Der Medienkritiker Douglas Rushkoff beschreibt in seinem Buch Survival of the Richest mit „The Mindset“, eine Geisteshaltung der amerikanischen Tech-Elite, die selbst in der deutschsprachigen Übersetzung nicht übersetzt wird. Sie erinnert mich stark an Bret Easton Ellis American Psycho, der einen sexsüchtigen Wallstreet Banker beschreibt und Katy Cooks The Psychology of Silicon Valley, die emotional zurückgebliebene „tech nerds“ als Gefahr für die Menschheit darstellt. Was ist also mit dieser Geisteshaltung genau gemeint und warum ist sie so präsent in der Schnittmenge von Reichtum und Technologie?
Table of Contents
1. The Mindset. 1
2. Insulation Equation - Die Isolationsgleichung. 2
3. Die Bewusstseinskrise und deren Lösung im Buddhismus und Christentum 3
4. Klima- und Biodiversitätskrise als Chance. 6
5. Maßnahme 1: Bewusstseinsbildung durch KOL. 7
6. Maßnahme 2: Vermögensverteilung durch Bürgerdividende. 8
7. Maßnahme 3: Abhängigkeitsbildung durch Distributed Value Accounting. 9
8. Vom Mindset zum Human Hive. 11
1. The Mindset
Mit The Mindset beschreibt Rushkoff die Überzeugung, dass:
Rushkoffs Gegenposition ist das Konzept von „Team Human“: Langfristige Resilienz entsteht nicht durch Flucht und Abschottung, sondern durch starke Gemeinschaften, Kooperation und gegenseitige Abhängigkeit. Diese Idee verbindet Survival of the Richest direkt mit seinem früheren Buch Team Human.
Rushkoff formuliert in diesen beiden Büchern zwei extreme Thesen, die beide im Kern richtig sind. Einerseits entsteht langfristige Resilienz nicht durch Flucht und Abschottung, sondern durch starke Gemeinschaften, andererseits nimmt Flucht und Abschottung durch die Elite mit zunehmender Wohlstandskonzentration zu. Als kritischer Technooptimist glaube ich, dass die Lösung zwischen diesen beiden Position liegt. In der Tat scheint die Menschheit nicht fähig zu sein, das zentrale Problem von Machtkonzentration und Machtmissbrauch zu lösen. Stolze Demokratien wie Österreich oder Deutschland sind bekannt für ihr hohe Vermögenskonzentrationen und mangelnde soziale Durchlässigkeit. Demokratien, die keine ökonomische Beteiligung schaffen, sondern große Teile der Bevölkerung marginalisieren und am - durch wachsende Produktivität - insgesamt steigenden Wohlstand nicht teilhaben lassen, verdienen es nicht Demokratien genannt zu werden.
2. Insulation Equation - Die Isolationsgleichung
Technologie sollte daher eingesetzt werden, um starke Gemeinschaften zu fördern, anstatt die von Rushkoff beschriebene Isolationsgleichung zu unterstützen. Mit der „Isolationsgleichung“ (Insulation Equation) beschreibt Rushkoff eine Denkfigur, die er als Kern von The Mindset sieht: „Kann ich genug Geld verdienen, indem ich ein Problem verursache oder verschärfe, um mich anschließend vor den Folgen dieses Problems zu schützen?“
Beispiele wären:
Rushkoffs Kritik ist, dass die Eliten nicht mehr fragen: „Wie lösen wir das Problem?“ sondern: „Wie schütze ich mich vor den Folgen des Problems?“
Die Isolationsgleichung ist für ihn deshalb eine Art moralischer Kurzschluss: Man betrachtet Gesellschaft, Natur und andere Menschen als etwas, von dem man sich mit genügend Kapital und Technologie abkoppeln kann. Das hält er für eine Illusion, weil letztlich alle von denselben ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen abhängig bleiben.
Die Isolationsgleichung lautet: Gewinne privatisieren, Schäden externalisieren und sich anschließend von den Folgen freikaufen.
Interessant ist, dass Rushkoff die Isolationsgleichung nicht nur auf Milliardäre anwendet. Er sieht sie auch in abgeschwächter Form bei Unternehmen, Institutionen und sogar Einzelpersonen, wenn diese versuchen, sich individuell gegen gesellschaftliche Risiken abzusichern, statt an deren Lösung mitzuwirken. Diese Kritik kommt sehr nahe an die Lehre des Thomas von Aquin. Der Dominikaner und Philosoph Thomas von Aquin definierte die Trägheit in der Summa Theologica als Faulheit des Verstandes, die es versäumt, Gutes zu beginnen ...sie ist in ihrer Wirkung böse, wenn sie den Menschen so bedrückt, dass sie ihn gänzlich von guten Taten abhält.
Ich habe diese Geisteshaltung für das Bildungssystem mit Hilfe des Prisoners’ Dilemma beschrieben und gezeigt, dass Eltern individuell rational handeln, wenn sie Wettbewerbsvorteile für ihre eigenen Kinder anstreben – oft durch Privatschulen –, doch insgesamt verstärkt dies ein Bildungssystem, das zu einem gesellschaftlich nachteiligen Ergebnis führt: Stress, Ungleichheit, Verlust der Neugier und eine geschwächte Gemeinschaft.
3. Die Bewusstseinskrise und deren Lösung im Buddhismus und Christentum
Genau darin besteht die von Jiddu Krishnamurti berühmt beschriebene Bewusstseinskrise der Menschheit: wir sind nicht im Stande, uns trotz unserer Individualität als Teile eines großen Ganzen wahrzunehmen, dessen Wohlergehen vom Wohlergehen aller Teile abhängt. Interessanterweise kann in den Lehren von Propheten wie Buddha oder Jesus die Erkenntnis der Verbundenheit oder Brüderlichkeit als Kernbotschaft definiert werden.
Im Buddhismus wird Rücksicht auf andere Menschen durch eine Kombination aus Einsicht, Mitgefühl und gegenseitiger Abhängigkeit gelehrt. Eine grundlegende buddhistische Beobachtung lautet: So wie ich glücklich sein möchte und Leid vermeiden will, möchten das auch alle anderen Wesen. Wenn man diese Gemeinsamkeit erkennt, entsteht Mitgefühl (Karuna). Rücksicht ist dann die praktische Konsequenz daraus. Durch das Verständnis des abhängigen Entstehens erkennt man, dass niemand völlig unabhängig existiert.
Deshalb ist Rücksicht nicht nur altruistisch, sondern auch Ausdruck eines realistischen Verständnisses der Welt. Im Buddhismus bedeutet Karma nicht Schicksal, sondern: Absichtsvolle Handlungen haben Folgen. Wer aus Gier, Hass oder Rücksichtslosigkeit handelt, erzeugt häufig Leid – für andere und letztlich auch für sich selbst. Wer freundlich, großzügig und achtsam handelt, fördert dagegen Bedingungen für mehr Wohlbefinden.
Der Buddhismus lehrt nicht, dass man nicht existiert, sondern dass das isolierte, unabhängige Ego eine Fehlwahrnehmung ist. Je weniger stark man sich als getrenntes Wesen erlebt, desto natürlicher wird Rücksichtnahme. Die Grenze zwischen „mein Interesse“ und „dein Interesse“ wird durchlässiger. Im Udāna-Varga findet sich eine Aussage, die der Goldenen Regel ähnelt: „Behandle andere nicht auf eine Weise, die du selbst als verletzend empfinden würdest.“ Rücksicht wird also auch durch Empathie begründet: Man versetzt sich in die Lage anderer.
In manchen westlichen Traditionen lautet die Begründung: „Du sollst Rücksicht nehmen, weil es moralisch richtig ist.“ Im Buddhismus lautet die Begründung eher: „Wenn du die Natur der Wirklichkeit klar erkennst, wird Rücksichtnahme zu einer natürlichen Folge dieser Einsicht.“ Mitgefühl und Rücksicht sind daher nicht nur moralische Pflichten, sondern Ausdruck von Weisheit (Prajñā). Wer erkennt, wie eng alle Wesen miteinander verbunden sind, hat weniger Anlass, andere zu verletzen und mehr Anlass, fürsorglich zu handeln. Im Angesicht unserer zoologischen Einordnung als Homo sapiens (Latein für „weiser Mensch“), wäre es wünschenswert, daß wir zu dieser Einsicht endlich flächendeckend gelangen.
Jesus begründet die Rücksicht auf den Mitmenschen laut dogmatischen „mainstream“ Christentum folgendermaßen. Als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird, antwortet er:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben ...“ und
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
(Matthäus 22,37–39)
Für Jesus ist die Nächstenliebe also nicht einfach eine soziale Regel, sondern entspringt der Liebe zu Gott. Der Mensch soll den Mitmenschen achten, weil jeder Mensch von Gott geschaffen und geliebt ist. Jesus formuliert auch die berühmte Goldene Regel:
„Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen.“
(Matthäus 7,12)
Hier wird Rücksicht durch Empathie begründet: Man soll sich in die Lage des anderen versetzen.
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37) macht Jesus deutlich, dass „Nächster“ nicht nur Familie, Freunde oder Angehörige der eigenen Gruppe meint. Selbst ein Fremder oder Gegner verdient Mitgefühl und Hilfe. Die Botschaft lautet: Nächstenliebe zeigt sich nicht in Gefühlen oder Zugehörigkeit, sondern im konkreten Handeln zugunsten eines Menschen in Not.
Die christliche „mainstream“ Tradition leitet daraus ab, dass jeder Mensch Würde besitzt, weil er „nach dem Bild Gottes“ geschaffen ist (Genesis 1,27). Daher verdient jeder Mensch Achtung – unabhängig von Herkunft, Status oder Leistung. An mehreren Stellen identifiziert sich Jesus mit Bedürftigen:
„Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
(Matthäus 25,40)
Damit wird die Sorge für andere zugleich zu einer Beziehung zu Gott.
Trotz der unterschiedlichen Begründungen führen beide Traditionen oft zu ähnlichen praktischen Konsequenzen: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft, das Wohl anderer zu berücksichtigen. Der Weg dorthin ist jedoch verschieden: Der Buddhismus argumentiert stärker von der gegenseitigen Abhängigkeit, das dogmatische Christentum stärker von der Liebe Gottes und der gleichen Würde aller Menschen.
Teile der mystischen christliche Traditionen wie zB Meister Eckahrt argumentieren interessanterweise wie der Buddhismus. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ beinhaltet in dieser Lesart sowohl Karuna wie auch Karma und spiegelt die tiefe Verbundenheit von allem Leben. Nichtsdestotrotz bleibt ein grundlegender Unterschied zwischen Buddhismus und Christentum, welcher in der Beziehung des Individuums zu Gott liegt.
Die vom Buddhismus gelehrte ontologische Interdependenz aller Phänomene erscheint daher als zeitgemäße Weltanschauung:
4. Klima- und Biodiversitätskrise als Chance
In der Klima- und Biodiversitätskrise liegt daher trotz aller Tragik eine große Chance für die Menschheit einen Bewusstseinssprung (cognitive leap) zu machen, der uns ein neues Zeitalter beschreiten läßt. Ähnlich wie bei Astronauten, die die Erde aus dem Orbit betrachten, dadurch ihre Fragilität wahrnehmen und in einem Bewusstseinswandel (cognitive shift) sich als Erdenbürger für ihren Schutz verantwortlich fühlen, könnte sich durch die Wahrnehmung, dass wir alle Teile eines großen voneinander abhängigen Ganzen sind, ein Bewusstseinssprung ermöglichen.
Die Frage bleibt, wie sich dieser Bewusstseinswandel pragmatisch einleiten lässt – und gerade dazu gibt Rushkoff leider keine Antworten – worin auch die große Schwäche seines Buches liegt. Er appelliert auf den letzten Seiten an den Leser, ihn dabei zu begleiten, den Versprechen von Technologie Titanen und Milliardären, wie auch den in ihren Bann gezogenen Politikern, kritisch zuzuhören. The Mindset sei eine große Lüge. Es gäbe kein Entkommen und es gäbe kein Später. Wenn wir etwas nicht im Jetzt tun würden, das täten wir es überhaupt nicht.
Mit seinem Aufruf hier und jetzt zu handeln, kommt Rushkoff zumindest in seiner Einstellung sehr nahe an das philosophische Verständnis der immanenten Eschatologie, welche ich in einem Strategiepapier für eine Bildungssoftware beschrieben habe. Immanente Eschatologie ist die Vorstellung, dass die endgültige Verwandlung oder „Erlösung“ der Welt aus der Geschichte und der menschlichen Gesellschaft selbst hervorgehen soll und nicht durch ein transzendentes oder übernatürliches Ereignis.
Vielleicht gibt Rushkoffs Buch Team Human Antworten wie die Vision einer lebensbejahenden und inklusiven Gesellschaft zu verwirklichen ist. Dieses hat er interessanterweise drei Jahre vor der Problemanalyse in Survival of the Richest geschrieben. Ohne es gelesen zu haben, können wir abschließend versuchen, zentrale Maßnahmen (Lines of Action) zu beschreiben, die sich zu einer Strategie der Transformation zusammenfügen.
5. Maßnahme 1: Bewusstseinsbildung durch KOL
Rushkoff erwähnt mit Ayn Rand eine Vordenkerin und Gallionsfigur der Tech-Elite, die einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, The Mindset philosophisch aufzubereiten und ähnlich wie Isaac Asimov in Romanliteratur zugänglich zu gestalten. Rand war durch die Enteignung ihrer wohlhabenden Familie durch die Leninisten traumatisiert worden. Diese Traumatisierung erhält im Roman Atlas wirft die Welt ab einen literarischen Rahmen, innerhalb dessen sie „Objektivismus“ als Weltanschauung ausformuliert und laissez fair Kapitalismus als einzig legitimes Wirtschaftssystem darstellt.
Es ist zweifellos notwendig in ähnlich eleganter Weise Bewusstseinsbildung in die entgegengesetzte Richtung zu betreiben, will man die gegenseitige Abhänigkeit von allem Leben, dem egoistischen Streben nach individuellem Reichtum und Macht entgegenstellen. Rushkoff scheint sich selbst in der Reihe der Propheten und Key Opionon Leader (KOL) zu sehen, die eine Alternative zu Rand aufzeigen, doch schon lange vor ihm und nur ein Jahr nachdem Rand von St. Petersburg nach New York emigrierte, zeichnete der Regisseur Fritz Lang im Film Metropolis eine ähnliche Gesellschaft, wie sie in Survival of the Richest beschrieben wird. Anstatt die Isolationsgleichung dogmatisch zu untermauern, endet der Film mit der Verbindung zwischen Zurückgelassenen und Elite, indem Lang poetisch die Liebe als rettendes Element einführt. Der Film sollte in Schulen und Universitäten verpflichtend gesehen und diskutiert werden, um den Objektivismus Rands als Weltanschauung zu untergraben.
6. Maßnahme 2: Vermögensverteilung durch Bürgerdividende
Die erste materielle Voraussetzung für die Überwindung von „The Mindset“ ist eine gerechtere Verteilung des Vermögens. Dabei geht es nicht darum, erfolgreiche Menschen zu bestrafen oder Einkommen gleichzumachen. Das eigentliche Problem ist die Konzentration von Eigentum, denn Eigentum ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht nur ein Anspruch auf Konsum, sondern vor allem ein Anspruch auf zukünftige Wertschöpfung und damit auf Macht.
Eine Demokratie, in der ein kleiner Teil der Bevölkerung über einen immer größeren Anteil des produktiven Vermögens verfügt, kann deshalb langfristig nicht demokratisch bleiben. Wer über genügend Kapital verfügt, kann sich Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Wohnraum und zunehmend sogar einen geografischen und technologischen Rückzugsort kaufen. Genau hier beginnt Rushkoffs Isolationsgleichung: Je größer die Vermögenskonzentration, desto größer die Möglichkeit, sich von den Folgen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen freizukaufen.
Die Antwort darauf sollte allerdings nicht primär eine immer höhere Umverteilung von Einkommen sein. Viel interessanter erscheint mir die Verteilung von Eigentum. Jeder Bürger sollte einen Anteil an jenem Vermögen besitzen, das nicht durch die individuelle Leistung eines Einzelnen entstanden ist, sondern auf gemeinsamen Ressourcen und gesellschaftlicher Infrastruktur beruht: Boden, natürliche Ressourcen, öffentliche Infrastruktur, Daten, technologische Innovationen und die Produktivität einer hochorganisierten Gesellschaft.
Eine Bürgerdividende wäre in diesem Sinne kein Almosen und auch kein bedingungsloses Grundeinkommen im klassischen Sinn. Sie wäre die Dividende eines gesellschaftlichen Aktionärs. Wenn wir alle an den Commons beteiligt sind, sollten wir auch an deren Ertrag beteiligt sein.
Ein interessantes reales Beispiel dafür liefert Alaska. Der Alaska Permanent Fund wurde aus öffentlichen Einnahmen aus natürlichen Ressourcen aufgebaut und zahlt seit 1982 jährlich eine Dividende an die Bevölkerung aus. Die historische Bedeutung dieses Modells liegt weniger in der Höhe der einzelnen Zahlung als in dem zugrunde liegenden Prinzip: Ein Teil des gemeinsam erzeugten oder gemeinsam besessenen Vermögens wird nicht über staatliche Fürsorge verteilt, sondern als Eigentumsrendite an alle Bürger zurückgegeben.
Dieses Prinzip ließe sich wesentlich weiterdenken. Statt nur Erdölrenten könnten beispielsweise Bodenwertsteigerungen, Erträge aus öffentlichen Beteiligungen, Einnahmen aus der Nutzung gemeinsamer Daten- und Infrastrukturen oder andere Formen gesellschaftlich erzeugter Renten in einen Bürgerfonds fließen. Der Bürger würde damit vom Sozialhilfeempfänger zum Miteigentümer.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Wohlfahrtsstaat sagt: Wir helfen dir, weil du es brauchst. Eine Bürgerdividende sagt: **Du bekommst deinen Anteil, weil du Teil dieser Gesellschaft bist. **
Damit würde sich auch das Verhältnis zwischen Bürger und Staat verändern. Bürger wären nicht mehr ausschließlich Steuerzahler und Empfänger staatlicher Leistungen, sondern unmittelbar am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Gesellschaft beteiligt. Eine solche Konstruktion könnte damit genau jene ökonomische Beteiligung herstellen, die heutigen Demokratien zunehmend fehlt.
Die Bürgerdividende wäre somit die materielle Antwort auf die Isolationsgleichung: Wenn gesellschaftlicher Wohlstand allen gehört, kann sich niemand mit genügend Kapital vollständig aus der Gesellschaft herauskaufen.
7. Maßnahme 3: Abhängigkeitsbildung durch Distributed Value Accounting
Die zweite Maßnahme ist schwieriger, weil sie tiefer ansetzt. Selbst eine gerechtere Verteilung des Vermögens verändert noch nicht automatisch unser Verständnis davon, was wertvoll ist.
Das heutige Wirtschaftssystem macht unsere Abhängigkeiten weitgehend unsichtbar. Ein Unternehmen kann einen Gewinn ausweisen, obwohl es dabei Ökosysteme zerstört, soziale Kosten verursacht oder öffentliche Infrastruktur nutzt. Eine Mutter, die ihre Kinder betreut, erzeugt keinen entsprechenden Marktwert. Ein Nachbar, der sich um einen alten Menschen kümmert, erscheint in keiner volkswirtschaftlichen Statistik. Ein Mensch, der einen Bach renaturiert oder einen Wald pflegt, produziert vielleicht etwas von unschätzbarem Wert – aber solange dafür kein Markt existiert, erscheint seine Tätigkeit ökonomisch kaum.
Das Problem ist deshalb nicht nur die Verteilung des vorhandenen Wertes, sondern bereits die Art und Weise, wie wir Wert definieren und sichtbar machen.
Hier kommt Distributed Value Accounting (DVA) ins Spiel. Die Idee ist nicht neu und wurde insbesondere von Sarah Manski und Michel Bauwens als Alternative zu einem rein finanziellen Rechnungswesen entwickelt. DVA versucht, ökonomische Wertrechnung um soziale und ökologische Beiträge sowie negative Externalitäten zu erweitern. Statt nur zu fragen, wie viel Geld eine Aktivität erzeugt, wird gefragt, welchen Beitrag sie innerhalb eines sozialen und ökologischen Systems leistet.
Genau hier sehe ich die eigentliche Bedeutung von DVA für die Überwindung von „The Mindset“.
Wir müssen Abhängigkeit nicht predigen. Wir müssen sie sichtbar machen.
Das heutige Rechnungswesen erzählt uns, dass ein Unternehmen erfolgreich ist, wenn seine finanzielle Bilanz positiv ist. Ein DVA würde zusätzlich sichtbar machen, von welchen Menschen, Gemeinschaften, Infrastrukturen und Ökosystemen dieser Erfolg abhängt – und welche Kosten auf diese zurückfallen.
Damit würde aus der abstrakten Erkenntnis „wir sind alle voneinander abhängig“ eine technisch erfassbare und gesellschaftlich relevante Tatsache.
DVA könnte beispielsweise sichtbar machen, dass ein Unternehmen nicht nur von seinen Beschäftigten, sondern auch von öffentlicher Bildung, Straßen, Energieversorgung, funktionierenden Ökosystemen, sozialem Vertrauen und unbezahlter Sorgearbeit abhängig ist. Umgekehrt könnte es sichtbar machen, welchen positiven Beitrag ein Unternehmen, eine Organisation oder ein Individuum zu diesen Systemen leistet.
Der entscheidende Punkt ist dabei, dass DVA nicht einfach versucht, alles in Geld zu übersetzen. Gerade das wäre eine Fortsetzung des Problems. Es geht vielmehr darum, verschiedene Formen von Wert sichtbar zu machen, ohne sie zwangsläufig auf einen einzigen monetären Wert zu reduzieren. Die Forschung zu DVA beschreibt genau diesen Übergang: von einem Rechnungswesen, das soziale und ökologische Externalitäten ausblendet, zu einem System, das auch nicht-marktförmige Beiträge und ökologische Grenzen berücksichtigt.
In meinem früheren Essay über die Verwaltung der Commons habe ich deshalb DVA als eine Art „moral technology“ bezeichnet. Wenn wir die Beiträge und Auswirkungen unseres Handelns transparent machen können, entsteht eine neue Grundlage für Kooperation. Das Problem der Commons ist dann nicht mehr nur die Frage, wie man Menschen durch Verbote davon abhält, gemeinsame Ressourcen auszubeuten. Die viel interessantere Frage lautet: Wie können wir ein System schaffen, in dem es sich lohnt, zum gemeinsamen Wohl beizutragen?
Technologie könnte hier eine Rolle spielen, die weit über die heutige Digitalisierung hinausgeht. Distributed Ledgers könnten beispielsweise Beiträge transparent, überprüfbar und zwischen unterschiedlichen Organisationen übertragbar machen. Ein solches System könnte ökologische Renaturierung, Pflege, Bildung, soziale Integration oder die Erhaltung von Commons dokumentieren und gesellschaftlich anerkennen, ohne daraus notwendigerweise sofort einen handelbaren Finanzwert zu machen.
Damit würde aus der Idee der gegenseitigen Abhängigkeit eine Infrastruktur der gegenseitigen Abhängigkeit.
Das ist meines Erachtens der entscheidende Schritt. Eine Gesellschaft kann nicht dauerhaft auf individuellem Altruismus beruhen. Wenn wir wollen, dass Menschen ihre Interessen als Teil eines größeren Ganzen verstehen, müssen wir die Institutionen so gestalten, dass dieses größere Ganze sichtbar und handlungsrelevant wird.
DVA wäre damit das ökonomische Gegenstück zur Bürgerdividende: Die Bürgerdividende verteilt einen Teil des gemeinsam erzeugten Wohlstands; DVA macht sichtbar, wie dieser Wohlstand überhaupt gemeinsam erzeugt wird.
Beides zusammen könnte einen fundamentalen Wechsel einleiten: vom Menschen als isoliertem wirtschaftlichen Akteur zum Menschen als Teilnehmer eines sozialen und ökologischen Systems.
8. Vom Mindset zum Human Hive
Damit wären die vier Maßnahmen eigentlich vollständig:
1. Bewusstseinsbildung: Wir brauchen neue Geschichten, Bilder und Vorbilder, die Kooperation und Verbundenheit attraktiver machen als Isolation und Akkumulation.
2. Vermögensverteilung durch Bürgerdividende: Wir müssen die materielle Grundlage der Isolation beseitigen, indem wir gesellschaftliches Vermögen wieder zu gemeinsamem Vermögen machen.
3. Abhängigkeitsbildung durch DVA: Wir müssen unsere tatsächlichen sozialen und ökologischen Abhängigkeiten sichtbar machen und Beiträge zum Gemeinwohl institutionell anerkennen.
4. Digitalisierung der Demokratie: Wir müssen schließlich die digitale Infrastruktur schaffen, mit der Bürger nicht nur alle paar Jahre Vertreter wählen, sondern kontinuierlich an der Gestaltung ihrer gemeinsamen Lebenswelt teilnehmen können.
Damit schließt sich auch der Bogen zu meinen früheren Überlegungen zur agilen Demokratie und zu Sphären der Gerechtigkeit. Die Digitalisierung sollte nicht dazu dienen, das bestehende System effizienter zu machen. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, die politische und ökonomische Architektur selbst neu zu denken: Macht zu verteilen, Beteiligung zu erweitern und gesellschaftliche Ressourcen dort zu verankern, wo sie gebraucht werden.
Die vier Maßnahmen verfolgen deshalb letztlich dasselbe Ziel: die Überwindung der Illusion des unabhängigen Individuums, welches sich durch den gesellschaftlichen Zustand der Anomie zeigt.
Hier schließt sich eine interessante Verbindung zu Erich Fromms The Anatomy of Human Destructiveness an. Fromm unterscheidet zwischen einer biophilen Orientierung, die auf Leben, Wachstum, Beziehung und schöpferische Tätigkeit gerichtet ist, und einer nekrophilen Orientierung, die sich an Kontrolle, Besitz, Zerstörung und dem Leblosen orientiert. Destruktivität ist für Fromm deshalb nicht einfach ein unveränderlicher Bestandteil der menschlichen Natur. Sie kann vielmehr dort entstehen, wo gesellschaftliche Verhältnisse Menschen daran hindern, ihre produktiven und lebensbejahenden Möglichkeiten zu verwirklichen.
Genau hier wird die Verbindung zu The Mindset sichtbar. Der Wunsch der Tech-Elite, sich mit Geld und Technologie von einer zunehmend dysfunktionalen Gesellschaft zu isolieren, ist nicht nur ein ökonomisches oder politisches Problem. Er ist Ausdruck einer Entfremdung vom Leben selbst. Die Welt wird zum Objekt, das kontrolliert, optimiert, gekauft und schließlich verlassen werden kann. Der Mensch erscheint als autonomer Akteur, Natur als Ressource, Gesellschaft als Risiko und Technologie als Mittel zur Kontrolle.
Fromms Analyse führt damit noch einen Schritt tiefer als Rushkoffs Kritik: Die eigentliche Gefahr ist nicht nur, dass einige Menschen zu viel Macht und Vermögen besitzen. Die Gefahr besteht darin, dass eine Gesellschaft eine menschliche Charakterstruktur hervorbringt, in der Isolation, Besitz und Kontrolle als normale Formen des Glücks erscheinen.
Die Überwindung von The Mindset kann deshalb nicht allein durch Umverteilung gelingen. Wir müssen zugleich die sozialen Bedingungen verändern, unter denen Menschen ihre Bedürfnisse und ihr Glück definieren. Eine Gesellschaft, die Menschen permanent in Konkurrenz setzt, ihre Existenz an ökonomische Leistung bindet und ihre Beziehungen zunehmend durch Markttransaktionen ersetzt, produziert zwangsläufig Anomie – und damit jene Entfremdung, aus der destruktive Reaktionen entstehen können.
Human Hive wäre dann nicht die Überwindung des Individuums, sondern deren Gegenentwurf zur isolierten Individualität: ein soziales Wesen, das seine Individualität gerade durch seine Beziehungen zu anderen und zu seiner Lebenswelt verwirklicht. Das „Hive“ steht dabei nicht für einen Ameisenstaat, in dem Individuen ihre Eigenständigkeit verlieren, sondern für eine Gesellschaft, in der individuelle Entfaltung und kollektives Wohlergehen nicht länger als Gegensätze verstanden werden.
Die Bürgerdividende schafft dafür die materielle Teilhabe, DVA die ökonomische Sichtbarkeit der Verbundenheit, die digitale Demokratie die institutionelle Teilhabe und eine neue kulturelle Erzählung die psychologische Orientierung.
Das wäre dann vielleicht der eigentliche Gegenentwurf zu The Mindset: nicht der autonome Mensch, der sich aus der Gesellschaft retten will, sondern der selbstbestimmte Mensch, der seine Freiheit in der Verbundenheit mit anderen findet.
Table of Contents
1. The Mindset. 1
2. Insulation Equation - Die Isolationsgleichung. 2
3. Die Bewusstseinskrise und deren Lösung im Buddhismus und Christentum 3
4. Klima- und Biodiversitätskrise als Chance. 6
5. Maßnahme 1: Bewusstseinsbildung durch KOL. 7
6. Maßnahme 2: Vermögensverteilung durch Bürgerdividende. 8
7. Maßnahme 3: Abhängigkeitsbildung durch Distributed Value Accounting. 9
8. Vom Mindset zum Human Hive. 11
1. The Mindset
Mit The Mindset beschreibt Rushkoff die Überzeugung, dass:
- die Welt auf eine große Krise oder einen Zusammenbruch zusteuert (Klimakrise, soziale Unruhen, politische Instabilität, KI usw.),
- diese Probleme nicht gemeinschaftlich gelöst werden können,
- diejenigen mit genügend Geld und Technologie sich von den Folgen abschirmen können,
- Technologie letztlich wichtiger ist als soziale Beziehungen, Demokratie oder funktionierende Gemeinschaften.
- Luxus-Bunker in Neuseeland,
- private Sicherheitskräfte,
- autonome Versorgungssysteme,
- Raumfahrtprojekte,
- KI und Automatisierung
Rushkoffs Gegenposition ist das Konzept von „Team Human“: Langfristige Resilienz entsteht nicht durch Flucht und Abschottung, sondern durch starke Gemeinschaften, Kooperation und gegenseitige Abhängigkeit. Diese Idee verbindet Survival of the Richest direkt mit seinem früheren Buch Team Human.
Rushkoff formuliert in diesen beiden Büchern zwei extreme Thesen, die beide im Kern richtig sind. Einerseits entsteht langfristige Resilienz nicht durch Flucht und Abschottung, sondern durch starke Gemeinschaften, andererseits nimmt Flucht und Abschottung durch die Elite mit zunehmender Wohlstandskonzentration zu. Als kritischer Technooptimist glaube ich, dass die Lösung zwischen diesen beiden Position liegt. In der Tat scheint die Menschheit nicht fähig zu sein, das zentrale Problem von Machtkonzentration und Machtmissbrauch zu lösen. Stolze Demokratien wie Österreich oder Deutschland sind bekannt für ihr hohe Vermögenskonzentrationen und mangelnde soziale Durchlässigkeit. Demokratien, die keine ökonomische Beteiligung schaffen, sondern große Teile der Bevölkerung marginalisieren und am - durch wachsende Produktivität - insgesamt steigenden Wohlstand nicht teilhaben lassen, verdienen es nicht Demokratien genannt zu werden.
2. Insulation Equation - Die Isolationsgleichung
Technologie sollte daher eingesetzt werden, um starke Gemeinschaften zu fördern, anstatt die von Rushkoff beschriebene Isolationsgleichung zu unterstützen. Mit der „Isolationsgleichung“ (Insulation Equation) beschreibt Rushkoff eine Denkfigur, die er als Kern von The Mindset sieht: „Kann ich genug Geld verdienen, indem ich ein Problem verursache oder verschärfe, um mich anschließend vor den Folgen dieses Problems zu schützen?“
Beispiele wären:
- Ein Unternehmen trägt zum Klimawandel bei und kauft sich dann Grundstücke in klimatisch sicheren Regionen.
- Finanzakteure profitieren von einem instabilen Wirtschaftssystem und investieren anschließend in Bunker oder private Sicherheitsstrukturen.
- Tech-Unternehmer fördern Automatisierung, die soziale Verwerfungen erzeugen könnte, und planen gleichzeitig Rückzugsorte oder „Exit-Strategien“.
Rushkoffs Kritik ist, dass die Eliten nicht mehr fragen: „Wie lösen wir das Problem?“ sondern: „Wie schütze ich mich vor den Folgen des Problems?“
Die Isolationsgleichung ist für ihn deshalb eine Art moralischer Kurzschluss: Man betrachtet Gesellschaft, Natur und andere Menschen als etwas, von dem man sich mit genügend Kapital und Technologie abkoppeln kann. Das hält er für eine Illusion, weil letztlich alle von denselben ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen abhängig bleiben.
Die Isolationsgleichung lautet: Gewinne privatisieren, Schäden externalisieren und sich anschließend von den Folgen freikaufen.
Interessant ist, dass Rushkoff die Isolationsgleichung nicht nur auf Milliardäre anwendet. Er sieht sie auch in abgeschwächter Form bei Unternehmen, Institutionen und sogar Einzelpersonen, wenn diese versuchen, sich individuell gegen gesellschaftliche Risiken abzusichern, statt an deren Lösung mitzuwirken. Diese Kritik kommt sehr nahe an die Lehre des Thomas von Aquin. Der Dominikaner und Philosoph Thomas von Aquin definierte die Trägheit in der Summa Theologica als Faulheit des Verstandes, die es versäumt, Gutes zu beginnen ...sie ist in ihrer Wirkung böse, wenn sie den Menschen so bedrückt, dass sie ihn gänzlich von guten Taten abhält.
Ich habe diese Geisteshaltung für das Bildungssystem mit Hilfe des Prisoners’ Dilemma beschrieben und gezeigt, dass Eltern individuell rational handeln, wenn sie Wettbewerbsvorteile für ihre eigenen Kinder anstreben – oft durch Privatschulen –, doch insgesamt verstärkt dies ein Bildungssystem, das zu einem gesellschaftlich nachteiligen Ergebnis führt: Stress, Ungleichheit, Verlust der Neugier und eine geschwächte Gemeinschaft.
3. Die Bewusstseinskrise und deren Lösung im Buddhismus und Christentum
Genau darin besteht die von Jiddu Krishnamurti berühmt beschriebene Bewusstseinskrise der Menschheit: wir sind nicht im Stande, uns trotz unserer Individualität als Teile eines großen Ganzen wahrzunehmen, dessen Wohlergehen vom Wohlergehen aller Teile abhängt. Interessanterweise kann in den Lehren von Propheten wie Buddha oder Jesus die Erkenntnis der Verbundenheit oder Brüderlichkeit als Kernbotschaft definiert werden.
Im Buddhismus wird Rücksicht auf andere Menschen durch eine Kombination aus Einsicht, Mitgefühl und gegenseitiger Abhängigkeit gelehrt. Eine grundlegende buddhistische Beobachtung lautet: So wie ich glücklich sein möchte und Leid vermeiden will, möchten das auch alle anderen Wesen. Wenn man diese Gemeinsamkeit erkennt, entsteht Mitgefühl (Karuna). Rücksicht ist dann die praktische Konsequenz daraus. Durch das Verständnis des abhängigen Entstehens erkennt man, dass niemand völlig unabhängig existiert.
- Mein Wohlbefinden hängt von anderen Menschen ab.
- Die Gesellschaft beeinflusst mein Leben.
- Meine Handlungen beeinflussen andere.
Deshalb ist Rücksicht nicht nur altruistisch, sondern auch Ausdruck eines realistischen Verständnisses der Welt. Im Buddhismus bedeutet Karma nicht Schicksal, sondern: Absichtsvolle Handlungen haben Folgen. Wer aus Gier, Hass oder Rücksichtslosigkeit handelt, erzeugt häufig Leid – für andere und letztlich auch für sich selbst. Wer freundlich, großzügig und achtsam handelt, fördert dagegen Bedingungen für mehr Wohlbefinden.
Der Buddhismus lehrt nicht, dass man nicht existiert, sondern dass das isolierte, unabhängige Ego eine Fehlwahrnehmung ist. Je weniger stark man sich als getrenntes Wesen erlebt, desto natürlicher wird Rücksichtnahme. Die Grenze zwischen „mein Interesse“ und „dein Interesse“ wird durchlässiger. Im Udāna-Varga findet sich eine Aussage, die der Goldenen Regel ähnelt: „Behandle andere nicht auf eine Weise, die du selbst als verletzend empfinden würdest.“ Rücksicht wird also auch durch Empathie begründet: Man versetzt sich in die Lage anderer.
In manchen westlichen Traditionen lautet die Begründung: „Du sollst Rücksicht nehmen, weil es moralisch richtig ist.“ Im Buddhismus lautet die Begründung eher: „Wenn du die Natur der Wirklichkeit klar erkennst, wird Rücksichtnahme zu einer natürlichen Folge dieser Einsicht.“ Mitgefühl und Rücksicht sind daher nicht nur moralische Pflichten, sondern Ausdruck von Weisheit (Prajñā). Wer erkennt, wie eng alle Wesen miteinander verbunden sind, hat weniger Anlass, andere zu verletzen und mehr Anlass, fürsorglich zu handeln. Im Angesicht unserer zoologischen Einordnung als Homo sapiens (Latein für „weiser Mensch“), wäre es wünschenswert, daß wir zu dieser Einsicht endlich flächendeckend gelangen.
Jesus begründet die Rücksicht auf den Mitmenschen laut dogmatischen „mainstream“ Christentum folgendermaßen. Als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird, antwortet er:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben ...“ und
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
(Matthäus 22,37–39)
Für Jesus ist die Nächstenliebe also nicht einfach eine soziale Regel, sondern entspringt der Liebe zu Gott. Der Mensch soll den Mitmenschen achten, weil jeder Mensch von Gott geschaffen und geliebt ist. Jesus formuliert auch die berühmte Goldene Regel:
„Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen.“
(Matthäus 7,12)
Hier wird Rücksicht durch Empathie begründet: Man soll sich in die Lage des anderen versetzen.
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37) macht Jesus deutlich, dass „Nächster“ nicht nur Familie, Freunde oder Angehörige der eigenen Gruppe meint. Selbst ein Fremder oder Gegner verdient Mitgefühl und Hilfe. Die Botschaft lautet: Nächstenliebe zeigt sich nicht in Gefühlen oder Zugehörigkeit, sondern im konkreten Handeln zugunsten eines Menschen in Not.
Die christliche „mainstream“ Tradition leitet daraus ab, dass jeder Mensch Würde besitzt, weil er „nach dem Bild Gottes“ geschaffen ist (Genesis 1,27). Daher verdient jeder Mensch Achtung – unabhängig von Herkunft, Status oder Leistung. An mehreren Stellen identifiziert sich Jesus mit Bedürftigen:
„Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
(Matthäus 25,40)
Damit wird die Sorge für andere zugleich zu einer Beziehung zu Gott.
Trotz der unterschiedlichen Begründungen führen beide Traditionen oft zu ähnlichen praktischen Konsequenzen: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft, das Wohl anderer zu berücksichtigen. Der Weg dorthin ist jedoch verschieden: Der Buddhismus argumentiert stärker von der gegenseitigen Abhängigkeit, das dogmatische Christentum stärker von der Liebe Gottes und der gleichen Würde aller Menschen.
Teile der mystischen christliche Traditionen wie zB Meister Eckahrt argumentieren interessanterweise wie der Buddhismus. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ beinhaltet in dieser Lesart sowohl Karuna wie auch Karma und spiegelt die tiefe Verbundenheit von allem Leben. Nichtsdestotrotz bleibt ein grundlegender Unterschied zwischen Buddhismus und Christentum, welcher in der Beziehung des Individuums zu Gott liegt.
- Im Buddhismus: Verbundenheit ist eine Struktur der Realität (abhängiges Entstehen)
- In der christlichen Tradition: Verbundenheit ist meist relationale Einheit in Gott, nicht eine Auflösung der Unterscheidung von Personen
Die vom Buddhismus gelehrte ontologische Interdependenz aller Phänomene erscheint daher als zeitgemäße Weltanschauung:
- in Bezug auf ökologische Krise, die naturwissenschaftlich belegt aufzeigt, dass unser Handeln sichtbare Konsequenzen nach sich zieht (Karma)
- in Bezug auf die soziale Krise, die sozialwissenschaftlich belegt, dass mangelnde Nächstenliebe (Karuna) zu außerordentlich negativen Folgen bei den „Zurückgelassenen“ führt (vgl. dazu Francis Fukuyama „The Great Disruption“).
4. Klima- und Biodiversitätskrise als Chance
In der Klima- und Biodiversitätskrise liegt daher trotz aller Tragik eine große Chance für die Menschheit einen Bewusstseinssprung (cognitive leap) zu machen, der uns ein neues Zeitalter beschreiten läßt. Ähnlich wie bei Astronauten, die die Erde aus dem Orbit betrachten, dadurch ihre Fragilität wahrnehmen und in einem Bewusstseinswandel (cognitive shift) sich als Erdenbürger für ihren Schutz verantwortlich fühlen, könnte sich durch die Wahrnehmung, dass wir alle Teile eines großen voneinander abhängigen Ganzen sind, ein Bewusstseinssprung ermöglichen.
Die Frage bleibt, wie sich dieser Bewusstseinswandel pragmatisch einleiten lässt – und gerade dazu gibt Rushkoff leider keine Antworten – worin auch die große Schwäche seines Buches liegt. Er appelliert auf den letzten Seiten an den Leser, ihn dabei zu begleiten, den Versprechen von Technologie Titanen und Milliardären, wie auch den in ihren Bann gezogenen Politikern, kritisch zuzuhören. The Mindset sei eine große Lüge. Es gäbe kein Entkommen und es gäbe kein Später. Wenn wir etwas nicht im Jetzt tun würden, das täten wir es überhaupt nicht.
Mit seinem Aufruf hier und jetzt zu handeln, kommt Rushkoff zumindest in seiner Einstellung sehr nahe an das philosophische Verständnis der immanenten Eschatologie, welche ich in einem Strategiepapier für eine Bildungssoftware beschrieben habe. Immanente Eschatologie ist die Vorstellung, dass die endgültige Verwandlung oder „Erlösung“ der Welt aus der Geschichte und der menschlichen Gesellschaft selbst hervorgehen soll und nicht durch ein transzendentes oder übernatürliches Ereignis.
Vielleicht gibt Rushkoffs Buch Team Human Antworten wie die Vision einer lebensbejahenden und inklusiven Gesellschaft zu verwirklichen ist. Dieses hat er interessanterweise drei Jahre vor der Problemanalyse in Survival of the Richest geschrieben. Ohne es gelesen zu haben, können wir abschließend versuchen, zentrale Maßnahmen (Lines of Action) zu beschreiben, die sich zu einer Strategie der Transformation zusammenfügen.
5. Maßnahme 1: Bewusstseinsbildung durch KOL
Rushkoff erwähnt mit Ayn Rand eine Vordenkerin und Gallionsfigur der Tech-Elite, die einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, The Mindset philosophisch aufzubereiten und ähnlich wie Isaac Asimov in Romanliteratur zugänglich zu gestalten. Rand war durch die Enteignung ihrer wohlhabenden Familie durch die Leninisten traumatisiert worden. Diese Traumatisierung erhält im Roman Atlas wirft die Welt ab einen literarischen Rahmen, innerhalb dessen sie „Objektivismus“ als Weltanschauung ausformuliert und laissez fair Kapitalismus als einzig legitimes Wirtschaftssystem darstellt.
Es ist zweifellos notwendig in ähnlich eleganter Weise Bewusstseinsbildung in die entgegengesetzte Richtung zu betreiben, will man die gegenseitige Abhänigkeit von allem Leben, dem egoistischen Streben nach individuellem Reichtum und Macht entgegenstellen. Rushkoff scheint sich selbst in der Reihe der Propheten und Key Opionon Leader (KOL) zu sehen, die eine Alternative zu Rand aufzeigen, doch schon lange vor ihm und nur ein Jahr nachdem Rand von St. Petersburg nach New York emigrierte, zeichnete der Regisseur Fritz Lang im Film Metropolis eine ähnliche Gesellschaft, wie sie in Survival of the Richest beschrieben wird. Anstatt die Isolationsgleichung dogmatisch zu untermauern, endet der Film mit der Verbindung zwischen Zurückgelassenen und Elite, indem Lang poetisch die Liebe als rettendes Element einführt. Der Film sollte in Schulen und Universitäten verpflichtend gesehen und diskutiert werden, um den Objektivismus Rands als Weltanschauung zu untergraben.
6. Maßnahme 2: Vermögensverteilung durch Bürgerdividende
Die erste materielle Voraussetzung für die Überwindung von „The Mindset“ ist eine gerechtere Verteilung des Vermögens. Dabei geht es nicht darum, erfolgreiche Menschen zu bestrafen oder Einkommen gleichzumachen. Das eigentliche Problem ist die Konzentration von Eigentum, denn Eigentum ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht nur ein Anspruch auf Konsum, sondern vor allem ein Anspruch auf zukünftige Wertschöpfung und damit auf Macht.
Eine Demokratie, in der ein kleiner Teil der Bevölkerung über einen immer größeren Anteil des produktiven Vermögens verfügt, kann deshalb langfristig nicht demokratisch bleiben. Wer über genügend Kapital verfügt, kann sich Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Wohnraum und zunehmend sogar einen geografischen und technologischen Rückzugsort kaufen. Genau hier beginnt Rushkoffs Isolationsgleichung: Je größer die Vermögenskonzentration, desto größer die Möglichkeit, sich von den Folgen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen freizukaufen.
Die Antwort darauf sollte allerdings nicht primär eine immer höhere Umverteilung von Einkommen sein. Viel interessanter erscheint mir die Verteilung von Eigentum. Jeder Bürger sollte einen Anteil an jenem Vermögen besitzen, das nicht durch die individuelle Leistung eines Einzelnen entstanden ist, sondern auf gemeinsamen Ressourcen und gesellschaftlicher Infrastruktur beruht: Boden, natürliche Ressourcen, öffentliche Infrastruktur, Daten, technologische Innovationen und die Produktivität einer hochorganisierten Gesellschaft.
Eine Bürgerdividende wäre in diesem Sinne kein Almosen und auch kein bedingungsloses Grundeinkommen im klassischen Sinn. Sie wäre die Dividende eines gesellschaftlichen Aktionärs. Wenn wir alle an den Commons beteiligt sind, sollten wir auch an deren Ertrag beteiligt sein.
Ein interessantes reales Beispiel dafür liefert Alaska. Der Alaska Permanent Fund wurde aus öffentlichen Einnahmen aus natürlichen Ressourcen aufgebaut und zahlt seit 1982 jährlich eine Dividende an die Bevölkerung aus. Die historische Bedeutung dieses Modells liegt weniger in der Höhe der einzelnen Zahlung als in dem zugrunde liegenden Prinzip: Ein Teil des gemeinsam erzeugten oder gemeinsam besessenen Vermögens wird nicht über staatliche Fürsorge verteilt, sondern als Eigentumsrendite an alle Bürger zurückgegeben.
Dieses Prinzip ließe sich wesentlich weiterdenken. Statt nur Erdölrenten könnten beispielsweise Bodenwertsteigerungen, Erträge aus öffentlichen Beteiligungen, Einnahmen aus der Nutzung gemeinsamer Daten- und Infrastrukturen oder andere Formen gesellschaftlich erzeugter Renten in einen Bürgerfonds fließen. Der Bürger würde damit vom Sozialhilfeempfänger zum Miteigentümer.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Wohlfahrtsstaat sagt: Wir helfen dir, weil du es brauchst. Eine Bürgerdividende sagt: **Du bekommst deinen Anteil, weil du Teil dieser Gesellschaft bist. **
Damit würde sich auch das Verhältnis zwischen Bürger und Staat verändern. Bürger wären nicht mehr ausschließlich Steuerzahler und Empfänger staatlicher Leistungen, sondern unmittelbar am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Gesellschaft beteiligt. Eine solche Konstruktion könnte damit genau jene ökonomische Beteiligung herstellen, die heutigen Demokratien zunehmend fehlt.
Die Bürgerdividende wäre somit die materielle Antwort auf die Isolationsgleichung: Wenn gesellschaftlicher Wohlstand allen gehört, kann sich niemand mit genügend Kapital vollständig aus der Gesellschaft herauskaufen.
7. Maßnahme 3: Abhängigkeitsbildung durch Distributed Value Accounting
Die zweite Maßnahme ist schwieriger, weil sie tiefer ansetzt. Selbst eine gerechtere Verteilung des Vermögens verändert noch nicht automatisch unser Verständnis davon, was wertvoll ist.
Das heutige Wirtschaftssystem macht unsere Abhängigkeiten weitgehend unsichtbar. Ein Unternehmen kann einen Gewinn ausweisen, obwohl es dabei Ökosysteme zerstört, soziale Kosten verursacht oder öffentliche Infrastruktur nutzt. Eine Mutter, die ihre Kinder betreut, erzeugt keinen entsprechenden Marktwert. Ein Nachbar, der sich um einen alten Menschen kümmert, erscheint in keiner volkswirtschaftlichen Statistik. Ein Mensch, der einen Bach renaturiert oder einen Wald pflegt, produziert vielleicht etwas von unschätzbarem Wert – aber solange dafür kein Markt existiert, erscheint seine Tätigkeit ökonomisch kaum.
Das Problem ist deshalb nicht nur die Verteilung des vorhandenen Wertes, sondern bereits die Art und Weise, wie wir Wert definieren und sichtbar machen.
Hier kommt Distributed Value Accounting (DVA) ins Spiel. Die Idee ist nicht neu und wurde insbesondere von Sarah Manski und Michel Bauwens als Alternative zu einem rein finanziellen Rechnungswesen entwickelt. DVA versucht, ökonomische Wertrechnung um soziale und ökologische Beiträge sowie negative Externalitäten zu erweitern. Statt nur zu fragen, wie viel Geld eine Aktivität erzeugt, wird gefragt, welchen Beitrag sie innerhalb eines sozialen und ökologischen Systems leistet.
Genau hier sehe ich die eigentliche Bedeutung von DVA für die Überwindung von „The Mindset“.
Wir müssen Abhängigkeit nicht predigen. Wir müssen sie sichtbar machen.
Das heutige Rechnungswesen erzählt uns, dass ein Unternehmen erfolgreich ist, wenn seine finanzielle Bilanz positiv ist. Ein DVA würde zusätzlich sichtbar machen, von welchen Menschen, Gemeinschaften, Infrastrukturen und Ökosystemen dieser Erfolg abhängt – und welche Kosten auf diese zurückfallen.
Damit würde aus der abstrakten Erkenntnis „wir sind alle voneinander abhängig“ eine technisch erfassbare und gesellschaftlich relevante Tatsache.
DVA könnte beispielsweise sichtbar machen, dass ein Unternehmen nicht nur von seinen Beschäftigten, sondern auch von öffentlicher Bildung, Straßen, Energieversorgung, funktionierenden Ökosystemen, sozialem Vertrauen und unbezahlter Sorgearbeit abhängig ist. Umgekehrt könnte es sichtbar machen, welchen positiven Beitrag ein Unternehmen, eine Organisation oder ein Individuum zu diesen Systemen leistet.
Der entscheidende Punkt ist dabei, dass DVA nicht einfach versucht, alles in Geld zu übersetzen. Gerade das wäre eine Fortsetzung des Problems. Es geht vielmehr darum, verschiedene Formen von Wert sichtbar zu machen, ohne sie zwangsläufig auf einen einzigen monetären Wert zu reduzieren. Die Forschung zu DVA beschreibt genau diesen Übergang: von einem Rechnungswesen, das soziale und ökologische Externalitäten ausblendet, zu einem System, das auch nicht-marktförmige Beiträge und ökologische Grenzen berücksichtigt.
In meinem früheren Essay über die Verwaltung der Commons habe ich deshalb DVA als eine Art „moral technology“ bezeichnet. Wenn wir die Beiträge und Auswirkungen unseres Handelns transparent machen können, entsteht eine neue Grundlage für Kooperation. Das Problem der Commons ist dann nicht mehr nur die Frage, wie man Menschen durch Verbote davon abhält, gemeinsame Ressourcen auszubeuten. Die viel interessantere Frage lautet: Wie können wir ein System schaffen, in dem es sich lohnt, zum gemeinsamen Wohl beizutragen?
Technologie könnte hier eine Rolle spielen, die weit über die heutige Digitalisierung hinausgeht. Distributed Ledgers könnten beispielsweise Beiträge transparent, überprüfbar und zwischen unterschiedlichen Organisationen übertragbar machen. Ein solches System könnte ökologische Renaturierung, Pflege, Bildung, soziale Integration oder die Erhaltung von Commons dokumentieren und gesellschaftlich anerkennen, ohne daraus notwendigerweise sofort einen handelbaren Finanzwert zu machen.
Damit würde aus der Idee der gegenseitigen Abhängigkeit eine Infrastruktur der gegenseitigen Abhängigkeit.
Das ist meines Erachtens der entscheidende Schritt. Eine Gesellschaft kann nicht dauerhaft auf individuellem Altruismus beruhen. Wenn wir wollen, dass Menschen ihre Interessen als Teil eines größeren Ganzen verstehen, müssen wir die Institutionen so gestalten, dass dieses größere Ganze sichtbar und handlungsrelevant wird.
DVA wäre damit das ökonomische Gegenstück zur Bürgerdividende: Die Bürgerdividende verteilt einen Teil des gemeinsam erzeugten Wohlstands; DVA macht sichtbar, wie dieser Wohlstand überhaupt gemeinsam erzeugt wird.
Beides zusammen könnte einen fundamentalen Wechsel einleiten: vom Menschen als isoliertem wirtschaftlichen Akteur zum Menschen als Teilnehmer eines sozialen und ökologischen Systems.
8. Vom Mindset zum Human Hive
Damit wären die vier Maßnahmen eigentlich vollständig:
1. Bewusstseinsbildung: Wir brauchen neue Geschichten, Bilder und Vorbilder, die Kooperation und Verbundenheit attraktiver machen als Isolation und Akkumulation.
2. Vermögensverteilung durch Bürgerdividende: Wir müssen die materielle Grundlage der Isolation beseitigen, indem wir gesellschaftliches Vermögen wieder zu gemeinsamem Vermögen machen.
3. Abhängigkeitsbildung durch DVA: Wir müssen unsere tatsächlichen sozialen und ökologischen Abhängigkeiten sichtbar machen und Beiträge zum Gemeinwohl institutionell anerkennen.
4. Digitalisierung der Demokratie: Wir müssen schließlich die digitale Infrastruktur schaffen, mit der Bürger nicht nur alle paar Jahre Vertreter wählen, sondern kontinuierlich an der Gestaltung ihrer gemeinsamen Lebenswelt teilnehmen können.
Damit schließt sich auch der Bogen zu meinen früheren Überlegungen zur agilen Demokratie und zu Sphären der Gerechtigkeit. Die Digitalisierung sollte nicht dazu dienen, das bestehende System effizienter zu machen. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, die politische und ökonomische Architektur selbst neu zu denken: Macht zu verteilen, Beteiligung zu erweitern und gesellschaftliche Ressourcen dort zu verankern, wo sie gebraucht werden.
Die vier Maßnahmen verfolgen deshalb letztlich dasselbe Ziel: die Überwindung der Illusion des unabhängigen Individuums, welches sich durch den gesellschaftlichen Zustand der Anomie zeigt.
Hier schließt sich eine interessante Verbindung zu Erich Fromms The Anatomy of Human Destructiveness an. Fromm unterscheidet zwischen einer biophilen Orientierung, die auf Leben, Wachstum, Beziehung und schöpferische Tätigkeit gerichtet ist, und einer nekrophilen Orientierung, die sich an Kontrolle, Besitz, Zerstörung und dem Leblosen orientiert. Destruktivität ist für Fromm deshalb nicht einfach ein unveränderlicher Bestandteil der menschlichen Natur. Sie kann vielmehr dort entstehen, wo gesellschaftliche Verhältnisse Menschen daran hindern, ihre produktiven und lebensbejahenden Möglichkeiten zu verwirklichen.
Genau hier wird die Verbindung zu The Mindset sichtbar. Der Wunsch der Tech-Elite, sich mit Geld und Technologie von einer zunehmend dysfunktionalen Gesellschaft zu isolieren, ist nicht nur ein ökonomisches oder politisches Problem. Er ist Ausdruck einer Entfremdung vom Leben selbst. Die Welt wird zum Objekt, das kontrolliert, optimiert, gekauft und schließlich verlassen werden kann. Der Mensch erscheint als autonomer Akteur, Natur als Ressource, Gesellschaft als Risiko und Technologie als Mittel zur Kontrolle.
Fromms Analyse führt damit noch einen Schritt tiefer als Rushkoffs Kritik: Die eigentliche Gefahr ist nicht nur, dass einige Menschen zu viel Macht und Vermögen besitzen. Die Gefahr besteht darin, dass eine Gesellschaft eine menschliche Charakterstruktur hervorbringt, in der Isolation, Besitz und Kontrolle als normale Formen des Glücks erscheinen.
Die Überwindung von The Mindset kann deshalb nicht allein durch Umverteilung gelingen. Wir müssen zugleich die sozialen Bedingungen verändern, unter denen Menschen ihre Bedürfnisse und ihr Glück definieren. Eine Gesellschaft, die Menschen permanent in Konkurrenz setzt, ihre Existenz an ökonomische Leistung bindet und ihre Beziehungen zunehmend durch Markttransaktionen ersetzt, produziert zwangsläufig Anomie – und damit jene Entfremdung, aus der destruktive Reaktionen entstehen können.
Human Hive wäre dann nicht die Überwindung des Individuums, sondern deren Gegenentwurf zur isolierten Individualität: ein soziales Wesen, das seine Individualität gerade durch seine Beziehungen zu anderen und zu seiner Lebenswelt verwirklicht. Das „Hive“ steht dabei nicht für einen Ameisenstaat, in dem Individuen ihre Eigenständigkeit verlieren, sondern für eine Gesellschaft, in der individuelle Entfaltung und kollektives Wohlergehen nicht länger als Gegensätze verstanden werden.
Die Bürgerdividende schafft dafür die materielle Teilhabe, DVA die ökonomische Sichtbarkeit der Verbundenheit, die digitale Demokratie die institutionelle Teilhabe und eine neue kulturelle Erzählung die psychologische Orientierung.
Das wäre dann vielleicht der eigentliche Gegenentwurf zu The Mindset: nicht der autonome Mensch, der sich aus der Gesellschaft retten will, sondern der selbstbestimmte Mensch, der seine Freiheit in der Verbundenheit mit anderen findet.
Quellen:
- https://rushkoff.com/books/survival-of-the-richest.html
- https://www.thenation.com/article/culture/douglas-rushkoff-survival-richest/
- https://www.youtube.com/watch?v=Hgdplv8Mde8
- Katy Cook zu emotional zurückgebliebenen tech nerds: https://www.mingong.org/blog-en/the-psychology-behind-technology
- Aldous Huxley zu Machtkonzentration: https://www.mingong.org/blog-en/the-politics-of-ecology
- Vermögenskonzentration in Österreich beschrieben in: https://www.darkmatteressay.org/blog/zu-agiler-demokratie-und-spharen-der-gereechtigkeit
- Thomas von Aquins acedia beschrieben in: https://www.researchgate.net/publication/406915177_Existenzanalyse_und_Neurologie_Viktor_Frankls_Der_unbewusste_Gott_im_Abgleich_mit_neuropsychologischen_Erkenntnissen
- Jiddu Krishnamurti – consciousness crisis: https://www.youtube.com/watch?v=sXzp_ZQR7Lo
- https://www.darkmatteressay.org/the-great-disruption-by-francis-fukuyama.html
- Overview – cognitive shift: https://vimeo.com/55073825
- den in ihren Bann gezogenen Politikern: https://www.mingong.org/blog-en/book-review-trump-and-a-posttruth-world-an-evolutionary-self-correction-by-ken-wilber
- Ayn Rand im Portrait: https://www.3sat.de/kultur/control-alt-delete/reihe-control-alt-delete-ayn-rand-100.html
- Fritz Langs Metropolis: https://www.mingong.org/blog-en/film-review-metropolis-1927-and-its-current-relevance
- Oliver Scott Goldsmith, The Alaska Permanent Fund Dividend: An Experiment in Wealth Distribution – empirische Untersuchung des Bürgerdividenden-Modells: University of Alaska / ScholarWorks
- Sarah Manski & Michel Bauwens, Reimagining New Socio-Technical Economics Through the Application of Distributed Ledger Technologies – zentrale wissenschaftliche Referenz zu DVA: Frontiers in Blockchain
- Sarah Manski, Distributed Ledger Technologies, Value Accounting, and the Self Sovereign Identity – DVA, Commons und digitale Identität: Frontiers in Blockchain
- Sarah Manski, Distributed Value Accounting for a Post-Capitalist Planet: RadicalxChange
- Knut Wimberger, On The Value and The Management of Commons: https://ark.greensteps.me/page/ko/on-the-value-and-the-management-of-commons/
- Knut Wimberger, Worldcoin or Earthcoin – frühere Überlegungen zu Bürgerdividende, globaler Vermögensverteilung und individueller Ökosystemleistung: https://ark.greensteps.me/page/worldcoin-or-earthcoin
- Knut Wimberger, Zu agiler Demokratie und Sphären der Gerechtigkeit: https://www.darkmatteressay.org/blog/zu-agiler-demokratie-und-spharen-der-gerechtigkeit
- Erich Fromm, The Anatomy of Human Destructiveness in: https://www.mingong.org/blog-en/the-anatomy-of-democratic-destructiveness
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