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The Future of Work & Education

ein BLOG zuR ZUKUNFT VON BILDUNG UND ARBEIT

Wege zur schulzentrierten Naturverbindung

9/28/2023

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27.September 2023. Eine Exkursion zu fünf Modellschulgärten in Niederösterreich zeigt auf, warum Grobmotorik-Parks nicht mit Naturerfahrung verwechselt werden dürfen; warum Primärerfahrungen wieder die Regel werden müssen; warum es keinen Weg vorbei an der Tagesschule gibt, und wir uns ideologische Auseinandersetzungen nicht mehr leisten können; und warum bessere Schulgärten nur der erste Schritt am Weg zur schulzentrierten Naturverbindung sind.
Exkursion mit der Familienland GmbH zu Modell Schulgärten in Niederösterreich. Ein gut gefüllter Bus verlässt am frühen Morgen das Landesregierungsviertel in St. Pölten, nachdem es sich die Landesrätin Teschl-Hofmeister nicht hat nehmen lassen die Delegation von Gemeindevertretern, Schulleitern und Lehrern in einer für die steilen Hierarchien des formellen Schulsystems passenden Weise zu verabschieden: „Ich wünsch euch einen schönen Tag, leider kann ich nicht mit, auf mich warten Budgetgespräche, ich würd mir auch lieber Spielplätze ansehen. Benehmt’s euch und danke fürs Kommen.“

Wir überqueren die Donau und tauchen in das Waldviertel ein, wo wir am Vormittag drei Gemeinden besuchen, deren Schulgärten mit Unterstützung der Familienland GmbH neu angelegt oder saniert wurden. Die Intention ist gut: raus aus den Klassen und mehr Möglichkeiten für die Kinder, sich zu bewegen. Die Familienland GmbH schafft allerdings einen etwas staatskapitalistisch anmutenden Rahmen: die ÖVP dominierte Landesregierung Niederösterreichs durchdringt mit ihren in gemeinnützigen Gesellschaften mit beschränkter Haftung verpackten Angeboten den gesamten Kultur- und Bildungssektor in einer Monopolartigkeit, die für sich genommen eine Antithese von Kreativität und freier Entfaltung ist.

Die Spaltung des Landes in politische Lager ist bei dieser Veranstaltung eindeutig: ich bin der einzige Vertreter aus der sozialdemokratisch dominierten Landeshauptstadt. Alle anderen Teilnehmer sind aus Landgemeinden: nach wie vor die Hochburg der christlich-sozialen Partei und somit erste Zielgruppe einer Landesorganisation. Eines wird hierzu Orts stehts wiederholt: wer das Geld hat, hat das Sagen. Die Schulgartenprojekte der Familienland GmbH werden vom Land zu 50% mit einem Projektvolumen von maximal EUR 40k gefördert. Angeblich über 300 derartiger Projekte wurden bereits umgesetzt und man ist stolz, verschiedene Beteiligungsprozesse entworfen zu haben, um vor allem die Kinder in die Planung der neuen Schulgärten zu involvieren.

Es sind ideologische Konflikte, die die einheitliche Einführung von Tagesschulen verhindern. Während sich im sozialdemokratischen Wien Ganztages-Bildungsangebote hoher Beliebtheit erfreuen, sind diese in Niederösterreich eine seltene Ausnahme. Selbst im sozialdemokratischen St. Pölten ist das Schulwesen von der Nachmittagsbetreuung strikt getrennt. In den christlich-sozial dominierten Landgemeinden will man den Stereotyp der bäuerlichen Großfamilie nicht weiter erodieren, indem man die Kinder den Großeltern oder der zur Verfügung stehenden Mutter am Nachmittag entzieht. Aber selbst christlich-konservative Parteigänger unter den Lehrern sehen diesen Familientypus aussterben. Der Ganztagesschule, die umfassenden Naturraum-Unterricht anbietet steht nur eigentlich nur die mangelnde Transformationsfähigkeit des Schulsystems im Wege. Vielleicht brauchen wir noch eine Pandemie, um diese unumgängliche Notwendigkeit für unsere Kinder (wie auch Lehrer) zu erkennen.

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Unser erster Halt ist Lengenfeld, wo uns der Bürgermeister an der Tür des Bildungscampus empfängt. Ein architektonisch ausgezeichnetes Projekt, welches alte Bausubstanz mit neuer gelungen verknüpft. Der kleine Schulgarten wurde während der Covid-Pandemie saniert und eröffnet. Zwei Volksschul-Klassen singen uns ein Lied und die Direktorin schildert ihre Erfahrungen.

Wie bereits bekannt, wird die Rolle des Schulwarts betont. Wer sich mit place-based education auseinandersetzt, muss früher oder später zum Schluss kommen, dass der Direktor einer Schule auch der leitende Schulwart zu sein hat, dem ein Team von Landschaftsgestaltern zuarbeiten. Die kleine Grundschule hat nur 68 Schüler, die sich über einen Garten freuen dürfen, in dem einige alte Kastanien stehen. Die Sanierung hat eine slackline, eine Kletterwand und ein Krabbelnetz gebracht. Schaukel und Rutsch hat die Schulleiterin aufgrund ihrer Erfahrung aus dem Konzept gestrichen, denn „vor und hinter der Schaukel muss ständig beaufsichtigt werden und bei der Rutsche wollen die Mädchen runter, während die Buben immer nur von untern nach oben klettern.“

Unser zweiter Halt führt uns nach St. Leonhard, wo die Mittelschule vor kurzem geschlossen wurde. Die verbleibenden jahrgangsübergreifenden Grundschulklassen bevölkern den einladenden Spielplatz neben der Schule jedoch mit lautstarker Lebendigkeit. Die Kinder machen sich an der Wasserpumpe zu schaffen und bauen einen Damm in der anschliessenden Sandkiste. Zusätzlich zu Kletterwand, Balancierbalken und Kletternetzen, gibt es hier auch eine Rutsche und einen Pavillon. Nachdem dieser Schulgarten nicht vom Dorf räumlich abgetrennt ist, wurde er generationenübergreifend entworfen. Der mit Stroh bedeckte Pavillon, lädt mit weiteren Sitzmöglichkeiten und Tauschbücherschränken dazu ein, auch nach Schulende zu verweilen.

In St. Leonhard fällt auf, dass die Schule wirklich ein Teil des Dorfes ist. Vielleicht war deshalb die Beteiligung der Eltern bei der Bepflanzung so hoch. Vandalismus, so die Antwort der Gemeindesekretärin, sei noch nie ein Problem gewesen. Im Gegenteil, man hilft zusammen, um den Garten zu erhalten. Landjugend und Bauhof haben viel Eigenleistung beigesteuert, um den Ort kindergerecht zu machen. Das wird gedankt: die Kinder haben eine 30 minütige große Pause, die sie bei jeder Witerung im Garten verbringen.

Primär- vs. Sekundärerfahrungen

Nach dem Besuch von zwei Grundschulen, erwarte ich mir beim dritten Halt in Groß Siegharts neue Einsichten. Dort wird von der Gemeinde die stattliche Summe von EUR 6 mio investiert um ein Schulzentrum zu errichten, welches Mittelschule, Sonderschule und Grundschule beherbergen wird. Der Um- und Zubau der aus den 70er Jahren stammenden Bausubstanz ist bereits fast abgeschlossen, der neue Schulgarten wird bereits seit einem Jahr von der Mittelschule benützt.

Während der Gemeindevertreter eine überlange Ansprache hält und den Schulleiter nicht zu Wort kommen läßt, befrage ich diesen nach den Benützungsverhalten der Mittelschüler. Dies würden zumeist nur in Schaukel und Hütte herumlungern, erwidert mir dieser. Die Altersgruppe sei schwer zu bewegen, aber das werde sich ändern, sobald die Grundschüler das Gebäude beziehen.

Der Schulhalter ist überrascht, daß auch in Groß Siegharts die anziehendsten Elemente das Wasser und der Sand sind. Ich erinnere mich an Richard Loevs Buch „Last Child in the Woods“, in dem er beschreibt, daß unsere Kinder immer weniger Primärerfahrungen haben. Alles wird vermittelt, auf Tafeln und whiteboards, über gedruckte und digitale Bücher, Filme, Animationen und natürlich dem Internet. Sekundärerfahrungen sind die Regel im Bildungssystem der Moderne. Primärerfahrungen sind die Ausnahme geworden.

Ein Schulgarten hat das Potenzial Primärerfahrungen wieder in den Vordergrund zu heben, doch fehlt Ingenieuren, Landschaftsgestaltern und Schulpersonal zumeist der Einblick, der für jeden Naturpädagogen nur des Hausverstands bedarf: vorgegebene, sich immer wiederholende Infrastrukturelemente, die vor allem die Grobmotorik fördern, sind nicht genug, um Kindern freies Spiel und anregende Momente innerhalb des Systems Schule zu bieten. Die industrielle Bildung der Klassenzimmer wird im Schulhof und -garten oft fortgesetzt. 

Kinder benötigen Primärerfahrungen, die nicht geplant sind. Die Wasserpumpe und der Sandkasten ermöglichen dies, da Wasser und Sand sich ständig verändernde Elemente sind, die von den Kindern geformt werden können und sich nachgiebig formen lassen. Es sollte das Ziel von Schulgärten sein, derartige Interaktionen zu vermehren, anstatt dieselben Elemente als industriellen Standard immer wieder zu verwenden.
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Gebaute vs. Gewachsene Infrastruktur

Wahre Freiraumgestaltung beginnt bei den Pflanzen, die wir im Schulgarten anbauen, aufziehen und über die Jahreszeiten hinweg pflegen oder dem Biotop, in dem sich bei Schulbeginn und Schulende unterschiedliche Insekten tummeln. Der Prozess des Gärtnerns schafft eine zweite Form von Infrastruktur, die sich ständig verändert. Während die Initialkosten im Vergleich zu Grobmotorik-Parks niedrig sind, muss ein organischer Garten tagtäglich gepflegt werden und die Früchte dieser Arbeits sind im wahrsten Sinne des Wortes oft erst Jahre später zu ernten.

Im Gespräch mit fünf Schulleitern, zu deren Mittagstisch ich mich geselle, kommt sofort der Einwand der Sommerbetreuung auf. Niemand würde sich über die Sommermonate finden und der Schulwart würde ohne Mehrbezahlung immer weitere Agenden übernehmen müssen. Der Schulwart scheint mit dem steigenden Interesse an Zeit im Freien, eine immer gefragtere Person zu sein, und ich scherze, dass ich mich gerne Teilzeit umschulen lasse.

Wie langweilig ein Schulgarten wirkt, der ohne durchdachte gewachsene Infrastruktur geplant wurde, zeigt das Projekt Groß Siegharts, das vom Vertreter der Gemeinde zwar hoch gelobt wird, aber zutiefst enttäuschend ist. Ein einziger Baum bietet zu wenig Schatten, den man mit Sonnendächern beheben will. Die wenigen Sträucher sind friedhofsartig zurückgestutzt. Wie sich fast 200 Schüler an diesem Standort in der Natur entfalten und wohlfühlen sollen, ist mir ein Rätsel. Der Schulleiter zeigt auf einen turnierfähigen Fussballplatz, auf dem sich wie an jeder Schule nur eine gewisse Gruppe von Schülern finden wird.
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Offene vs. Geschlossene Schulgärten

Ein Problem des Standortes Groß Siegharts mag die Trennung des Schulgartens vom Rest der Markgemeinde sein, die eine fortlaufende Beteiligung der Bevölkerung ermöglichen würde. Unser vierter Halt in Groß Gerungs zeigt wie ein offener Schulgarten einen Mehrwert für die Anrainer darstellt und das Mitwirken anderer gesellschaftlicher Gruppen anspornt.

Ebenfalls während der Covid-Pandemie über Videokonferenzen und emails geplant, hat die Förderung der Familienland GmbH eine kleine Bewegung ins Leben gerufen. Der Grobmotorik Park wurde von den Schülern der polytechnischen Schule mit einem selbstgebauten Freiraumklassenzimmer ergänzt. Die Landjugend hat drei Hochbeete, einige Freiluftliegen und eine Traubenhecke beigesteuert. Man spürt, dass in Groß Gerungs etwas in Bewegung geraten ist.

Die Leiterin der Mittelschule und jene der Grundschule erklären, dass Covid in Groß Gerungs einen äußerst positiven Effekt hatte, weil man in den Pausen nach und nach gezwungen war, mit den Kindern ins Freie zu gehen. Die Neugestaltung des Schulgartens hat daher einen positiven Rückenwind durch Covid erfahren und allen Beteiligten war klar, dass Kinder mehr Zeit an der Natur verbringen müssen. Wiederum wird die notwendige Unterstützung des Schulwarts sowie der fortlaufende Abgleich zwischen Schule und Bauhof für die Wartung der Infrastruktur hervorgehoben.
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Sind 20 Minuten Freiluft genug?

Dennoch bin ich entsetzt wie wenig Bewusstsein für das elementarste Problem unseres Bildungssystems – den Raum - herrscht. Beide Schulleiterinnen sind berechtigterweise stolz auf die rasche und unerwartet umfangreiche Umsetzung des EUR 70k Projektes, drücken aber ihre Zufriedenheit aus, dass die Kinder nunmehr 20 Minuten täglich – bei fast jeder Witterung – im Freien verbringen.

Wenn ein Mensch, dessen entwicklungspsyschologische Natur es ist, herumzulaufen, den ganzen Tag über gezwungen wird, in geschlossenen Räumen zu sitzen, dann ist es logisch, dass man sich bereits über 20 Minuten Auslauf freut. Aber die Frage die wir hier stellen müssen ist eine andere: sind 20 Minuten Freiluft genug, um gesunde, kreative und umweltbewusste Kinder zu erziehen?

Während die Aufwertung von Schulgärten und -höfen, derer sich die Familienland GmbH dankenswerterweise angenommen hat, gerade im Grundschulbereich eine unumgängliche Maßnahme darstellt, um unsere Kinder aus dem industriellen Bildungsgefängnis zu befreien und besser auf die Klimakrise vorzubereiten, ist eine Reformation der Lehrpläne und eine Integration des Raumes, der die Schule umgibt und den Überlebensraum der Kinder bildet, dringend notwendig.

Wie schreibt Maria Montessori, “the child is in need of an environment in order to develop himself. Having accepted that, the next point is, what are we to do? What sort of environment must be prepared for the child so that it may be of assistance to him?” Bereits in der 3. Und 4. Schulstufe der Grundschule sind die Kinder bereit, den Schulgarten zu verlassen, und die Umgebung zu erkunden. Es sind die Jahre der späten Primärstufe und der frühen Sekundarstufe, in denen wir in unseren Köpfen die Landschaften formen, die uns ein ganzes Leben lang begleiten werden; an denen sich unserer Eindrücke als Erwachsener orientieren und erinnern werden.

Wir haben zumindest bereits eine Generation von Menschen erzeugt, die wenig Naturraumerfahrung besitzt und den Großteil ihrer Kindheit entweder zuhause oder in der Schule zugebracht haben. Gerade bei Schülern der unteren Sekundarstufe, die eigentlich fähig wäre Allmenden und Regionen zu erforschen und positiv zu gestalten, wirkt sich das Festhalten an Lehrplänen in Kombination mit digitalem Konsum verheerend aus. 
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Mobile Campus 4.0 als Lösung

Der Mobile Campus 4.0 bietet eine Lösung für das Dilemma, in dem sich Schulen, Schüler und Lehrer befinden: die Beschränkung des Raumes durch Lehrplan und Haftungsfragen. Das Erfahren lokaler Ökosysteme - ausgehend vom Schulgebäude - muss ein zentrales Bildungsziel sein, wollen wir die nächste Generation auf die Klimakrise und deren Bewältigung bestens vorbereiten.

Mit der Unterstützung eines maßgeschneiderten web-apps wird die Erkundung, Erfassung und Gestaltung des erweiterten Lebensraumes zu einem Abenteuer. Vorbereitete, aber dynamisch änderbare Wanderrouten entlang der wesentlichen Naturmerkmale ermöglichen das fundierte Kennenlernen des Lebensraumes. Primärerfahrungen werden wieder die Regel, während Sekundärerfahrungen unterstützend in den Hintergrund treten.

Ökologische Intelligenz wird spielerisch gefördert, indem teilnehmende Schüler Bäume und andere Naturelemente messen, beschreiben, kartieren, über diese recherchieren, schreiben oder sich damit künstlerisch auseinandersetzen. Routenentwicklung und -ausschilderung bedarf der Zusammenarbeit im Team und schult in Selbst- und Fremdwahrnehmung.
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Schulfreiräume als Sicherheitszonen

Daß sich die Realität von Stadt- und Landkindern in Österreich nicht mehr drastisch unterscheidet, und der Mobile Campus 4.0 auch in ländlichen Gemeinden Anwendung finden wird, bestätigt unser fünfter und letzter Halt an diesem einblicksreichen Tag. Im 600 Einwohner zählenden Aggsbach empfängt uns der Vizebürgermeister auf einem etwa 1000m2 großen Grundstück, das etwa 200m von der Grundschule entfernt liegt.

Obwohl die Grundschule nur 8 Schüler zählt, wurde in Aggsbach ein EUR 45k teurer Freiraum im Jahr 2019 als erstes Projekt der Familienland GmbH gebaut. Man fragt sich, warum eine derart kleine, naturverbundene Gemeinde wie Aggsbach, das an der Donau in der schönen Wachau liegt, einen Schulfreiraum benötigt. Die Antwort geben zwei Kinder, die ich antreffe und frage, was ihnen hier am meisten Spass macht. Die Antwort ist wieder die Wasserpumpe. „Das können wir trinken, damit spritzen und spielen.“ Aber warum geht ihr nicht einfach zur Donau? will ich weiter wissen, „Weil uns unsere Eltern nicht lassen.“

Schulfreiräume wie jener in Aggsbach zeigen, dass wir unseren Kindern kein freies Spiel mehr erlauben und damit immer weniger authentische Naturerfahrung ermöglichen. Wenn wir die Entwicklung der nächsten Generation ernstnehmen, dann müssen wir den Raum, den Kinder sich erarbeiten dürfen, umfassend – über das Schulgebäude und den Schulgarten hinaus - betrachten. Wir müssen ihnen die Zeit geben, diesen Raum zu erfahren und die Freiheit, Erfahrungen selbst zu steuern. Dabei geht hin- und wieder etwas schief, keine Frage. Aber Kratzer, Beulen, Schürfwunden und ein gebrochener Arm wiegen weniger als eine von der Natur entfremdete Menschheit.
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Weiterlesen:

  • https://en.wikipedia.org/wiki/Place-based_education
  • Handbuch der LReg Oberösterreich, Wege zur Natur im Schulgarten
  • Richard Louv, Last Child in the Woods
  • Lia Karsten, It All Used to Be Better? Different Generations on Continuity and Change in Urban Children’s Daily Use of Space
  • Richard Louv, Engaging children in Nature
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Welcome to THE MACHINe

9/16/2023

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Erster Tag an der pädagogischen Hochschule Krems. Induktionsphase für Neulehrer.  Quereinsteiger, egal welchen Alterns und welcher Berufs- und Lebenserfahrung werden mit oft gerade über 20jährigen Bachelorabsolventen für eine Woche in AudiMax Lehrveranstaltungen zu den Themen Projektmanagement, Konfliktprävention, Leistungsbeurteilung, Kommunikation, Recht, Personalwesen, etc. zusammengeworfen.
 
Der Vizerektor betont bei seiner Ansprache, dass die ersten Wochen in einem neuen Job oft darüber entscheiden, wie lange der Arbeitnehmer im Unternehmen bleibt. Nur wenige Minuten später schneidet die erschöpfte Stimme der Lehrgangsleiterin durch den Hörsaal und verkündet den Ernst des Lebens in einem Tonfall der eher für einen Lehrjungen als für angehende Lehrer passend ist. Die Junglehrer (nicht die Quereinsteiger) werden ermahnt sich besser zu organisieren und nicht wegen jeder Kleinigkeit in Panik zu geraten und durch Telefonate und SM Nachrichten Panik zu verbreiten.  
 
Einer anderer Lehrgangsleiter verkündet, welcome to dark side, womit sich der Eindruck erhärtet, dass die Dark Side nicht bei den Schülern, sondern bei den Lehrern zu suchen ist. Der Präsenzteil der Induktionsphase ist stark mit den Themen Recht und Mobbing besetzt; auch jetzt, wenige Wochen später hallt der Eindruck nach, dass man als Lehrer viele Angriffsflächen hat, die man selbständig abdecken muss. Die wichtigsten sind Leistungsbeurteilung und Aufsichtspflicht. Eine kleine Unachtsamkeit kann in diesen beiden Bereichen der Lehrtätigkeit zu schwersten Folgen führen. Es werden unzählige Beispiele aus der Praxis angeführt und ich erinnere mich schweren Herzens des Ethologen John Calhoun, der in den 1960er Jahren die Mouse Utopia Versuche durchgeführt und dadurch den Begriff behavioral sink geprägt hat: pathologisch gestörtes Sozialverhalten verursacht durch zu wenig Rückzugsraum.
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Am zweiten Tag entdecke ich überrascht und leicht entsetzt ein Edelstahlnetz, welches das gesamte Stiegenhaus der pädagogischen Hochschule verkleidet. Die Installation ist neu und äußerst hochwertig. Ich kann nur erahnen wie viele tausende Euro diese Infrastruktur gekostet haben muss. Mein intuitiver Eindruck: es handelt sich um eine Suizidpräventionsmaßnahme. Wahrscheinlich hat sich an dieser Bildungseinrichtung vor kurzer Zeit jemand das Leben genommen, indem er sich das Stiegenhaus hinuntergestürzt hat. Szenen der Selbstmordvorfälle bei Foxconn ziehen auf meinem geistigen Schirm vorbei.
 
Das Thema läßt mich während meiner Zeit an der PH Krems nicht ruhen, daher frage ich eine Mitarbeiterin, die mir einen Hörsaal öffnet. Sie teilt meine negative Wahrnehmung, erklärt mir aber, dass es keinen Selbstmord gegeben hat. Das Edelstahlnetz seit installiert worden, weil die Gebäudeaufsicht es vorgeschrieben hat. In der Tat sei es sehr teuer gewesen. Der Eindruck bleibt, dass man sich an der PH Krems in einem Hochsicherheitstrakt befindet, in dem der Absturz in einem Stiegenhaus in der Gegenwart verhindert werden muss, obwohl es seit der Errichtung des Gebäudes in den 1960er Jahren dafür keinen Anlassfall gegeben hat.
 
Das Thema pathologisch abnormales Verhalten ist dennoch nicht aus dieser Woche wegzudenken. Das gesicherte Stiegenhaus wird zu einem Bild für den wesentlichen Eindruck, den ich von dieser akademischen Einführung in die Profession des Lehrers erhalte: es handelt sich um ein System, in dem viele Einzelne zweifelsfrei Gutes vollbringen wollen, welches aber Dynamiken erzeugt, die systemimmanent sind und nicht überwunden werden können. Das System definiert seine Akteure. Viktor Frankls Schilderungen vom nationalsozialistischen Konzentrationslager, das Stanford prison experiment und das Prisoner’s Dilemma erscheinen am Radar.
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Aus systemischer Perspektive ist es unzweifelhaft, dass die pathologischen Entgleisungen des sozialen Verhaltens auf der Seite von Schülern und Lehrern zumeist nicht in der Person selbst, sondern in der Beschaffenheit des Raumes zu suchen sind. Es sollte für einen systemfremden Beobachter, aber auch für einen noch nicht betriebsblinden Lehrer unübersehbar sein, dass viele der Probleme der formellen Bildung durch eine Veränderung der Raumdimension zu lösen sind. Eine Öffnung der Schulgebäude und zumindest 1-2 volle Tage außerhalb dieser geschlossenen Anstalten würde bereits erhebliche Verbesserungen schaffen.
 
Stattdessen übt man angehende Lehrer in der Prävention, dem Unterbinden und der Aufarbeitung von Mobbingfällen, und man spürt sofort, dass man unsicheres Terrain betritt, Glatteis auf dem man vor Schülern, deren Eltern, den Kollegen, dem Schulleiter und der zuständigen Bildungsbehörde krachend ausrutschen kann. Von einer Kollegen wird mir noch in der ersten Woche der Abschluß einer Rechtsschutzversicherung nahegelegt. Ein männlicher Kollege rät mir niemals als Mann erste Hilfe zu leisten, und sogar das Anlegen von Pflaster einer weiblichen Kollegin zu überlassen. Man kommt zu einfach in den Verdacht pädophil veranlagt zu sein, erklärt er seinen Ratschlag. In diversen Gesprächen drängt sich mir die Frage auf, ob man als Lehrer nicht dazu gedrängt wird, erste Hilfe zu unterlassen. Ein krasser Widerspruch zu meinem Engagement als Umweltpädagoge und Ersthelfer, der sich alle zwei Jahre neu qualifizieren lässt.  
 
Ein ganzer Tag ist der Personalvertretung gewidmet, die sich aus Funktionären der Lehrergewerkschaft zusammensetzt. Ehemalige Lehrer, die seit 10 und mehr Jahren hauptberuflich die Interessen dieser Berufsgruppe vertreten, briefen uns über Themen wie Lohnansprüche, Titel und Dienstweisungen. Ich träume über das Ministry of Tofu, wache aber auf und erkenne, dass das Ministry of Magic unglaublich aufgebläht ist und mir dämmert, warum das österreichische Bildungssystem eines der teuersten der Welt ist, aber nur mediokre Resultate zeitigt.
 
Mein Arbeitgeber, die Bildungsdirektion Niederösterreich, läßt mich wissen, dass ich erst im Oktober, 6 Wochen nach Dienstantritt, meine Dienstemail erhalten werde. Meine neuen Kollegen, meinen: wenn es gut geht. Der MOOC, den ich vor meiner Woche an der PH Krems absolvieren muss, ist mit den Vorlesungen stark überlappend. Die Teilnahme wird für Quereinsteiger bei beidem erzwungen und ist nicht auf das Vorwissen der Teilnehmer abgestimmt. Schon in den ersten Wochen stellt sich durch das Abzeichnen der Anwesenheit, Dienst nach Vorschrift ein. Es geht mehr um Zertifikate und Titel, weniger um die Sache an sich.
 
  • John Calhoun’s Mouse Utopia Experiment
  • John Calhoun’s Mouse Utopia Experiment and Reflections on the Welfare State
  • Stanford prison experiment
  • Viktor Frankl, Man’s Search for Meaning
  • Knut Wimberger, On the Education Crisis and the Prisoner’s Dilemma
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Über DIE TOTALE NIEDERLAGE DES BILDUNGSEWESENS

8/30/2023

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So titelt das Zeit Magazin diese Woche.
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SOLDATEN ALS LEHRER

8/5/2023

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Während sich (nicht nur) die Sprosse von wohlhabenden Konservativen in fast jeder Bildungsökonomie an Privatschulen zusammenrotten, um zunehmend kompetitiven Arbeitsmärkten vorzubauen und zunehmend heterogene Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden, schlägt die konservative Partei Österreichs vor, in öffentlichen Schulen gezielt Soldaten als Lehrer anzuwerben.

Nun ist es richtig, dass das Bildungssystem an sich in einer Schieflage ist und der Lehrermangel addressiert werden muss. Es ist auch richtig, dass der neuerdings mögliche Quereinstieg in die Pädagogik jeder Berufsgruppe offensteht, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt werden. Dies trifft auch auf Berufssoldaten zu. Aber weder eine veränderte geopolitische Lage noch bevorstehende Klimakatastrophen rechtfertigen die betone Anwerbung von Berufssoldaten als Lehrer.

Der Grund liegt hierfür in der systemischen Färbung des Militärs, welches aus einer Ära stammt, in der alles gelb-orange und durch schwere top-down Hierarchien geprägt war. Schule soll und muss sich von dieser Färbung wegentwickeln und so wie von Ken Wilber oder Frederik Laloux beschrieben, eine Veränderung der Gesellschaft Richtung teal ermöglichen.
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Es ist davon auszugehen, dass Personen aus Berufsgruppen, die traditionell gelb oder orange gefärbt sind, eine Transformation des Bildungswesens noch unwahrscheinlicher machen als dies ohnehin bereits der Fall ist.
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KAIZEN FÜR DAS BILDUNGSSYSTEM!

7/25/2023

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Beglaubigung offizieller Dokumente! Als ob es in Zeiten der Digitalisierung, der digitalen Bürgerkarte, der digitalen Unterschrift, nicht möglich wäre, die Authentizität von Dokumenten einfacher zu überprüfen.
Ich muss mir einen Termin vereinbaren, um die Echtheit der Dokumente, welche alle bereits bei der Bildungsdirektion im Zuge der Bewerberbung eingelangt sind, persönlich zu bestätigen.
Bedenkt man diesen Verwaltungsaufwand, ist es kein Wunder, dass das ö Bildungssystem eines der teuersten der Welt ist - und es liegt auf der Hand, dass die finanziellen Mittel nicht in der Bildung der nächsten Generation, sondern im Betrieb einer obsoleten Verwaltungsstruktur aufgehen.

Digitale Erfassung. Bitte. Heute.

Terminvereinbarung bei der Bildungsdirektion NÖ. Der Kollege am Telefon erklärt auf meinen Hinweis der möglichen Digitalisierung, dass "bei uns das eben noch notwendig ist ... geändert wird das vielleicht irgendwann einmal ... aber ich bin nur ein kleiner Mitarbeiter." Dem Bildungswesen würde jedenfalls eine deftige Ladung Kaizen (nein, keine energy drink, sondern eine japanische Management Methode) gut tun. Denn es sind die kleinen Mitarbeiter, die wesentlich an der Verbesserung einer Organisation mithelfen können.
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QuerEINSTIEG

7/13/2023

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Erster Geschmack des formellen Bildungssystems: Einführungsveranstaltung für Quereinsteiger an der PH Niederösterreich. Die Vortragende ist stolz, dass sie 130 "ganz brave und fleissige" Studenten bei sich SITZEN hat. SITZEN ist das neue RAUCHEN. Das wesentliche Problem im gegenwärtigen Bildungssystem ist das SITZEN. Wir müssten LAUFEN. GEHEN. WANDERN. Die Natur erkunden.
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StinKNORMALE BERUFE ...

6/17/2023

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... die technologischem Fortschritt zum Opfer gefallen sind.
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Über die NATUR EINES VOLKSFEINDES

3/8/2023

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Der norwegische Schriftsteller Henrik Ibsen [1] stellte 1882 in seinem Stück „Der Volksfeind“ [2] grundlegende Fragen zum Funktionieren der Demokratie und dem Wert der Wahrheit. Das niederösterreichische Landestheater verleiht dem Klassiker in einer Neuinszenierung seit 27. Jänner aktuelle Dringlichkeit. [3] Wir waren am 25. Feber in einer Vorstellung mit anschließender Publikumsdiskussion und verbinden unsere Eindrücke in diesem Essay mit aktuellen Themen lokaler und globaler Dimension.
 
Der Volksfeind
 
Es ist eine typische Situation, die wohl in jeder – auch undemokratischen – Kleinstadt vorstellbar ist. Ein Geschwisterpaar ist in führenden Gemeindefunktionen, die Schwester ist Bürgermeisterin, der Bruder leitender Arzt der städtischen Kuranstalt. Dieser untersucht das Thermalwasser und stellt fest, dass es mit krankheiterregenden Keimen verunreinigt ist. Er fühlt sich Wahrheit und Wissenschaft verpflichtet, schreibt einen Bericht und will die Allgemeinheit darüber informieren.
 
Seine Schwester ist pragmatische Politikerin, die den Ruin der Stadt voraussieht, sollte die Verunreinigung des Thermalwassers ans Licht kommen. Die Kuranstalt ist die wichtigste Säule der lokalen Wirtschaft. Sie fühlt sich dem ökonomischen Überleben der Gemeinde verpflichtet und setzt alle Hebel in Bewegung, ihren Bruder mundtot zu machen. Es entfacht ein theatralisch verstärkter Geschwisterkonflikt, der wohl von Ibsen beabsichtigt, den ewigen Kampf innerhalb des Menschengeschlechts widerspiegelt: homo homini lupus.
 
Der Arzt, Dr. Stockmann, geht seinen Weg der Wahrheit anfänglich selbstsicher und mit der Unterstützung seiner Tochter Petra, die in der Neuinszenierung als jugendliche Vertreterin der Fridays for Future oder der Letzten Generation zu sehen ist. Ihr Vater sucht im Redakteur der lokalen Zeitung und einem regionalen Verleger Verbündete, um der Wahrheit zum Erfolg zu verhelfen. In der Einflussnahme auf die Medienvertreter entscheidet sich im Stück der Kampf zwischen Bruder und Schwester.
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Die Bürgermeisterin lenkt geschickt die Aufmerksamkeit von Redakteur und Verleger auf die unmittelbare wirtschaftliche Bedrohung durch das Ausbleiben der Kurgäste und schiebt dadurch die Bedenken hinsichtlich der Thermalwasserverunreinigung in weite Ferne. Der Kämpfer im Dienste von Wahrheit und Wissenschaft wird in weniger als einer Stunde diffamiert und zum egoistischen Volksfeind erklärt, dem die abstrakte Wahrheit wichtiger ist als das Wohl der Gemeinschaft.  
 
Ähnliche „plots“ kennen wir hierzulande durch die Piefkesaga [4] und die jüngste mediale Diskussion um die Millioneninvestitionen im Skitourismus [5], der immer deutlicher langfristige ökologische Notwendigkeiten kurzfristigen ökonomischen Interessen opfert. Aber auch global betrachtet, hat vor allem die Ausnahmesituation Covid-19 gezeigt, wie wenig die gesellschaftlichen Entscheidungsträger den Zusammenhang zwischen der Pandemie, notwendiger wirtschaftlicher Transformation und Klimakrise verstanden haben. So wie in Ibsens Theaterstück droht uns als „globales Dorf“ die sechste Artenvernichtung, aber wir treffen kurzfristige Entscheidungen entlang überholter wirtschaftlicher Paradigmen.
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Die Publikumsdiskussion
 
In der an die Aufführung unmittelbar anschließenden Publikumsdiskussion, zu der etwa 30 Gäste und das Theaterensemble samt Dramaturgin erscheinen, spiegeln sich Kernaussagen des Stückes wider. Fragen zur Mündigkeit der Mehrheit, zur demokratischen Meinungsfindung und dem Zweck der Wahrheit werden in den Wortmeldungen der Teilnehmer regelrecht parodiert. Ein älteres Paar der offensichtlich gehobenen sozialen Schicht begnügt sich damit, die Schauspieler zu loben und vergisst darüber hinweg auf den Inhalt einzugehen. Ein Gelehrter wirft mit Zahlen und Statistiken um sich und prophezeit drei Jugendlichen der Friday for Future Bewegung, dass bald eine Lösung zur Klimakrise gefunden werde. Die Jugendlichen kontern mit anderen Zahlen, und wirken wie ahnungslose Söldner eines Krieges, der von anderen angezettelt wurde. Es herrscht wie in der Demokratie üblich Uneinigkeit. Es mangelt an einem gemeinsamen Ziel, und noch viel mehr: einem gemeinsamen Weg dorthin.

Ist das Volk unfähig zu regieren? Ist die Demokratie ebenso wie der Kommunismus eine hehre Illusion, die sich Intellektuelle mangels Menschenkenntnis auserdacht haben? Ist die Demokratie nichtsdestotrotz das kleinste Übel unter allen Regierungsformen, wie Winston Churchill einst berühmt sagte? Müssen die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Mechanismen der Demokratie generalüberholt werden, um jene Entscheidungen zu treffen, die uns derzeit notwendige Lösungen finden lassen? Oder ist der Mensch evolutionäre Ausschussware?

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Was bewegt die “Letzte Generation“?
 
Ähnlich wie die drei Mitglieder der lokalen Friday for Future Bewegung in der Volksfeind-Publikumsdiskussion, haben die Journalisten Anna Mayr und Bernd Ulrich im Magazin der Zeit vom 16.2 [6] drei Protagonisten der Letzten Generation zum Gespräch oder sollte ich eher sagen zum Verhör gebeten. Der raue Unterton ist mir als erstes aufgefallen: will man hier Systemgegner (sprich Volksfeinde?) verurteilen oder in einem freundlichen Gespräch die Motivation von jungen Menschen hinterfragen, ihr Leben in den Dienst einer notwendigen Systemveränderung zu stellen?
 
Dieses Interview im Magazin der Zeit zu finden ist an sich schon etwas eigenartig. Eingebettet zwischen ganzseitigen Werbeeinschaltungen zu Luxusuhren, Luxustaschen, Trendberichten über Beanie-Mützen, findet man elf (!) Seiten mit stilisierten Schwarzweißaufnahmen von der 20 jährigen Carla Rochel, dem 38 jährigen Raul Semmler und der 23 jährigen Aimee van Baalen, drei zentralen Figuren der deutschen Bewegung, die bereits über 1000 Mitglieder zählen soll. In der Ausgabe der darauffolgenden Woche wird anstatt der Letzten Generation die italienische Rockband Maneskin gefeatured. Nur damit wir wissen, mit wem wir es hier in punkto Status zu tun haben. Askese trifft auf Extravaganz und Völlerei.
 
Sie sind also Stars einer Gesellschaft - oder soll man sie Anti-Stars nennen - die mit sich selbst nicht mehr im Reinen ist. Ansonsten würden sie in der großformatigen Zeit im Feuilleton oder im Dossier ihre Antworten zu ontologischen, aus einem Milan Kundera Roman stammenden, Fragen wie dieser geben: Wann haben sie ihre Leichtigkeit verloren? Gemeint ist: wann mussten die Mitglieder der letzten Generation ihre Kindheit aufgrund der bedrückenden Realität einer nicht abzuwendenden Klimakrise aufgeben? Es werden junge Menschen interviewt, die schlicht erkannt haben, dass wir nicht so weitergehen kann wie bisher. Menschen, denen ihr ruhiges Leben genommen wurde, denen die Auseinandersetzung mit der Realität keine andere Wahl ließ.
 
Zeitgeist Klimakrise. Es ist aus mit den „goldenen Jahren“, mit dem Frieden, mit unreflektiertem Wachstum. Es ist Schluss mit lustig. Das Resultat sind Jugendliche und junge Erwachsene, die keine Perspektive mehr haben, die anstatt innerhalb des herrschenden Systems ihren Platz zu suchen, dieses offen angreifen und sabotieren. Sind diese Menschen anders als islamische Fundamentalisten oder reaktionäre Neonazis? Was haben sie mit anderen Randgruppen gemeinsam, was unterscheidet sie von diesen?
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Ich mußte mich beim Lesen des Interviews mehrmals an Weltentwerfen erinnern, einem Buch des Hamburger Designers Friedrich von Boerries [7]: „Wir haben Strukturen überwunden, die nicht effektiv sind”, sagt Van der Baalen. Welche Strukturen meint sie damit? Jene hochgeschätzten aber nicht mehr funktionierenden Strukturen der westlichen Demokratie? Warum funktionieren diese Strukturen nicht mehr? Oft habe ich in den letzten Jahren die Demokratie als ein System kritisiert, das Demokraten an Verfassungen hängen läßt, ähnlich wie Bibelchristen jedes Wort eines vor 2000 und mehr Jahren geschriebenen Buches in der Gegenwart leben wollen.
 
Die Demokratie stammt aus dem 19. Jahrhundert, einer Zeit in der Innovationen zwischen 20 und 50 Jahren brauchten, um aus der Taufe gehoben zu werden. Eine Zeit in der wenige als eine Milliarde Menschen auf der Erde lebten und einen Bruchteil der acht Millarden heute lebenden Konsumenten verbrauchten. Innovationszyklen haben sich in vielen Industrien auf sechs Monate reduziert und damit der output an neuen Produkten – egal ob für die Gesellschaft oder den Planeten von Vor- oder Nachteil – exponentiell beschleunigt. Ein Beispiel das mir ad hoc einfällt, ist der durch einen vorübergehenden data-goldrush angetriebene Erfolg von Mietfahrrädern in China, der bis in den Westen schwappte, und erst nach einer gigantischen Vergeudung von Rohstoffen, Arbeitskraft und Finanzmitteln, auf der Halde endete.
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Xiamen, China, 2017. Halde von falsch geparkten Mietfahrrädern.
Können wir uns als Menschheit – auf einem Planeten, der endliche Mittel zur Verfügung stellt – derartige Verfehlungen noch leisten? Natürlich nicht, aber die Systeme, die diesen Verfehlungen Einhalt gebieten sollen, der Markt und die Politik, versagen – und zwar egal ob gelenkter Staatskapitalismus oder freie Marktwirtschaft draufsteht. Das Label verheimlich nur, wie der Historiker Harari schrieb, dass die Systeme inhaltlich derselben Religion huldigen: Wachstum. Hinter Wirtschaftswachstum versteckt sich jedoch ein moralisches Problem, welches der Umweltschützer Gus Speth mit Gier, Apathie und Ignoranz beschrieben hat.

Die Klimakrise als Prisoner’s Dilemma
 
Eine Kultur der Maßlosigkeit erzeugt maßlose Menschen, die ihre Freiheiten ausleben wollen, aber ihre Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft nicht wahrnehmen. Mit etwas Berechtigung fragt sich der einzelne am unteren Ende der Hackordnung, warum er sich mäßigen soll, wo doch die Oberschicht bekanntlich den größten CO2 Fußabdruck hat, indem sie weder auf ihre Langstreckenflüge und transatlantischen Urlaube noch auf SUVS und argentinische Steaks verzichten will.[8] Wer kann einem da schon einen Vorwurf machen, wenn man billiges Hackfleisch von Lidl brät oder frustriert die Red Bull Dose in die Hecke des Gemeindebaus donnert? Die Klimakrise ist ein Klassenproblem [9] und erst die Überwindung der Klassentrennung wird dies lösen. Denn: ein ökonomisch marginalisierter Mensch interessiert sich nicht für den Klimawandel oder Biodiversitätsverlust.
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Das Prisoner’s Dilemma oder zu Deutsch Gefangenendilemma [10] ist ein wichtiges Element der Spieltheorie. Es handelt sich dabei um eine Situation, in der die einzelnen Entscheidungsträger immer einen Anreiz haben, sich so zu entscheiden, dass das Ergebnis für die Gruppe nicht optimal ist. Das Gefangenendilemma konnte in mehreren Aspekten des Kapitalismus nachgewiesen werden. Es ist sowohl auf die Bildungskrise [11] wie auch auf die Klimakrise anwendbar und stellt essentiell die Frage nach der Gruppenzugehörigkeit.
 
Im klassischen Beispiel von zwei Gefangenen, die bei Kooperation aus dem Gefängnis ausbrechen können, während nur einer eine unsichere Belohnung erhält, wenn er den anderen beim Gefängniswärter verpfeift, wird leicht übersehen, dass auf kapitalistische Gesellschaften umgelegt, die Besitzer von Produktionsmitteln die Gefängniswärter repräsentieren, während die Gefangenen die Arbeiter sind. Ähnlich wie in der Bildungskrise sollte man jedoch angesichts der Klimakrise hinsichtlich der Spieltheorie einen Dimensionssprung vornehmen, denn das suboptimale Ergebnis von Einzelentscheidungen betrifft nicht zwei Gefangene, die kooperieren können, sondern die Kooperation zwischen Gefangenen und Gefängniswärtern.
 
Von einer ökologischen Perspektive aus betrachtet sind sowohl Gefangene wie auch Gefängniswärter Teil eines Systems, das überlastet ist und droht zusammenzubrechen. Nur das Bewusstsein, dass wir alle Mitglieder einer einzigen Menschheitsfamilie sind, die verfügbare Ressourcen fair teilen muss und Verschwendung eliminieren kann, indem sie staatlichen Wettbewerb abschafft und globale Infrastrukturen wie etwa im Bereich der Energieversorgung herstellt, kann die Klimakrise überwinden.
 
Solange wir uns binär in Form von in-Gruppen und out-Gruppen organisieren, werden wir Herausforderungen globaler Dimension nicht bewältigen können. Unsere nationalstaatlichen Mechanismen sind aber danach ausgerichtet, Menschen durch einen Reisepass als Zugehörige einer Gruppe zu definieren. Unsere parteipolitischen Strukturen sind danach ausgerichtet, Angehörige einer Partei zur in-group zu zählen, was Angehörige einer anderen Partei zur out-group macht. Unsere Religionen funktionieren entlang derselben Muster.
 
Das Überwinden von ineffektiven Mechanismen, wie die Mitglieder der Letzten Generation konstatieren, bedeutet also im Kern, sich nicht mehr in ideologische Lager einteilen zu lassen, sondern lösungsorientiert - über alle Klassen hinweg - Allianzen einzugehen, die sich wirklichem Fortschritt und somit der Meritokratie verschrieben haben. In diesem Zusammenhang muß betont werden, dass das Einparteiensystem zumindest theoretisch als ein Fortschritt gegenüber dem Mehrparteiensystem erkannt werden kann, sofern es sich dem Fortschritt verpflichtet und nicht wie meist praktisch der Fall, der Unterbindung von berechtigten Meinungen.
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Umweltschutzkommission St. Pölten
 
In der letzten Sitzung der Umweltschutzkommission, die etwa alle zwei bis drei Monate von DI Thomas Zeh, dem Leiter der Umweltabteilung des Magistrates ausgeschrieben wird, um über Themen des städtischen Umweltschutzes mit Repräsentanten der Zivilgesellschaft zu diskutieren, gingen die Wogen hoch. Auf der Agenda stand die Verleihung eines Preises an die ehemaliger Leiterin der Umweltschutzabteilung, DI Leutgeb-Born, die erfolgreiche Einreichung des fit4urban Projektes durch Stadtplanering Carina Wenda und als Haupttagungspunkt die Vorstellung einer großen Biotop-Studie durch Dr. Thomas Denk – dem inoffiziellen Stadtbiologen.
 
Ich war wegen letzterer Studienpräsentation erstmals Teilnehmer der Umweltkommission und wurde von einem Thema überrascht, welches ich nicht am Radar hatte: den Bau des niederösterreichischen Polizeitrainigszentrums im Westen der Stadt. Ein betroffener Bewohner des Stadtteils brachte mit einem Vertreter einer Umweltschutzorganisation einen Antrag auf Re-evaluierung des Projektes ein und kritisierte äußerst eloquent die Mediokratie, welche die sozialdemokratische Stadtregierung implementiert. Es war ohne Einbeziehung der Anrainer dieses seit Jahren größte Bauprojekt der Stadt entschieden worden, obwohl diesen anstatt der drohenden Lärmbelastung durch Hubschrauber und Übungshallen für Langfeuerwaffen ein Wald mit mehreren tausend Bäumen versprochen worden war.
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Nun handelt es sich bei diesem Thema um keines, das in den klassischen Umweltschutz fällt, wenn man Lärmbelastung von Menschen nicht als Materie des Umweltschutzes im engeren Sinne erachtet, aber nicht nur die Art der Entscheidungsfindung, wie auch die politischen Motive dieses lokalen Falles sind ein Bilderbuchbeispiel, welches Mitglieder der Letzten Generation als „ineffektive Mechanismen“ anprangern. Die Entscheidung der Stadt den geplanten und den Anrainern versprochenen Wald ohne Diskussion mit einer neun Hektar großen Gebäudestruktur zu ersetzen, die 1600 Arbeitsplätze in die ehemalige Industriestadt bringt, ist ökonomisch nachvollziehbar – sozial gesehen ist sie inakzeptabel.
 
Nichtsdestotrotz gibt der sozialdemokratische Vizebürgermeister Ludwig eine Verteidigungsrede des Projektes zum Besten, die inhaltlich leer ist und die jeder achtsame Mensch wie ich nun schon öfters feststellen musste [12] als eklatante Unwahrheit empfinden muss. Auf die Frage, seit wann mit dem Innenministerium über das Polizeitrainingszentrum verhandelt wird, erwidert er mit einer typischen Ausrede sinngemäß „Mir stehen keine Detailinformationen zur Verfügung, aber diese Verhandlungen haben ohne Zweifel erst nach der Bewerbung des Stadtteiles als grünes Siedlungsgebiet begonnen und haben sich nicht überschnitten.“
 
Faktum ist, dass sich die Stadtregierung eines der ökonomisch wichtigsten Projekte der kommenden Jahre gesichert hat, die nach dem Abzug der niederösterreichischen Landesregierung aus Wien, noch einmal 1600 von der Bundesregierung finanzierte Beamten-Arbeitsplätze in die Region bringt. Die Abwägung zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Auswirkungen auf ein Ökosystem stehen also in diesem Fall ebenso im Zentrum wie in fast jeder klassischen Fragestellung von Umweltschutz und Klimawandel und es ist nicht per se zu kritisieren, dass man der Wirtschaft Vorzug gegeben hat, sondern dass keine Interaktion mit den Betroffenen eingegangen wurde, um die Auswirkungen bestmöglich einzudämmen. [13] Wie schon so oft in St. Pölten wird das Vertrauen der Bürger schwerstens verletzt und somit nur schwer wieder aufzubauendes „social capital“ zerstört.
 
Diese Zerstörung von Vertrauen wie sie ua der Politikwissenschafter Francis Fukuyama[14] in mehreren Büchern beschrieben hat, entsteht durch mangelhafte Transparenz, wiederholte unwahre Aussagen, von der Realität enthobene Politiker, denen ihr kurzfristiger Machterhalt wichtiger ist als das langfristige Wohl von Bürgern und Umwelt. Hier schliesst sich der Kreis zwischen der Umweltschutzkommission in St. Pölten und Henrik Ibsens Theaterstück „Der Volksfeind“ und erhält eine beachtliche Pointe nach der Präsentation der Biotop-Studie wegen der ich ursprünglich diesem lokalpolitischen Schauspiel beiwohnte. Als ich den Autor Dr. Denk frage, ob er uns eine Kopie seiner Studie zukommen lassen kann antwortet er sinngemäß, dass er das nicht wisse. „Schliesslich ist die Studie im Auftrag der Stadt entstanden. Und in St. Pölten ist es nicht üblich, dass derartige Berichte an die Öffentlichkeit gehen. Und wenn, dann nur zögerlich.“ Auf meine Feststellung, dass die Studie mit Steuergeld erstellt worden sei, ernte ich ein Seufzen und Achselzucken.
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14 Volksfeinde im Hammerpark
 
Im St. Pöltner Hammerpark steht eine Skulptur, in die mich vor einiger Zeit unser Sohn geleitet hat. Im Inneren der Halbkugel findet man 14 Namen und befindet sich quasi in einem geschlossenen, von der Umwelt abgeschnittenen Raum. Ich drehte mich um meine eigene vertikale Achse und las die Namen auf den Schildern, ging aus der Halbkugel wieder raus in den Park und las die Beschreibung der Skulptur. Ich ging wieder rein. Der vom Park abgeschlossene, aber durch die Öffnung der oberen Kugelhälfte doch mit der Welt an sich verbundene Raum beeindruckte mich.
 
Es waren die Namen von 14 Widerstandskämpfern, die gegen Ende des Krieges im Jahre 1945 im Hammerpark ermordet worden waren. Mir fuhr ein Schauer über den Rücken. Denn damals vor etwa zwei Jahren erkannte ich das erste Mal, dass meine Entscheidung im Jahr 2016 in die Resistance zu gehen und die zweite Hälfte meines Lebens der Umweltbildung zu widmen anstatt weiterhin in der Wirtschaft unerfüllt Geld zu scheffeln, sehr wohl mit diesen Widerstandskämpfern verglichen werden kann.
 
Die außergewöhnlich traurige Geschichte dieser 14 Personen, die zu Ende des zweiten Weltkrieges von Mitbürgern in Uniform hingerichtet wurden, führt uns klar vor Augen, wie ähnlich der Fall Klimaaktivist und Widerstandskämpfer ist und wie schnell die Rollen, die man im Gefangenendilemma einnimmt, sich ändern können. Nur wenige Wochen später waren die Hinrichtenden zu Kriegsverbrechern geworden und die Volksfeinde zu Märtyrern. Es ist natürlich immer eine Frage der Perspektive, wie man Menschen einordnet und welche Rollen man ihnen zuteilt, aber der der Wahrheit verpflichtete Humanist, weiß daß die Einordnung immer wieder neu im jeweiligen Moment erforderlich ist.  
 
Umgelegt auf die Gegenwart ist dennoch ein gewisser geistiger Sprung vorzunehmen, der manchen meiner Gesprächspartner schwerfällt. Kann man denn die Klimakrise mit dem Nationalsozialismus vergleichen? Ich antworte meistens mit einer Gegenfrage: Warum vergleicht man - wie etwa im zuvor erwähnten Zeit-Magazin - Klimaaktivisten mit Fundamentalisten oder Rechtsradikalen? Entbehrt dies nicht jeder Grundlage? Ist es nicht so, dass Klimaaktivisten die Gesellschaft nicht zerstören, sondern die Mitbürger darauf aufmerksam machen wollen, dass sie sich selbst zerstört?
 
Das wollen viele nicht einsehen, denn die Mehrheit, so glaubt man hat Recht, und vor allem dann, wenn sie sich das „label“ Demokratie aufheften kann. Aber hat eine Mehrheit Recht, die den Planeten unbewohnbar macht und große Teile der Bevölkerung ökonomisch marginalisiert? Sind die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung, die 49% der Treibhausgase verursachen, nicht vergleichbar mit der nationalsozialistischen Herrenrasse, die den Untermenschen den Gar ausmachen will? „Aber sei doch nicht so extrem, höre ich da oft. Dieser Vergleich ist doch vollkommen überzogen.“ Nein, das ist er nicht.
 
Die Halbkugel im Hammerpark zeigt räumlich nachvollziehbar, dass Volksfeinde eine in der Minderheit befindliche out-Gruppe darstellen, die in einer stark konformen Gesellschaft wie dem Nationalsozialismus von der in-Gruppe ermordet werden dürfen. Wir leben in der Gegenwart wiederum in einer stark konformen Gesellschaft, die Reichtum in den Händen weniger konzentriert und die mangelhafte Verteilung von Wohlstand durch Scham und Schuld aufrechterhält. Es ist daher für die konservative „Mehrheit“, die sich ihre Privilegien nicht nehmen lassen will, noch immer in Ordnung die Letzte Generation zu verurteilen; und die von der Mehrheit gewählten Politiker können weiterhin Steuergelder für Fußballstadien [15], Skizirkus [16], Olympische Spiele in austrocknenden Städten [17], FIFA Worldcups in Wüstennationen, oder wie im Falle von St. Pölten für eine pompöse Musikschule [18] ausgegeben werden, obwohl zeitgleich die Infrastruktur der Pflichtschulen oft an Kriegsgebiete erinnert. [19]
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Weiterlesen:
  • Zu den deutschen Bundestagswahlen 2018 und der Lähmung der Demokratie: https://www.mingong.org/blog-en/the-anatomy-of-democratic-destructiveness
  • Über den Spielfilm Downsizing und die Unmöglichkeit die Klimakrise durch Umwelttechnologie zu bewältigen: https://ark.greensteps.me/page/downsizing-our-upscaling/
  • Zu agiler Demokratie und Meritokratie als Alternative zum Status Quo: https://ark.greensteps.me/page/on-agile-democracy-and-spheres-of-justice/

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Henrik_Ibsen
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/An_Enemy_of_the_People
[3] https://www.landestheater.net/de/spielplan/spielzeit-2022-23/ein-volksfeind-oder-das-ringen-um-wahrheit
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Piefke-Saga
[5] https://www.derstandard.at/story/2000143764538/skifahren-um-jeden-preis-orf-schauplatz-ueber-den-millionenaufwand-in
[6] https://www.zeit.de/zeit-magazin/2023/08/letzte-generation-mitglieder-motivation-klimaaktivismus
[7] https://www.mingong.org/blog-en/a-lucid-manual-for-transformation-by-architect-friedrich-von-borries; https://www.mingong.org/blog-en/book-review-design-theorist-friedrich-von-borries-on-how-to-project-the-world
[8] https://www.oxfam.org/en/press-releases/worlds-richest-10-produce-half-carbon-emissions-while-poorest-35-billion-account
[9] https://kontrast.at/andreas-kemper-interview-klasse/
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Gefangenendilemma
[11] https://www.mingong.org/blog-en/on-the-education-crisis-and-the-prisoners-dilemma
[12
] Beschwichtungsrede von VMB Ludwig im Gemeinderat und der Gegenrede von Gemeinderat Niko Formanek
[12] Der betroffene Anrainer bringt vor, dass mit wenig Aufwand im Vergleich zu den erreichbaren positiven Auswirkungen das Projekt örtlich etwas versetzt hätte werden können, wenn man Entschädigungszahlungen für Landwirte im Baugebiet in Kauf genommen hätte.
[13] https://www.darkmatteressay.org/the-great-disruption-by-francis-fukuyama.html
[14] https://www.linza.at/117-millionen-explodieren-jetzt-auch-die-kosten-fuer-die-lask-raiffeisen-arena/
[15] https://www.derstandard.at/story/2000143764538/skifahren-um-jeden-preis-orf-schauplatz-ueber-den-millionenaufwand-in
[16] http://www.mycountryandmypeople.org/01-blog-2133823458/beijing-2022-on-chinese-nationalism-western-bigotry-and-global-sustainability-of-large-scale-sporting-events
[17] https://kurier.at/chronik/niederoesterreich/sankt-poelten/erster-blick-auf-neuen-musik-und-kunstschulcampus-in-st-poelten/401406423
[18] beispielsweise NMS Viehofen oder VS Ratzersdorf
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Heimat, klimawandel, Grundeinkommen - was hat das miteinander zu tun?

2/4/2023

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Die Landtagswahlen im größten Bundesland Österreichs am 28.Januar 2023 haben eine gefährliche politische Veränderung zu Lichte gebracht, die in mehr oder weniger starkem Ausmaß in ganz Europa und außereuroäischen Demokratien um sich greift. Die rechtsnationale FPÖ konnte im Kernland der Volkspartei deren absolute Mehrheit brechen und ist - bei hoher Wahlbeteiligung - zur zweitstärksten Kraft im Landtag geworden.[1] Jüngste Hochrechnungen zeigen, dass die FPÖ zur bundesweit stärksten Fraktion avanciert ist und daher mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem rechtsnationalen Herbert Kickl 2024 den Bundeskanzler stellen wird.[2]
 
Leider ist selbst professionellen Beobachtern wie Gästen beim österreichischen Rundfunk[3] und Korrespondenten der Zeit in Hamburg, Zürich und Wien[4]  nicht bewusst, welche Ursachen und welche Tragweite diese Veränderungen haben, und noch schmunzelt man über den Wahlausgang. Das Erstarken der AfD läßt jedoch Parallelen erkennen, die über die Grenzen hinweg verbinden – und in einem ist man sich einig: es fehlt den regierenden Parteien an einem Programm, das die Wähler begeistern könnte. Die politischen Gruppierungen, die sich zwischen dem postmodernen Grün und dem modernen Orange verorten, stecken in einer Sackgasse. Anstatt gemeinsam an einem Weg zu arbeiten, der uns ins integrale Türkis führt, rutschen wir in ein selbstzerstörerisches Bernstein ab.
 
Das Problem ist mit den agierenden Organisationen und den agierenden Personen eng verbunden. Denn diese sind verfassungsrechtlich institutionalisiert und damit agieren sie in starren Bahnen, die für eine agile Transformation und „change management“ ungeeignet sind. Politische Gruppierungen wie Volkspartei oder Sozialdemokraten sind aussterbende Fossile, die nicht mehr die Realität des Klassenkampfes widerspiegeln. Während die Sozialdemokraten kurz nach dem zweiten Weltkrieg etwas 50% der Arbeitnehmer in ihrem Lager zählen durfte, machen Arbeiter in postmodernen Wirtschaftssystemen nur mehr etwa 15-20% der Erwerbstätigen aus. Ebenso ist die Gruppe der Kleinbürger und Bauern, die traditionellen Wähler der Volkspartei durch Inflation und Globalisierung stark geschrumpft.
 
Dieser Moment der allgemeinen Unzufriedenheit und Desorientierung ist zu nutzen. Nicht um das Abdriften nach rechts zu unterstützen oder unsere Gesellschaften in linksextremes Chaos zu leiten, sondern um einen wahren evolutionären Sprung zu ermöglichen. Wir laden frei nach Frederic Laloux ein, in eine neue Phase der menschlichen Entwicklung einzutreten, und wissen, dass es viel Mut bedarf, sich auf ein derartiges Abenteuer mit bisher Unbekannten einzulassen. Aber was bleibt eigentlich anderes übrig? Es ist unwahrscheinlich, dass wir innerhalb der bestehenden politischen Rahmenbedingungen eine Veränderung herbeiführen. Der Impuls muss von außen kommen.
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Unterschiedliche Stimmen beklagen seit Geraumen den Zerfall der Gesellschaft, den Abbau von Sozialleistungen[5], die Akkumulierung von Wohlstand[6], Korruption auf nationaler und europäischer Ebene und die unausweichliche Transformation des Arbeitsmarktes.[7] Die Demokratie ist in einer systemischen Krise. Von Schweden bis Italien und von Indien bis in die USA. Was der französische Soziologie Emile Durkheim zu Beginn der industriellen Revolution als Anomie bezeichnet hat, greift wie ein politisches Virus um sich.[8] Der dt. Verfassungsjurist und Literat Bernhard Schlink glaubt, dass ein allgemeines Dienstjahr die passende Impfung ist: dieses könnte die Gesellschaft bei ansprechender Entlohnung zusammenhalten.[9]
 
Ob ein Jahr anständig bezahlter Dienst an der Gesellschaft ausreichend ist, um sich ein Leben lang einer Gesellschaft zugehörig zu fühlen und zu deren Erfolg beizutragen zu wollen, können wir nicht abschließend beantworten. Die Erfahrungen aus dem österreichischen Zivil- und Wehrdienst verneinen diese Annahme. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Schweden[10] ist zwar in der Bevölkerung populär, beruht aber auf der unmittelbaren Bedrohung durch Russland. Sie ist kein Modell, das Verantwortung für die Gesellschaft in Friedenszeiten schafft.
 
2016 haben mutige Schweizer ein bedingungslosen Grundeinkommen gefordert und immerhin die Unterstützung von fast einem Viertel der Bevölkerung erhalten.[11] Das Grundeinkommen strukturiert im Kern eine Neuverteilung von Wohlstand und gibt eine Antwort auf die Transformation des Arbeitsmarktes. Fortschreitende Automatisierung und technologische Produktivitätssteigerungen machen die Erwerbsarbeit zu einem Auslaufmodell. Die Alternative ist jedem Mitbürger eine Art Dividende am Volkswohlstand auszuzahlen.
 
Die Meinungen zum Grundeinkommen teilen sich. Nicht nur gibt es Befürworter und Ablehner, sondern auch unter den Befürwortern findet man keinen gemeinsamen Nenner, um für dieses visionäre Konzept die notwendige Energie zur Umsetzung zu bündeln. So hat sich etwa der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar vom Schweizer Referendum distanziert, weil er nur eine Grundsicherung, aber kein Grundeinkommen für volkswirtschaftlich umsetzbar sieht.[12]
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Das bedingungslose Grundeinkommen ist idealistisches Gedankengut, welches in einer kleinen, eher homogenen Gesellschaft entstanden ist. Wie kann es in einer heterogenen Gesellschaft funktionieren, der es durch wiederholte und anhaltende Immigration, ausgelöst durch Klimawandel und Krieg, an einer kulturellen Identität mangelt? Wie kann man Verantwortung für eine Gesellschaft in Menschen entstehen lassen, die kein Gefühl für Heimat an einem Ort empfinden, an dem sie als Erwachsene erst kürzlich angekommen sind? Wie kann man eine Einstellung des Miteinanders bei den „Eingeborenen“ wecken, die sich zunehmend in ihrem Lebensraum verdrängt sehen?
 
Die Antworten auf diese Fragen sind nur teilweise in einer Grundsicherung oder einem bedingungslosen Grundeinkommen zu finden, insbesondere wenn sich derartige Konzepte nur auf sozioökonomische Aspekte der industriellen Revolution beziehen.[13] Es fehlt in dieser Debatte die ökologische Komponente, welche unseren Überlebensraum miteinbezieht und ein etwaiges Grundeinkommen sprichwörtlich an den Boden unter unseren Füßen bindet. Denn egal woher wir kommen, es kommt nur darauf an, wo wir sind und wohin wir gehen.
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Unser Beitrag zur Debatte ist ein neuer Begriff von Heimat, der lokale Verankerung erlaubt, und globale Verantwortung fordert. Wir schlagen ein bedingtes Grundeinkommen vor, das an die lebenslange Erbringung von Leistungen an die Gesellschaft und lebenslanges Lernen gebunden ist. Dieses bedingte Grundeinkommen ersetzt alle anderen Sozialleistungen des Wohlfahrtstaates, vereinfacht die Verwaltung von Steuergeldern und erübrigt die Steuerung der Gesellschaft. Es vertraut einerseits darauf, daß sich jeder Mensch nach einer gewissen Anpassungszeit an die neuen Rahmenbedingungen, sinnvoll einbringen möchte, führt aber andererseits checks and balances ein, die einen Mißbrauch gesellschaftlicher Transferzahlungen unterbinden.
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Ein bedingtes Grundankommen, welches an gesellschaftlicher Teilhabe gebunden ist, führt früher oder später zu tieferer Integration aller. Ein bedingtes Grundeinkommen ist die letzte Stufe gesellschaftlicher Evolution, welche die Übel Isolierung, Einsamkeit, Langeweile und Sinnlosigkeit sowie alle damit verbundenen psychischen Erkranken eliminiert. Es ist die Krönung des Sozialstaates, welcher uns ohne Frage viele Verbesserungen gebracht hat, aber uns zweifellos mit fortschreitender demographischer Überalterung[14] und steigenden mentalen Erkrankungen vor neue Herausforderungen stellt.  
 
Ein bedingtes Grundeinkommen, welches an lebenslange Bildung[15] gebunden ist, ermöglicht in Zeiten des Klimawandel und der Biodiversitätskrise eine Verknüpfung der sozialen und ökologischen Dimension des Menschseins. Die Humanisten unter uns wissen, daß Ökonomie soviel bedeutet, wie das Gesetz des Hauses, während die Ökologie, die Lehre über das Haus ist. Es ist Zeit, daß wir diese beiden Konzepte zusammenführen: Im Haus, das wir bewohnen, muß ein gewisses Maß an Ordnung herrschen, eine Ordnung, die unser Überleben ermöglicht und dieses Haus nicht einstürzen läßt.

Ein bedingtes Grundeinkommen kann nachhaltige Verhaltensweisen incentivieren und klimaschädliches Verhalten unattraktiv machen. Keine Frage, viele von uns werden anfänglich weit aus ihrer Komfortzone rausmüssen, und es wird eine Weile dauern bis sich die emotionalen und psychischen Bereicherungen, die ein neues Miteinander mit sich bringt, bemerkbar machen. Der Verlust von gewohnten Annehmlichkeiten wird uns anfangs überwältigen, aber das Unwohlsein wird verebben und eine kraftbringende Erneuerung wird sich einstellen.
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Weiterlesen:
  • Grundsicherung: Ist der Mensch reif dafür?  
  • Vererbte Bildung und soziale Mobilität
  • On Spheres of Justice and Agile Democracies
  • The Evolution and Future of Work
  • Martin Ford, Enlightened Marxist or Apocalyptic Technocrat?
  • Metropolis (1927) and its current relevance
  • The Human Being as Ecosystem Service Provider
  • On the Value and the Management of Commons

Endnoten:
[1]https://de.wikipedia.org/wiki/Landtagswahl_in_Nieder%C3%B6sterreich_2023
[2]https://de.wikipedia.org/wiki/28._Nationalratswahl_in_%C3%96sterreich/Umfragen_und_Prognosen
[3]https://oe1.orf.at/player/20230130/706667
[4]https://www.zeit.de/gesellschaft/2023-02/fpoe-rechte-landtagswahl-niederoesterreich-afd-alpenpodcast
[5]https://www.goodreads.com/book/show/57986.The_Great_Disruption
[6]https://www.goodreads.com/book/show/18736925.Capital_in_the_Twenty_First_Century
[7]https://www.goodreads.com/book/show/22928874-rise-of-the-robots
[8]https://de.wikipedia.org/wiki/Anomie
[9]https://www.zeit.de/2023/06/allgemeine-dienstpflicht-gesellschaftsdienst-freiwillig
[10]https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wiedereinfuehrung-der-wehrpflicht-in-schweden-16929652.html
[11]https://de.wikipedia.org/wiki/Initiative_Grundeinkommen
[12]https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Straubhaar
[13]vergleiche etwa die Schriften von Thomas Straubhaar
[14]https://www.theguardian.com/world/2023/jan/22/ageing-planet-the-new-demographic-timebomb
[15]https://www.ted.com/talks/kimberly_noble_how_does_income_affect_childhood_brain_development
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Bernhard SCHlink zuR ALLGEMEINEN DIENSTPFLICHT

2/4/2023

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Der Verfassungslist und Bestseller Autuor Bernhard Schlink erklärt in der Zeit, warum er der Meinung ist, dass die Gesellschaft zerfällt, und warum er glaubt, dass eine allgemeine Dienstpflicht für junge Staatsbürger dieses Problem lösen kann. Gemeinsam mit anderen hat er die Hertie-Stiftung beauftragt eine Bericht zu dieser Angelegenheit zu verfassen.

Herr Schlink spricht es nicht aus, aber er beschreibt den von Emile Durkheim erstmals dargestellten Zustand der Anomie. Warum er meint, dass eine allgemeine Dienstpflicht das Problem lösen könnte, kann ich nicht nachvollziehen. Sie ist bestenfalls eine vorbereitende Kollateralmaßnahme. Die wirklich Lösung, so bin ich fest überzeugt, ist ein bedingtes Grundeinkommen, dass durch eine Grund- und Bodenreform finanziert wird.

Das Thema der gesellschaftlichen Cohesion wurde von Peter Drucker in seinem letzten Buch vor 25 Jahren ausführlich als die große Herausforderung postindustrieller Gesellschaften beschrieben. Jeder an diesem Thema Interessierte, sollte sich mit den Gedanken dieses intimen Kenners der globalen Arbeitsmarktentwicklungen auseinandersetzen.
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