel, getroffen haben, werden sich rechtfertigen müssen. Wenn nicht rechtlich, so zumindest moralisch.
 
Habe ich getan, was in meiner Macht stand, um die nächsten Generationen in der notwendigen ökologischen und sozialen Transformation bestmöglich zu unterstützen? Der Einsatz öffentlicher Gelder ist hierbei von zentraler Rolle, da sie darüber entscheiden, wieweit die bereits mobilisierte Bevölkerung sich in die eine oder andere Richtung bewegen kann. In St. Pölten baut die Mehrheitsregierung der SPÖ eine staatskapitalistische Festung, die die Bevölkerung zunehmend ausschließt. Die Unternehmungen der Stadt sind auf Profit gerichtet und selbst wenn etwas anderes kommuniziert wird, so werden die Bedürfnisse der Kinder und der Jugend ignoriert. Kann es so zu einer kulturellen und sozialen Transformation kommen?
 
Die 150 Seiten umfassende Leitkonzeption Öffentlicher Raum aus dem Jahr 2019, die diese Woche im St. Pöltner Rathaus bei einem Symposium des TU Wien future.lab wieder zu lesen war, zeigt, dass die Stadtväter ihren Fokus klar auf Stadtplanung und Kulturentwicklung gelegt haben. Im Magistrat sind Kultur und Bildung zwar in einer Abteilung zusammengefasst, aber die Leitkonzeption zeigt, dass Kultur durchaus ohne Bildung gedacht und gemacht werden kann. Weder Schulen, noch Kinder noch Jugend werden in diesem für die Stadtplanung strategischen Dokument einmal erwähnt. Der öffentliche Raum gehört offensichtlich einer Gruppe, die aus Stadtplanern, Kunsttreibenden und Immobilienentwicklern besteht und sich unter dem Deckmantel Kulturhauptstadt 2024 gefunden hat.
 
Es ist somit auch vier Jahre nach der Verfassung der Leitkonzeption nicht verwunderlich, dass die Mittel der Stadt in die aufwendige Sanierung des Promenadenringes, die Neugestaltung des Europaplatzes (EUR 7,8 mio und EUR 840k), die Betonierung des Domplatzes (EUR 7.8 mio für Ausgrabungen, EUR 3.5 Mio für Betonierung, davon fast EUR 300k für Sprühanlage) gehen, und die Stadtregierung ähnliche privatwirtschaftliche Projekte wie das Quartier Mitte oder die WEE Gründe unterstützt, für die Altbaumbestand gefällt und nicht notwendige Parkflächen erbaut werden.

Von den lokalen Machenschaften in St. Pölten kann man überregional und international lernen, denn die Machtverschränkung zwischen Politik, Finanz und Immobilienentwicklung und insbesondere Massensport konzentriert auch anderorts wichtige Mittel, die für die ökologische Transformation eingesetzt werden müssten. So ist ein großer Teil der oö Wirtschaft und Politik der Meinung, dass Linz eine EUR 100 mio teure Raiffeisenarena (zusätzlich zum EUR 44 mio teuren, neuen Stadion der FC blau weiss) benötigt, während der ohne Zweifel dringlichere Ausbau des Strassenbahn-Netzes in der schnellwachsenden zweitgrößten Agglomeration Österreichs nur schleppend vorangeht. Der Fall des Immobilientycoon Benko ist Sinnbild einer Gesellschaft, die ihre Werte überprüfen muss, bevor sie investiert oder Investitionen ermöglicht. Infrastruktur muss dem Gemeinwohl und nicht den Interessen weniger Superreicher dienen. Ebenso ist der Wahnsinn des boomenden F1 Zirkus, der von unterschiedlichsten Staaten und Städten unterstützt wird nicht nur zu hinterfragen, sondern als eine Subvention von Klimasündern zu qualifizieren, die eine Transformation Richtung sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit unmöglich macht. Couragierte Politiker auf allen Ebenen der Verwaltung sind jetzt notwendiger denn je, um öffentliche Mittel in die richtigen Projekte zu investieren. 

Quellen:
 
  • Staatskapitalismus: https://www.researchgate.net/publication/370903900_The_State_and_Capitalism_in_China
  • Systemkonforme Korruption: https://www.goodreads.com/book/show/32660782-china-s-political-system
  • Informatik Mittelschule Stockerau: https://www.mint2000.at
  • Kreativ-Mittelschule Stockerau: https://kreativnms-stockerau.ac.at/
  • Sanierung Volksschulen Stockerau: https://www.meinbezirk.at/korneuburg/c-lokales/volksschul-sanierung-in-stockerau-um-18-millionen-euro_a5522284
  • Kinderkunstlabor St. Pölten: https://www.meinbezirk.at/tag/kikula
  • Wege zur schulzentrierten Naturverbindung: https://www.greensteps.me/library/-zur-schulzentrierten-naturverbindung.php
  • EUR 11 mio für neue Musikschule: https://musikschule-stp.at/blog/2021/neuer-standort-musikschulcampus/
  • EUR 60 mio für Kulturhauptstart 2024: https://kurier.at/chronik/niederoesterreich/sankt-poelten/landeskulturhauptstadt-2024-drueckt-auf-st-poeltner-budget/402232539
  • Leitkonzeption Öffentlicher Raum St. Pölten: https://www.raumposition.at/wp-content/uploads/2020/05/STPO%CC%88R_Schlussbericht_web.pdf
  • EUR 3.5 mio für Domplatz: https://www.heute.at/s/beton-wueste-hitze-debatte-um-domplatz-in-st-poelten-100281969
  • EUR 7,8 mio für Domplatz Ausgrabungen: https://www.st-poelten.at/news/13368-ausgegraben-10-jahre-archaeologie-am-domplatz
  • EUR 7, 8 mio für Europaplatz: https://www.st-poelten.at/news/presse/18158-mehr-aufenthaltsqualitaet-am-europaplatz
  • EUR 840k für Kunstwerk am Europaplatz: https://kurier.at/chronik/niederoesterreich/sankt-poelten/st-poelten-windfaenger-europaplatz/402627344
  • https://kurier.at/sport/fussball/baukosten-raiffeisen-arena-lask/402639011
  • https://www.skysportaustria.at/ein-einzigartiges-schmuckstueck-blau-weiss-linz-praesentiert-neues-stadion/
  • Das Signa Immobilienimperium ist angeschlagen: https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-11/rene-benko-signa-holding-beiratsvorsitz-oesterreich
  • Formel 1 – Auf Speed: https://www.zeit.de/2023/49/toto-wolff-formel-1-motorsport-mercedes
0 Comments

Wege zur schulzentrierten Naturverbindung

9/28/2023

0 Comments

 
27.September 2023. Eine Exkursion zu fünf Modellschulgärten in Niederösterreich zeigt auf, warum Grobmotorik-Parks nicht mit Naturerfahrung verwechselt werden dürfen; warum Primärerfahrungen wieder die Regel werden müssen; warum es keinen Weg vorbei an der Tagesschule gibt, und wir uns ideologische Auseinandersetzungen nicht mehr leisten können; und warum bessere Schulgärten nur der erste Schritt am Weg zur schulzentrierten Naturverbindung sind.
Exkursion mit der Familienland GmbH zu Modell Schulgärten in Niederösterreich. Ein gut gefüllter Bus verlässt am frühen Morgen das Landesregierungsviertel in St. Pölten, nachdem es sich die Landesrätin Teschl-Hofmeister nicht hat nehmen lassen die Delegation von Gemeindevertretern, Schulleitern und Lehrern in einer für die steilen Hierarchien des formellen Schulsystems passenden Weise zu verabschieden: „Ich wünsch euch einen schönen Tag, leider kann ich nicht mit, auf mich warten Budgetgespräche, ich würd mir auch lieber Spielplätze ansehen. Benehmt’s euch und danke fürs Kommen.“

Wir überqueren die Donau und tauchen in das Waldviertel ein, wo wir am Vormittag drei Gemeinden besuchen, deren Schulgärten mit Unterstützung der Familienland GmbH neu angelegt oder saniert wurden. Die Intention ist gut: raus aus den Klassen und mehr Möglichkeiten für die Kinder, sich zu bewegen. Die Familienland GmbH schafft allerdings einen etwas staatskapitalistisch anmutenden Rahmen: die ÖVP dominierte Landesregierung Niederösterreichs durchdringt mit ihren in gemeinnützigen Gesellschaften mit beschränkter Haftung verpackten Angeboten den gesamten Kultur- und Bildungssektor in einer Monopolartigkeit, die für sich genommen eine Antithese von Kreativität und freier Entfaltung ist.

Die Spaltung des Landes in politische Lager ist bei dieser Veranstaltung eindeutig: ich bin der einzige Vertreter aus der sozialdemokratisch dominierten Landeshauptstadt. Alle anderen Teilnehmer sind aus Landgemeinden: nach wie vor die Hochburg der christlich-sozialen Partei und somit erste Zielgruppe einer Landesorganisation. Eines wird hierzu Orts stehts wiederholt: wer das Geld hat, hat das Sagen. Die Schulgartenprojekte der Familienland GmbH werden vom Land zu 50% mit einem Projektvolumen von maximal EUR 40k gefördert. Angeblich über 300 derartiger Projekte wurden bereits umgesetzt und man ist stolz, verschiedene Beteiligungsprozesse entworfen zu haben, um vor allem die Kinder in die Planung der neuen Schulgärten zu involvieren.

Es sind ideologische Konflikte, die die einheitliche Einführung von Tagesschulen verhindern. Während sich im sozialdemokratischen Wien Ganztages-Bildungsangebote hoher Beliebtheit erfreuen, sind diese in Niederösterreich eine seltene Ausnahme. Selbst im sozialdemokratischen St. Pölten ist das Schulwesen von der Nachmittagsbetreuung strikt getrennt. In den christlich-sozial dominierten Landgemeinden will man den Stereotyp der bäuerlichen Großfamilie nicht weiter erodieren, indem man die Kinder den Großeltern oder der zur Verfügung stehenden Mutter am Nachmittag entzieht. Aber selbst christlich-konservative Parteigänger unter den Lehrern sehen diesen Familientypus aussterben. Der Ganztagesschule, die umfassenden Naturraum-Unterricht anbietet steht nur eigentlich nur die mangelnde Transformationsfähigkeit des Schulsystems im Wege. Vielleicht brauchen wir noch eine Pandemie, um diese unumgängliche Notwendigkeit für unsere Kinder (wie auch Lehrer) zu erkennen.

Picture
Unser erster Halt ist Lengenfeld, wo uns der Bürgermeister an der Tür des Bildungscampus empfängt. Ein architektonisch ausgezeichnetes Projekt, welches alte Bausubstanz mit neuer gelungen verknüpft. Der kleine Schulgarten wurde während der Covid-Pandemie saniert und eröffnet. Zwei Volksschul-Klassen singen uns ein Lied und die Direktorin schildert ihre Erfahrungen.

Wie bereits bekannt, wird die Rolle des Schulwarts betont. Wer sich mit place-based education auseinandersetzt, muss früher oder später zum Schluss kommen, dass der Direktor einer Schule auch der leitende Schulwart zu sein hat, dem ein Team von Landschaftsgestaltern zuarbeiten. Die kleine Grundschule hat nur 68 Schüler, die sich über einen Garten freuen dürfen, in dem einige alte Kastanien stehen. Die Sanierung hat eine slackline, eine Kletterwand und ein Krabbelnetz gebracht. Schaukel und Rutsch hat die Schulleiterin aufgrund ihrer Erfahrung aus dem Konzept gestrichen, denn „vor und hinter der Schaukel muss ständig beaufsichtigt werden und bei der Rutsche wollen die Mädchen runter, während die Buben immer nur von untern nach oben klettern.“

Unser zweiter Halt führt uns nach St. Leonhard, wo die Mittelschule vor kurzem geschlossen wurde. Die verbleibenden jahrgangsübergreifenden Grundschulklassen bevölkern den einladenden Spielplatz neben der Schule jedoch mit lautstarker Lebendigkeit. Die Kinder machen sich an der Wasserpumpe zu schaffen und bauen einen Damm in der anschliessenden Sandkiste. Zusätzlich zu Kletterwand, Balancierbalken und Kletternetzen, gibt es hier auch eine Rutsche und einen Pavillon. Nachdem dieser Schulgarten nicht vom Dorf räumlich abgetrennt ist, wurde er generationenübergreifend entworfen. Der mit Stroh bedeckte Pavillon, lädt mit weiteren Sitzmöglichkeiten und Tauschbücherschränken dazu ein, auch nach Schulende zu verweilen.

In St. Leonhard fällt auf, dass die Schule wirklich ein Teil des Dorfes ist. Vielleicht war deshalb die Beteiligung der Eltern bei der Bepflanzung so hoch. Vandalismus, so die Antwort der Gemeindesekretärin, sei noch nie ein Problem gewesen. Im Gegenteil, man hilft zusammen, um den Garten zu erhalten. Landjugend und Bauhof haben viel Eigenleistung beigesteuert, um den Ort kindergerecht zu machen. Das wird gedankt: die Kinder haben eine 30 minütige große Pause, die sie bei jeder Witerung im Garten verbringen.

Primär- vs. Sekundärerfahrungen

Nach dem Besuch von zwei Grundschulen, erwarte ich mir beim dritten Halt in Groß Siegharts neue Einsichten. Dort wird von der Gemeinde die stattliche Summe von EUR 6 mio investiert um ein Schulzentrum zu errichten, welches Mittelschule, Sonderschule und Grundschule beherbergen wird. Der Um- und Zubau der aus den 70er Jahren stammenden Bausubstanz ist bereits fast abgeschlossen, der neue Schulgarten wird bereits seit einem Jahr von der Mittelschule benützt.

Während der Gemeindevertreter eine überlange Ansprache hält und den Schulleiter nicht zu Wort kommen läßt, befrage ich diesen nach den Benützungsverhalten der Mittelschüler. Dies würden zumeist nur in Schaukel und Hütte herumlungern, erwidert mir dieser. Die Altersgruppe sei schwer zu bewegen, aber das werde sich ändern, sobald die Grundschüler das Gebäude beziehen.

Der Schulhalter ist überrascht, daß auch in Groß Siegharts die anziehendsten Elemente das Wasser und der Sand sind. Ich erinnere mich an Richard Loevs Buch „Last Child in the Woods“, in dem er beschreibt, daß unsere Kinder immer weniger Primärerfahrungen haben. Alles wird vermittelt, auf Tafeln und whiteboards, über gedruckte und digitale Bücher, Filme, Animationen und natürlich dem Internet. Sekundärerfahrungen sind die Regel im Bildungssystem der Moderne. Primärerfahrungen sind die Ausnahme geworden.

Ein Schulgarten hat das Potenzial Primärerfahrungen wieder in den Vordergrund zu heben, doch fehlt Ingenieuren, Landschaftsgestaltern und Schulpersonal zumeist der Einblick, der für jeden Naturpädagogen nur des Hausverstands bedarf: vorgegebene, sich immer wiederholende Infrastrukturelemente, die vor allem die Grobmotorik fördern, sind nicht genug, um Kindern freies Spiel und anregende Momente innerhalb des Systems Schule zu bieten. Die industrielle Bildung der Klassenzimmer wird im Schulhof und -garten oft fortgesetzt. 

Kinder benötigen Primärerfahrungen, die nicht geplant sind. Die Wasserpumpe und der Sandkasten ermöglichen dies, da Wasser und Sand sich ständig verändernde Elemente sind, die von den Kindern geformt werden können und sich nachgiebig formen lassen. Es sollte das Ziel von Schulgärten sein, derartige Interaktionen zu vermehren, anstatt dieselben Elemente als industriellen Standard immer wieder zu verwenden.
Picture

Gebaute vs. Gewachsene Infrastruktur

Wahre Freiraumgestaltung beginnt bei den Pflanzen, die wir im Schulgarten anbauen, aufziehen und über die Jahreszeiten hinweg pflegen oder dem Biotop, in dem sich bei Schulbeginn und Schulende unterschiedliche Insekten tummeln. Der Prozess des Gärtnerns schafft eine zweite Form von Infrastruktur, die sich ständig verändert. Während die Initialkosten im Vergleich zu Grobmotorik-Parks niedrig sind, muss ein organischer Garten tagtäglich gepflegt werden und die Früchte dieser Arbeits sind im wahrsten Sinne des Wortes oft erst Jahre später zu ernten.

Im Gespräch mit fünf Schulleitern, zu deren Mittagstisch ich mich geselle, kommt sofort der Einwand der Sommerbetreuung auf. Niemand würde sich über die Sommermonate finden und der Schulwart würde ohne Mehrbezahlung immer weitere Agenden übernehmen müssen. Der Schulwart scheint mit dem steigenden Interesse an Zeit im Freien, eine immer gefragtere Person zu sein, und ich scherze, dass ich mich gerne Teilzeit umschulen lasse.

Wie langweilig ein Schulgarten wirkt, der ohne durchdachte gewachsene Infrastruktur geplant wurde, zeigt das Projekt Groß Siegharts, das vom Vertreter der Gemeinde zwar hoch gelobt wird, aber zutiefst enttäuschend ist. Ein einziger Baum bietet zu wenig Schatten, den man mit Sonnendächern beheben will. Die wenigen Sträucher sind friedhofsartig zurückgestutzt. Wie sich fast 200 Schüler an diesem Standort in der Natur entfalten und wohlfühlen sollen, ist mir ein Rätsel. Der Schulleiter zeigt auf einen turnierfähigen Fussballplatz, auf dem sich wie an jeder Schule nur eine gewisse Gruppe von Schülern finden wird.
Picture
Offene vs. Geschlossene Schulgärten

Ein Problem des Standortes Groß Siegharts mag die Trennung des Schulgartens vom Rest der Markgemeinde sein, die eine fortlaufende Beteiligung der Bevölkerung ermöglichen würde. Unser vierter Halt in Groß Gerungs zeigt wie ein offener Schulgarten einen Mehrwert für die Anrainer darstellt und das Mitwirken anderer gesellschaftlicher Gruppen anspornt.

Ebenfalls während der Covid-Pandemie über Videokonferenzen und emails geplant, hat die Förderung der Familienland GmbH eine kleine Bewegung ins Leben gerufen. Der Grobmotorik Park wurde von den Schülern der polytechnischen Schule mit einem selbstgebauten Freiraumklassenzimmer ergänzt. Die Landjugend hat drei Hochbeete, einige Freiluftliegen und eine Traubenhecke beigesteuert. Man spürt, dass in Groß Gerungs etwas in Bewegung geraten ist.

Die Leiterin der Mittelschule und jene der Grundschule erklären, dass Covid in Groß Gerungs einen äußerst positiven Effekt hatte, weil man in den Pausen nach und nach gezwungen war, mit den Kindern ins Freie zu gehen. Die Neugestaltung des Schulgartens hat daher einen positiven Rückenwind durch Covid erfahren und allen Beteiligten war klar, dass Kinder mehr Zeit an der Natur verbringen müssen. Wiederum wird die notwendige Unterstützung des Schulwarts sowie der fortlaufende Abgleich zwischen Schule und Bauhof für die Wartung der Infrastruktur hervorgehoben.
Picture
Sind 20 Minuten Freiluft genug?

Dennoch bin ich entsetzt wie wenig Bewusstsein für das elementarste Problem unseres Bildungssystems – den Raum - herrscht. Beide Schulleiterinnen sind berechtigterweise stolz auf die rasche und unerwartet umfangreiche Umsetzung des EUR 70k Projektes, drücken aber ihre Zufriedenheit aus, dass die Kinder nunmehr 20 Minuten täglich – bei fast jeder Witterung – im Freien verbringen.

Wenn ein Mensch, dessen entwicklungspsyschologische Natur es ist, herumzulaufen, den ganzen Tag über gezwungen wird, in geschlossenen Räumen zu sitzen, dann ist es logisch, dass man sich bereits über 20 Minuten Auslauf freut. Aber die Frage die wir hier stellen müssen ist eine andere: sind 20 Minuten Freiluft genug, um gesunde, kreative und umweltbewusste Kinder zu erziehen?

Während die Aufwertung von Schulgärten und -höfen, derer sich die Familienland GmbH dankenswerterweise angenommen hat, gerade im Grundschulbereich eine unumgängliche Maßnahme darstellt, um unsere Kinder aus dem industriellen Bildungsgefängnis zu befreien und besser auf die Klimakrise vorzubereiten, ist eine Reformation der Lehrpläne und eine Integration des Raumes, der die Schule umgibt und den Überlebensraum der Kinder bildet, dringend notwendig.

Wie schreibt Maria Montessori, “the child is in need of an environment in order to develop himself. Having accepted that, the next point is, what are we to do? What sort of environment must be prepared for the child so that it may be of assistance to him?” Bereits in der 3. Und 4. Schulstufe der Grundschule sind die Kinder bereit, den Schulgarten zu verlassen, und die Umgebung zu erkunden. Es sind die Jahre der späten Primärstufe und der frühen Sekundarstufe, in denen wir in unseren Köpfen die Landschaften formen, die uns ein ganzes Leben lang begleiten werden; an denen sich unserer Eindrücke als Erwachsener orientieren und erinnern werden.

Wir haben zumindest bereits eine Generation von Menschen erzeugt, die wenig Naturraumerfahrung besitzt und den Großteil ihrer Kindheit entweder zuhause oder in der Schule zugebracht haben. Gerade bei Schülern der unteren Sekundarstufe, die eigentlich fähig wäre Allmenden und Regionen zu erforschen und positiv zu gestalten, wirkt sich das Festhalten an Lehrplänen in Kombination mit digitalem Konsum verheerend aus. 
Picture
Mobile Campus 4.0 als Lösung

Der Mobile Campus 4.0 bietet eine Lösung für das Dilemma, in dem sich Schulen, Schüler und Lehrer befinden: die Beschränkung des Raumes durch Lehrplan und Haftungsfragen. Das Erfahren lokaler Ökosysteme - ausgehend vom Schulgebäude - muss ein zentrales Bildungsziel sein, wollen wir die nächste Generation auf die Klimakrise und deren Bewältigung bestens vorbereiten.

Mit der Unterstützung eines maßgeschneiderten web-apps wird die Erkundung, Erfassung und Gestaltung des erweiterten Lebensraumes zu einem Abenteuer. Vorbereitete, aber dynamisch änderbare Wanderrouten entlang der wesentlichen Naturmerkmale ermöglichen das fundierte Kennenlernen des Lebensraumes. Primärerfahrungen werden wieder die Regel, während Sekundärerfahrungen unterstützend in den Hintergrund treten.

Ökologische Intelligenz wird spielerisch gefördert, indem teilnehmende Schüler Bäume und andere Naturelemente messen, beschreiben, kartieren, über diese recherchieren, schreiben oder sich damit künstlerisch auseinandersetzen. Routenentwicklung und -ausschilderung bedarf der Zusammenarbeit im Team und schult in Selbst- und Fremdwahrnehmung.
Picture
Schulfreiräume als Sicherheitszonen

Daß sich die Realität von Stadt- und Landkindern in Österreich nicht mehr drastisch unterscheidet, und der Mobile Campus 4.0 auch in ländlichen Gemeinden Anwendung finden wird, bestätigt unser fünfter und letzter Halt an diesem einblicksreichen Tag. Im 600 Einwohner zählenden Aggsbach empfängt uns der Vizebürgermeister auf einem etwa 1000m2 großen Grundstück, das etwa 200m von der Grundschule entfernt liegt.

Obwohl die Grundschule nur 8 Schüler zählt, wurde in Aggsbach ein EUR 45k teurer Freiraum im Jahr 2019 als erstes Projekt der Familienland GmbH gebaut. Man fragt sich, warum eine derart kleine, naturverbundene Gemeinde wie Aggsbach, das an der Donau in der schönen Wachau liegt, einen Schulfreiraum benötigt. Die Antwort geben zwei Kinder, die ich antreffe und frage, was ihnen hier am meisten Spass macht. Die Antwort ist wieder die Wasserpumpe. „Das können wir trinken, damit spritzen und spielen.“ Aber warum geht ihr nicht einfach zur Donau? will ich weiter wissen, „Weil uns unsere Eltern nicht lassen.“

Schulfreiräume wie jener in Aggsbach zeigen, dass wir unseren Kindern kein freies Spiel mehr erlauben und damit immer weniger authentische Naturerfahrung ermöglichen. Wenn wir die Entwicklung der nächsten Generation ernstnehmen, dann müssen wir den Raum, den Kinder sich erarbeiten dürfen, umfassend – über das Schulgebäude und den Schulgarten hinaus - betrachten. Wir müssen ihnen die Zeit geben, diesen Raum zu erfahren und die Freiheit, Erfahrungen selbst zu steuern. Dabei geht hin- und wieder etwas schief, keine Frage. Aber Kratzer, Beulen, Schürfwunden und ein gebrochener Arm wiegen weniger als eine von der Natur entfremdete Menschheit.
Picture
Weiterlesen:

  • https://en.wikipedia.org/wiki/Place-based_education
  • Handbuch der LReg Oberösterreich, Wege zur Natur im Schulgarten
  • Richard Louv, Last Child in the Woods
  • Lia Karsten, It All Used to Be Better? Different Generations on Continuity and Change in Urban Children’s Daily Use of Space
  • Richard Louv, Engaging children in Nature
0 Comments

Welcome to THE MACHINe

9/16/2023

0 Comments

 
Erster Tag an der pädagogischen Hochschule Krems. Induktionsphase für Neulehrer.  Quereinsteiger, egal welchen Alterns und welcher Berufs- und Lebenserfahrung werden mit oft gerade über 20jährigen Bachelorabsolventen für eine Woche in AudiMax Lehrveranstaltungen zu den Themen Projektmanagement, Konfliktprävention, Leistungsbeurteilung, Kommunikation, Recht, Personalwesen, etc. zusammengeworfen.
 
Der Vizerektor betont bei seiner Ansprache, dass die ersten Wochen in einem neuen Job oft darüber entscheiden, wie lange der Arbeitnehmer im Unternehmen bleibt. Nur wenige Minuten später schneidet die erschöpfte Stimme der Lehrgangsleiterin durch den Hörsaal und verkündet den Ernst des Lebens in einem Tonfall der eher für einen Lehrjungen als für angehende Lehrer passend ist. Die Junglehrer (nicht die Quereinsteiger) werden ermahnt sich besser zu organisieren und nicht wegen jeder Kleinigkeit in Panik zu geraten und durch Telefonate und SM Nachrichten Panik zu verbreiten.  
 
Einer anderer Lehrgangsleiter verkündet, welcome to dark side, womit sich der Eindruck erhärtet, dass die Dark Side nicht bei den Schülern, sondern bei den Lehrern zu suchen ist. Der Präsenzteil der Induktionsphase ist stark mit den Themen Recht und Mobbing besetzt; auch jetzt, wenige Wochen später hallt der Eindruck nach, dass man als Lehrer viele Angriffsflächen hat, die man selbständig abdecken muss. Die wichtigsten sind Leistungsbeurteilung und Aufsichtspflicht. Eine kleine Unachtsamkeit kann in diesen beiden Bereichen der Lehrtätigkeit zu schwersten Folgen führen. Es werden unzählige Beispiele aus der Praxis angeführt und ich erinnere mich schweren Herzens des Ethologen John Calhoun, der in den 1960er Jahren die Mouse Utopia Versuche durchgeführt und dadurch den Begriff behavioral sink geprägt hat: pathologisch gestörtes Sozialverhalten verursacht durch zu wenig Rückzugsraum.
Picture
Am zweiten Tag entdecke ich überrascht und leicht entsetzt ein Edelstahlnetz, welches das gesamte Stiegenhaus der pädagogischen Hochschule verkleidet. Die Installation ist neu und äußerst hochwertig. Ich kann nur erahnen wie viele tausende Euro diese Infrastruktur gekostet haben muss. Mein intuitiver Eindruck: es handelt sich um eine Suizidpräventionsmaßnahme. Wahrscheinlich hat sich an dieser Bildungseinrichtung vor kurzer Zeit jemand das Leben genommen, indem er sich das Stiegenhaus hinuntergestürzt hat. Szenen der Selbstmordvorfälle bei Foxconn ziehen auf meinem geistigen Schirm vorbei.
 
Das Thema läßt mich während meiner Zeit an der PH Krems nicht ruhen, daher frage ich eine Mitarbeiterin, die mir einen Hörsaal öffnet. Sie teilt meine negative Wahrnehmung, erklärt mir aber, dass es keinen Selbstmord gegeben hat. Das Edelstahlnetz seit installiert worden, weil die Gebäudeaufsicht es vorgeschrieben hat. In der Tat sei es sehr teuer gewesen. Der Eindruck bleibt, dass man sich an der PH Krems in einem Hochsicherheitstrakt befindet, in dem der Absturz in einem Stiegenhaus in der Gegenwart verhindert werden muss, obwohl es seit der Errichtung des Gebäudes in den 1960er Jahren dafür keinen Anlassfall gegeben hat.
 
Das Thema pathologisch abnormales Verhalten ist dennoch nicht aus dieser Woche wegzudenken. Das gesicherte Stiegenhaus wird zu einem Bild für den wesentlichen Eindruck, den ich von dieser akademischen Einführung in die Profession des Lehrers erhalte: es handelt sich um ein System, in dem viele Einzelne zweifelsfrei Gutes vollbringen wollen, welches aber Dynamiken erzeugt, die systemimmanent sind und nicht überwunden werden können. Das System definiert seine Akteure. Viktor Frankls Schilderungen vom nationalsozialistischen Konzentrationslager, das Stanford prison experiment und das Prisoner’s Dilemma erscheinen am Radar.
Picture
Aus systemischer Perspektive ist es unzweifelhaft, dass die pathologischen Entgleisungen des sozialen Verhaltens auf der Seite von Schülern und Lehrern zumeist nicht in der Person selbst, sondern in der Beschaffenheit des Raumes zu suchen sind. Es sollte für einen systemfremden Beobachter, aber auch für einen noch nicht betriebsblinden Lehrer unübersehbar sein, dass viele der Probleme der formellen Bildung durch eine Veränderung der Raumdimension zu lösen sind. Eine Öffnung der Schulgebäude und zumindest 1-2 volle Tage außerhalb dieser geschlossenen Anstalten würde bereits erhebliche Verbesserungen schaffen.
 
Stattdessen übt man angehende Lehrer in der Prävention, dem Unterbinden und der Aufarbeitung von Mobbingfällen, und man spürt sofort, dass man unsicheres Terrain betritt, Glatteis auf dem man vor Schülern, deren Eltern, den Kollegen, dem Schulleiter und der zuständigen Bildungsbehörde krachend ausrutschen kann. Von einer Kollegen wird mir noch in der ersten Woche der Abschluß einer Rechtsschutzversicherung nahegelegt. Ein männlicher Kollege rät mir niemals als Mann erste Hilfe zu leisten, und sogar das Anlegen von Pflaster einer weiblichen Kollegin zu überlassen. Man kommt zu einfach in den Verdacht pädophil veranlagt zu sein, erklärt er seinen Ratschlag. In diversen Gesprächen drängt sich mir die Frage auf, ob man als Lehrer nicht dazu gedrängt wird, erste Hilfe zu unterlassen. Ein krasser Widerspruch zu meinem Engagement als Umweltpädagoge und Ersthelfer, der sich alle zwei Jahre neu qualifizieren lässt.  
 
Ein ganzer Tag ist der Personalvertretung gewidmet, die sich aus Funktionären der Lehrergewerkschaft zusammensetzt. Ehemalige Lehrer, die seit 10 und mehr Jahren hauptberuflich die Interessen dieser Berufsgruppe vertreten, briefen uns über Themen wie Lohnansprüche, Titel und Dienstweisungen. Ich träume über das Ministry of Tofu, wache aber auf und erkenne, dass das Ministry of Magic unglaublich aufgebläht ist und mir dämmert, warum das österreichische Bildungssystem eines der teuersten der Welt ist, aber nur mediokre Resultate zeitigt.
 
Mein Arbeitgeber, die Bildungsdirektion Niederösterreich, läßt mich wissen, dass ich erst im Oktober, 6 Wochen nach Dienstantritt, meine Dienstemail erhalten werde. Meine neuen Kollegen, meinen: wenn es gut geht. Der MOOC, den ich vor meiner Woche an der PH Krems absolvieren muss, ist mit den Vorlesungen stark überlappend. Die Teilnahme wird für Quereinsteiger bei beidem erzwungen und ist nicht auf das Vorwissen der Teilnehmer abgestimmt. Schon in den ersten Wochen stellt sich durch das Abzeichnen der Anwesenheit, Dienst nach Vorschrift ein. Es geht mehr um Zertifikate und Titel, weniger um die Sache an sich.
 
  • John Calhoun’s Mouse Utopia Experiment
  • John Calhoun’s Mouse Utopia Experiment and Reflections on the Welfare State
  • Stanford prison experiment
  • Viktor Frankl, Man’s Search for Meaning
  • Knut Wimberger, On the Education Crisis and the Prisoner’s Dilemma
Picture
0 Comments

Über DIE TOTALE NIEDERLAGE DES BILDUNGSEWESENS

8/30/2023

0 Comments

 
So titelt das Zeit Magazin diese Woche.
0 Comments

SOLDATEN ALS LEHRER

8/5/2023

0 Comments

 
Während sich (nicht nur) die Sprosse von wohlhabenden Konservativen in fast jeder Bildungsökonomie an Privatschulen zusammenrotten, um zunehmend kompetitiven Arbeitsmärkten vorzubauen und zunehmend heterogene Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden, schlägt die konservative Partei Österreichs vor, in öffentlichen Schulen gezielt Soldaten als Lehrer anzuwerben.

Nun ist es richtig, dass das Bildungssystem an sich in einer Schieflage ist und der Lehrermangel addressiert werden muss. Es ist auch richtig, dass der neuerdings mögliche Quereinstieg in die Pädagogik jeder Berufsgruppe offensteht, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt werden. Dies trifft auch auf Berufssoldaten zu. Aber weder eine veränderte geopolitische Lage noch bevorstehende Klimakatastrophen rechtfertigen die betone Anwerbung von Berufssoldaten als Lehrer.

Der Grund liegt hierfür in der systemischen Färbung des Militärs, welches aus einer Ära stammt, in der alles gelb-orange und durch schwere top-down Hierarchien geprägt war. Schule soll und muss sich von dieser Färbung wegentwickeln und so wie von Ken Wilber oder Frederik Laloux beschrieben, eine Veränderung der Gesellschaft Richtung teal ermöglichen.
Picture
Es ist davon auszugehen, dass Personen aus Berufsgruppen, die traditionell gelb oder orange gefärbt sind, eine Transformation des Bildungswesens noch unwahrscheinlicher machen als dies ohnehin bereits der Fall ist.
0 Comments

KAIZEN FÜR DAS BILDUNGSSYSTEM!

7/25/2023

0 Comments

 
Picture
Beglaubigung offizieller Dokumente! Als ob es in Zeiten der Digitalisierung, der digitalen Bürgerkarte, der digitalen Unterschrift, nicht möglich wäre, die Authentizität von Dokumenten einfacher zu überprüfen.
Ich muss mir einen Termin vereinbaren, um die Echtheit der Dokumente, welche alle bereits bei der Bildungsdirektion im Zuge der Bewerberbung eingelangt sind, persönlich zu bestätigen.
Bedenkt man diesen Verwaltungsaufwand, ist es kein Wunder, dass das ö Bildungssystem eines der teuersten der Welt ist - und es liegt auf der Hand, dass die finanziellen Mittel nicht in der Bildung der nächsten Generation, sondern im Betrieb einer obsoleten Verwaltungsstruktur aufgehen.

Digitale Erfassung. Bitte. Heute.

Terminvereinbarung bei der Bildungsdirektion NÖ. Der Kollege am Telefon erklärt auf meinen Hinweis der möglichen Digitalisierung, dass "bei uns das eben noch notwendig ist ... geändert wird das vielleicht irgendwann einmal ... aber ich bin nur ein kleiner Mitarbeiter." Dem Bildungswesen würde jedenfalls eine deftige Ladung Kaizen (nein, keine energy drink, sondern eine japanische Management Methode) gut tun. Denn es sind die kleinen Mitarbeiter, die wesentlich an der Verbesserung einer Organisation mithelfen können.
Picture
0 Comments

QuerEINSTIEG

7/13/2023

0 Comments

 
Erster Geschmack des formellen Bildungssystems: Einführungsveranstaltung für Quereinsteiger an der PH Niederösterreich. Die Vortragende ist stolz, dass sie 130 "ganz brave und fleissige" Studenten bei sich SITZEN hat. SITZEN ist das neue RAUCHEN. Das wesentliche Problem im gegenwärtigen Bildungssystem ist das SITZEN. Wir müssten LAUFEN. GEHEN. WANDERN. Die Natur erkunden.
0 Comments

StinKNORMALE BERUFE ...

6/17/2023

0 Comments

 
... die technologischem Fortschritt zum Opfer gefallen sind.
0 Comments
<<Previous
Forward>>

    Archives

    January 2026
    December 2025
    October 2025
    August 2025
    May 2025
    January 2025
    April 2024
    March 2024
    December 2023
    November 2023
    September 2023
    August 2023
    July 2023
    June 2023
    March 2023
    February 2023
    November 2016
    September 2016
    August 2016
    June 2016
    May 2016

    Categories

    All
    Jonas Merian
    Klaus Beck

    RSS Feed

Powered by Create your own unique website with customizable templates.