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The Future of Work & Education

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Zum Ende der Klassengesellschaft - Essays für die Digitalisierung der Demokratie

8/29/2026

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ON MINDSETS AND THE HUMAN HIVE

6/16/2026

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Der Medienkritiker Douglas Rushkoff beschreibt in seinem Buch Survival of the Richest mit „The Mindset“, eine Geisteshaltung der amerikanischen Tech-Elite, die selbst in der deutschsprachigen Übersetzung nicht übersetzt wird. Sie erinnert mich stark an Bret Easton Ellis American Psycho, der einen sexsüchtigen Wallstreet Banker beschreibt und Katy Cooks The Psychology of Silicon Valley, die emotional zurückgebliebene „tech nerds“ als Gefahr für die Menschheit darstellt. Was ist also mit dieser Geisteshaltung genau gemeint und warum ist sie so präsent in der Schnittmenge von Reichtum und Technologie?
 
Table of Contents
1. The Mindset. 1
2. Insulation Equation - Die Isolationsgleichung. 2
3. Die Bewusstseinskrise und deren Lösung im Buddhismus und Christentum    3
4. Klima- und Biodiversitätskrise als Chance. 6
5. Maßnahme 1: Bewusstseinsbildung durch KOL. 7
6. Maßnahme 2: Vermögensverteilung durch Bürgerdividende. 8
7. Maßnahme 3: Abhängigkeitsbildung durch Distributed Value Accounting. 9
8. Vom Mindset zum Human Hive. 11
 
 
1. The Mindset 
Mit The Mindset beschreibt Rushkoff die Überzeugung, dass:
  • die Welt auf eine große Krise oder einen Zusammenbruch zusteuert (Klimakrise, soziale Unruhen, politische Instabilität, KI usw.),
  • diese Probleme nicht gemeinschaftlich gelöst werden können,
  • diejenigen mit genügend Geld und Technologie sich von den Folgen abschirmen können,
  • Technologie letztlich wichtiger ist als soziale Beziehungen, Demokratie oder funktionierende Gemeinschaften.
Rushkoff beschreibt, wie einige sehr wohlhabende Personen deshalb in:
  • Luxus-Bunker in Neuseeland,
  • private Sicherheitskräfte,
  • autonome Versorgungssysteme,
  • Raumfahrtprojekte,
  • KI und Automatisierung
investieren, um dem Zusammenbruch zu entkommen, statt ihn zu verhindern. Seine zentrale Kritik lautet: Das eigentliche Problem ist nicht die Technologie, sondern die Vorstellung, man könne sich von der Gesellschaft abkoppeln. Für Rushkoff ist dies eine Folge eines extremen Markt- und Wettbewerbsdenkens, das Menschen als voneinander getrennte Individuen betrachtet. „The Mindset“ ist die Denkweise, dass man den Kollaps der Gesellschaft nicht verhindern muss, solange man reich genug ist, ihm zu entkommen.

Rushkoffs Gegenposition ist das Konzept von „Team Human“: Langfristige Resilienz entsteht nicht durch Flucht und Abschottung, sondern durch starke Gemeinschaften, Kooperation und gegenseitige Abhängigkeit. Diese Idee verbindet Survival of the Richest direkt mit seinem früheren Buch Team Human.

Rushkoff formuliert in diesen beiden Büchern zwei extreme Thesen, die beide im Kern richtig sind. Einerseits entsteht langfristige Resilienz nicht durch Flucht und Abschottung, sondern durch starke Gemeinschaften, andererseits nimmt Flucht und Abschottung durch die Elite mit zunehmender Wohlstandskonzentration zu. Als kritischer Technooptimist glaube ich, dass die Lösung zwischen diesen beiden Position liegt. In der Tat scheint die Menschheit nicht fähig zu sein, das zentrale Problem von Machtkonzentration und Machtmissbrauch zu lösen. Stolze Demokratien wie Österreich oder Deutschland sind bekannt für ihr hohe Vermögenskonzentrationen und mangelnde soziale Durchlässigkeit. Demokratien, die keine ökonomische Beteiligung schaffen, sondern große Teile der Bevölkerung marginalisieren und am - durch wachsende Produktivität - insgesamt steigenden Wohlstand nicht teilhaben lassen, verdienen es nicht Demokratien genannt zu werden.

2. Insulation Equation - Die Isolationsgleichung

Technologie sollte daher eingesetzt werden, um starke Gemeinschaften zu fördern, anstatt die von Rushkoff beschriebene Isolationsgleichung zu unterstützen. Mit der „Isolationsgleichung“ (Insulation Equation) beschreibt Rushkoff eine Denkfigur, die er als Kern von The Mindset sieht: „Kann ich genug Geld verdienen, indem ich ein Problem verursache oder verschärfe, um mich anschließend vor den Folgen dieses Problems zu schützen?“
Beispiele wären:
  • Ein Unternehmen trägt zum Klimawandel bei und kauft sich dann Grundstücke in klimatisch sicheren Regionen.
  • Finanzakteure profitieren von einem instabilen Wirtschaftssystem und investieren anschließend in Bunker oder private Sicherheitsstrukturen.
  • Tech-Unternehmer fördern Automatisierung, die soziale Verwerfungen erzeugen könnte, und planen gleichzeitig Rückzugsorte oder „Exit-Strategien“.

Rushkoffs Kritik ist, dass die Eliten nicht mehr fragen: „Wie lösen wir das Problem?“ sondern: „Wie schütze ich mich vor den Folgen des Problems?“
Die Isolationsgleichung ist für ihn deshalb eine Art moralischer Kurzschluss: Man betrachtet Gesellschaft, Natur und andere Menschen als etwas, von dem man sich mit genügend Kapital und Technologie abkoppeln kann. Das hält er für eine Illusion, weil letztlich alle von denselben ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen abhängig bleiben.

Die Isolationsgleichung lautet: Gewinne privatisieren, Schäden externalisieren und sich anschließend von den Folgen freikaufen.

Interessant ist, dass Rushkoff die Isolationsgleichung nicht nur auf Milliardäre anwendet. Er sieht sie auch in abgeschwächter Form bei Unternehmen, Institutionen und sogar Einzelpersonen, wenn diese versuchen, sich individuell gegen gesellschaftliche Risiken abzusichern, statt an deren Lösung mitzuwirken. Diese Kritik kommt sehr nahe an die Lehre des Thomas von Aquin. Der Dominikaner und Philosoph Thomas von Aquin definierte die Trägheit in der Summa Theologica als Faulheit des Verstandes, die es versäumt, Gutes zu beginnen ...sie ist in ihrer Wirkung böse, wenn sie den Menschen so bedrückt, dass sie ihn gänzlich von guten Taten abhält.
 
Ich habe diese Geisteshaltung für das Bildungssystem mit Hilfe des Prisoners’ Dilemma beschrieben und gezeigt, dass Eltern individuell rational handeln, wenn sie Wettbewerbsvorteile für ihre eigenen Kinder anstreben – oft durch Privatschulen –, doch insgesamt verstärkt dies ein Bildungssystem, das zu einem gesellschaftlich nachteiligen Ergebnis führt: Stress, Ungleichheit, Verlust der Neugier und eine geschwächte Gemeinschaft.

3. Die Bewusstseinskrise und deren Lösung im Buddhismus und Christentum

Genau darin besteht die von Jiddu Krishnamurti berühmt beschriebene Bewusstseinskrise der Menschheit: wir sind nicht im Stande, uns trotz unserer Individualität als Teile eines großen Ganzen wahrzunehmen, dessen Wohlergehen vom Wohlergehen aller Teile abhängt. Interessanterweise kann in den Lehren von Propheten wie Buddha oder Jesus die Erkenntnis der Verbundenheit oder Brüderlichkeit als Kernbotschaft definiert werden.

Im Buddhismus wird Rücksicht auf andere Menschen durch eine Kombination aus Einsicht, Mitgefühl und gegenseitiger Abhängigkeit gelehrt. Eine grundlegende buddhistische Beobachtung lautet: So wie ich glücklich sein möchte und Leid vermeiden will, möchten das auch alle anderen Wesen. Wenn man diese Gemeinsamkeit erkennt, entsteht Mitgefühl (Karuna). Rücksicht ist dann die praktische Konsequenz daraus. Durch das Verständnis des abhängigen Entstehens erkennt man, dass niemand völlig unabhängig existiert.
  • Mein Wohlbefinden hängt von anderen Menschen ab.
  • Die Gesellschaft beeinflusst mein Leben.
  • Meine Handlungen beeinflussen andere.

Deshalb ist Rücksicht nicht nur altruistisch, sondern auch Ausdruck eines realistischen Verständnisses der Welt. Im Buddhismus bedeutet Karma nicht Schicksal, sondern: Absichtsvolle Handlungen haben Folgen. Wer aus Gier, Hass oder Rücksichtslosigkeit handelt, erzeugt häufig Leid – für andere und letztlich auch für sich selbst. Wer freundlich, großzügig und achtsam handelt, fördert dagegen Bedingungen für mehr Wohlbefinden.

Der Buddhismus lehrt nicht, dass man nicht existiert, sondern dass das isolierte, unabhängige Ego eine Fehlwahrnehmung ist. Je weniger stark man sich als getrenntes Wesen erlebt, desto natürlicher wird Rücksichtnahme. Die Grenze zwischen „mein Interesse“ und „dein Interesse“ wird durchlässiger. Im Udāna-Varga findet sich eine Aussage, die der Goldenen Regel ähnelt: „Behandle andere nicht auf eine Weise, die du selbst als verletzend empfinden würdest.“ Rücksicht wird also auch durch Empathie begründet: Man versetzt sich in die Lage anderer.

In manchen westlichen Traditionen lautet die Begründung: „Du sollst Rücksicht nehmen, weil es moralisch richtig ist.“ Im Buddhismus lautet die Begründung eher: „Wenn du die Natur der Wirklichkeit klar erkennst, wird Rücksichtnahme zu einer natürlichen Folge dieser Einsicht.“ Mitgefühl und Rücksicht sind daher nicht nur moralische Pflichten, sondern Ausdruck von Weisheit (Prajñā). Wer erkennt, wie eng alle Wesen miteinander verbunden sind, hat weniger Anlass, andere zu verletzen und mehr Anlass, fürsorglich zu handeln. Im Angesicht unserer zoologischen Einordnung als Homo sapiens (Latein für „weiser Mensch“), wäre es wünschenswert, daß wir zu dieser Einsicht endlich flächendeckend gelangen.

Jesus begründet die Rücksicht auf den Mitmenschen laut dogmatischen „mainstream“ Christentum folgendermaßen. Als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird, antwortet er:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben ...“ und
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
(Matthäus 22,37–39)

Für Jesus ist die Nächstenliebe also nicht einfach eine soziale Regel, sondern entspringt der Liebe zu Gott. Der Mensch soll den Mitmenschen achten, weil jeder Mensch von Gott geschaffen und geliebt ist. Jesus formuliert auch die berühmte Goldene Regel:

„Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen.“
(Matthäus 7,12)

Hier wird Rücksicht durch Empathie begründet: Man soll sich in die Lage des anderen versetzen.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37) macht Jesus deutlich, dass „Nächster“ nicht nur Familie, Freunde oder Angehörige der eigenen Gruppe meint. Selbst ein Fremder oder Gegner verdient Mitgefühl und Hilfe. Die Botschaft lautet: Nächstenliebe zeigt sich nicht in Gefühlen oder Zugehörigkeit, sondern im konkreten Handeln zugunsten eines Menschen in Not.

Die christliche „mainstream“ Tradition leitet daraus ab, dass jeder Mensch Würde besitzt, weil er „nach dem Bild Gottes“ geschaffen ist (Genesis 1,27). Daher verdient jeder Mensch Achtung – unabhängig von Herkunft, Status oder Leistung. An mehreren Stellen identifiziert sich Jesus mit Bedürftigen:

„Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
(Matthäus 25,40)

Damit wird die Sorge für andere zugleich zu einer Beziehung zu Gott.

Trotz der unterschiedlichen Begründungen führen beide Traditionen oft zu ähnlichen praktischen Konsequenzen: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft, das Wohl anderer zu berücksichtigen. Der Weg dorthin ist jedoch verschieden: Der Buddhismus argumentiert stärker von der gegenseitigen Abhängigkeit, das dogmatische Christentum stärker von der Liebe Gottes und der gleichen Würde aller Menschen.

Teile der mystischen christliche Traditionen wie zB Meister Eckahrt argumentieren interessanterweise wie der Buddhismus. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ beinhaltet in dieser Lesart sowohl Karuna wie auch Karma und spiegelt die tiefe Verbundenheit von allem Leben. Nichtsdestotrotz bleibt ein grundlegender Unterschied zwischen Buddhismus und Christentum, welcher in der Beziehung des Individuums zu Gott liegt.

  • Im Buddhismus: Verbundenheit ist eine Struktur der Realität (abhängiges Entstehen)
  • In der christlichen Tradition: Verbundenheit ist meist relationale Einheit in Gott, nicht eine Auflösung der Unterscheidung von Personen

Die vom Buddhismus gelehrte ontologische Interdependenz aller Phänomene erscheint daher als zeitgemäße Weltanschauung:
  • in Bezug auf ökologische Krise, die naturwissenschaftlich belegt aufzeigt, dass unser Handeln sichtbare Konsequenzen nach sich zieht (Karma)
  • in Bezug auf die soziale Krise, die sozialwissenschaftlich belegt, dass mangelnde Nächstenliebe (Karuna) zu außerordentlich negativen Folgen bei den „Zurückgelassenen“ führt (vgl. dazu Francis Fukuyama „The Great Disruption“).

4. Klima- und Biodiversitätskrise als Chance

In der Klima- und Biodiversitätskrise liegt daher trotz aller Tragik eine große Chance für die Menschheit einen Bewusstseinssprung (cognitive leap) zu machen, der uns ein neues Zeitalter beschreiten läßt. Ähnlich wie bei Astronauten, die die Erde aus dem Orbit betrachten, dadurch ihre Fragilität wahrnehmen und in einem Bewusstseinswandel (cognitive shift) sich als Erdenbürger für ihren Schutz verantwortlich fühlen, könnte sich durch die Wahrnehmung, dass wir alle Teile eines großen voneinander abhängigen Ganzen sind, ein Bewusstseinssprung ermöglichen.  

Die Frage bleibt, wie sich dieser Bewusstseinswandel pragmatisch einleiten lässt – und gerade dazu gibt Rushkoff leider keine Antworten – worin auch die große Schwäche seines Buches liegt. Er appelliert auf den letzten Seiten an den Leser, ihn dabei zu begleiten, den Versprechen von Technologie Titanen und Milliardären, wie auch den in ihren Bann gezogenen Politikern, kritisch zuzuhören. The Mindset sei eine große Lüge. Es gäbe kein Entkommen und es gäbe kein Später. Wenn wir etwas nicht im Jetzt tun würden, das täten wir es überhaupt nicht.

Mit seinem Aufruf hier und jetzt zu handeln, kommt Rushkoff zumindest in seiner Einstellung sehr nahe an das philosophische Verständnis der immanenten Eschatologie, welche ich in einem Strategiepapier für eine Bildungssoftware beschrieben habe. Immanente Eschatologie ist die Vorstellung, dass die endgültige Verwandlung oder „Erlösung“ der Welt aus der Geschichte und der menschlichen Gesellschaft selbst hervorgehen soll und nicht durch ein transzendentes oder übernatürliches Ereignis.
 
Vielleicht gibt Rushkoffs Buch Team Human Antworten wie die Vision einer lebensbejahenden und inklusiven Gesellschaft zu verwirklichen ist. Dieses hat er interessanterweise drei Jahre vor der Problemanalyse in Survival of the Richest geschrieben. Ohne es gelesen zu haben, können wir abschließend versuchen, zentrale Maßnahmen (Lines of Action) zu beschreiben, die sich zu einer Strategie der Transformation zusammenfügen. 
 
5. Maßnahme 1: Bewusstseinsbildung durch KOL 

Rushkoff erwähnt mit Ayn Rand eine Vordenkerin und Gallionsfigur der Tech-Elite, die einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, The Mindset philosophisch aufzubereiten und ähnlich wie Isaac Asimov in Romanliteratur zugänglich zu gestalten. Rand war durch die Enteignung ihrer wohlhabenden Familie durch die Leninisten traumatisiert worden. Diese Traumatisierung erhält im Roman Atlas wirft die Welt ab einen literarischen Rahmen, innerhalb dessen sie „Objektivismus“ als Weltanschauung ausformuliert und laissez fair Kapitalismus als einzig legitimes Wirtschaftssystem darstellt.
 
Es ist zweifellos notwendig in ähnlich eleganter Weise Bewusstseinsbildung in die entgegengesetzte Richtung zu betreiben, will man die gegenseitige Abhänigkeit von allem Leben, dem egoistischen Streben nach individuellem Reichtum und Macht entgegenstellen. Rushkoff scheint sich selbst in der Reihe der Propheten und Key Opionon Leader (KOL) zu sehen, die eine Alternative zu Rand aufzeigen, doch schon lange vor ihm und nur ein Jahr nachdem Rand von St. Petersburg nach New York emigrierte, zeichnete der Regisseur Fritz Lang im Film Metropolis eine ähnliche Gesellschaft, wie sie in Survival of the Richest beschrieben wird. Anstatt die Isolationsgleichung dogmatisch zu untermauern, endet der Film mit der Verbindung zwischen Zurückgelassenen und Elite, indem Lang poetisch die Liebe als rettendes Element einführt. Der Film sollte in Schulen und Universitäten verpflichtend gesehen und diskutiert werden, um den Objektivismus Rands als Weltanschauung zu untergraben.
 
6. Maßnahme 2: Vermögensverteilung durch Bürgerdividende

Die erste materielle Voraussetzung für die Überwindung von „The Mindset“ ist eine gerechtere Verteilung des Vermögens. Dabei geht es nicht darum, erfolgreiche Menschen zu bestrafen oder Einkommen gleichzumachen. Das eigentliche Problem ist die Konzentration von Eigentum
, denn Eigentum ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht nur ein Anspruch auf Konsum, sondern vor allem ein Anspruch auf zukünftige Wertschöpfung und damit auf Macht.

Eine Demokratie, in der ein kleiner Teil der Bevölkerung über einen immer größeren Anteil des produktiven Vermögens verfügt, kann deshalb langfristig nicht demokratisch bleiben. Wer über genügend Kapital verfügt, kann sich Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Wohnraum und zunehmend sogar einen geografischen und technologischen Rückzugsort kaufen. Genau hier beginnt Rushkoffs Isolationsgleichung: Je größer die Vermögenskonzentration, desto größer die Möglichkeit, sich von den Folgen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen freizukaufen.

Die Antwort darauf sollte allerdings nicht primär eine immer höhere Umverteilung von Einkommen sein. Viel interessanter erscheint mir die Verteilung von Eigentum. Jeder Bürger sollte einen Anteil an jenem Vermögen besitzen, das nicht durch die individuelle Leistung eines Einzelnen entstanden ist, sondern auf gemeinsamen Ressourcen und gesellschaftlicher Infrastruktur beruht: Boden, natürliche Ressourcen, öffentliche Infrastruktur, Daten, technologische Innovationen und die Produktivität einer hochorganisierten Gesellschaft.

Eine Bürgerdividende wäre in diesem Sinne kein Almosen und auch kein bedingungsloses Grundeinkommen im klassischen Sinn. Sie wäre die Dividende eines gesellschaftlichen Aktionärs. Wenn wir alle an den Commons beteiligt sind, sollten wir auch an deren Ertrag beteiligt sein.

Ein interessantes reales Beispiel dafür liefert Alaska. Der Alaska Permanent Fund wurde aus öffentlichen Einnahmen aus natürlichen Ressourcen aufgebaut und zahlt seit 1982 jährlich eine Dividende an die Bevölkerung aus. Die historische Bedeutung dieses Modells liegt weniger in der Höhe der einzelnen Zahlung als in dem zugrunde liegenden Prinzip: Ein Teil des gemeinsam erzeugten oder gemeinsam besessenen Vermögens wird nicht über staatliche Fürsorge verteilt, sondern als Eigentumsrendite an alle Bürger zurückgegeben.

Dieses Prinzip ließe sich wesentlich weiterdenken. Statt nur Erdölrenten könnten beispielsweise Bodenwertsteigerungen, Erträge aus öffentlichen Beteiligungen, Einnahmen aus der Nutzung gemeinsamer Daten- und Infrastrukturen oder andere Formen gesellschaftlich erzeugter Renten in einen Bürgerfonds fließen. Der Bürger würde damit vom Sozialhilfeempfänger zum Miteigentümer.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Wohlfahrtsstaat sagt: Wir helfen dir, weil du es brauchst. Eine Bürgerdividende sagt: **Du bekommst deinen Anteil, weil du Teil dieser Gesellschaft bist. **

Damit würde sich auch das Verhältnis zwischen Bürger und Staat verändern. Bürger wären nicht mehr ausschließlich Steuerzahler und Empfänger staatlicher Leistungen, sondern unmittelbar am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Gesellschaft beteiligt. Eine solche Konstruktion könnte damit genau jene ökonomische Beteiligung herstellen, die heutigen Demokratien zunehmend fehlt.

Die Bürgerdividende wäre somit die materielle Antwort auf die Isolationsgleichung: Wenn gesellschaftlicher Wohlstand allen gehört, kann sich niemand mit genügend Kapital vollständig aus der Gesellschaft herauskaufen.

7. Maßnahme 3: Abhängigkeitsbildung durch Distributed Value Accounting

Die zweite Maßnahme ist schwieriger, weil sie tiefer ansetzt. Selbst eine gerechtere Verteilung des Vermögens verändert noch nicht automatisch unser Verständnis davon, was wertvoll ist.

Das heutige Wirtschaftssystem macht unsere Abhängigkeiten weitgehend unsichtbar. Ein Unternehmen kann einen Gewinn ausweisen, obwohl es dabei Ökosysteme zerstört, soziale Kosten verursacht oder öffentliche Infrastruktur nutzt. Eine Mutter, die ihre Kinder betreut, erzeugt keinen entsprechenden Marktwert. Ein Nachbar, der sich um einen alten Menschen kümmert, erscheint in keiner volkswirtschaftlichen Statistik. Ein Mensch, der einen Bach renaturiert oder einen Wald pflegt, produziert vielleicht etwas von unschätzbarem Wert – aber solange dafür kein Markt existiert, erscheint seine Tätigkeit ökonomisch kaum.

Das Problem ist deshalb nicht nur die Verteilung des vorhandenen Wertes, sondern bereits die Art und Weise, wie wir Wert definieren und sichtbar machen.
Hier kommt Distributed Value Accounting (DVA) ins Spiel. Die Idee ist nicht neu und wurde insbesondere von Sarah Manski und Michel Bauwens als Alternative zu einem rein finanziellen Rechnungswesen entwickelt. DVA versucht, ökonomische Wertrechnung um soziale und ökologische Beiträge sowie negative Externalitäten zu erweitern. Statt nur zu fragen, wie viel Geld eine Aktivität erzeugt, wird gefragt, welchen Beitrag sie innerhalb eines sozialen und ökologischen Systems leistet.
Genau hier sehe ich die eigentliche Bedeutung von DVA für die Überwindung von „The Mindset“.

Wir müssen Abhängigkeit nicht predigen. Wir müssen sie sichtbar machen.

Das heutige Rechnungswesen erzählt uns, dass ein Unternehmen erfolgreich ist, wenn seine finanzielle Bilanz positiv ist. Ein DVA würde zusätzlich sichtbar machen, von welchen Menschen, Gemeinschaften, Infrastrukturen und Ökosystemen dieser Erfolg abhängt – und welche Kosten auf diese zurückfallen.
Damit würde aus der abstrakten Erkenntnis „wir sind alle voneinander abhängig“ eine technisch erfassbare und gesellschaftlich relevante Tatsache.

DVA könnte beispielsweise sichtbar machen, dass ein Unternehmen nicht nur von seinen Beschäftigten, sondern auch von öffentlicher Bildung, Straßen, Energieversorgung, funktionierenden Ökosystemen, sozialem Vertrauen und unbezahlter Sorgearbeit abhängig ist. Umgekehrt könnte es sichtbar machen, welchen positiven Beitrag ein Unternehmen, eine Organisation oder ein Individuum zu diesen Systemen leistet.

Der entscheidende Punkt ist dabei, dass DVA nicht einfach versucht, alles in Geld zu übersetzen. Gerade das wäre eine Fortsetzung des Problems. Es geht vielmehr darum, verschiedene Formen von Wert sichtbar zu machen, ohne sie zwangsläufig auf einen einzigen monetären Wert zu reduzieren. Die Forschung zu DVA beschreibt genau diesen Übergang: von einem Rechnungswesen, das soziale und ökologische Externalitäten ausblendet, zu einem System, das auch nicht-marktförmige Beiträge und ökologische Grenzen berücksichtigt.

In meinem früheren Essay über die Verwaltung der Commons habe ich deshalb DVA als eine Art „moral technology“ bezeichnet. Wenn wir die Beiträge und Auswirkungen unseres Handelns transparent machen können, entsteht eine neue Grundlage für Kooperation. Das Problem der Commons ist dann nicht mehr nur die Frage, wie man Menschen durch Verbote davon abhält, gemeinsame Ressourcen auszubeuten. Die viel interessantere Frage lautet: Wie können wir ein System schaffen, in dem es sich lohnt, zum gemeinsamen Wohl beizutragen?

Technologie könnte hier eine Rolle spielen, die weit über die heutige Digitalisierung hinausgeht. Distributed Ledgers könnten beispielsweise Beiträge transparent, überprüfbar und zwischen unterschiedlichen Organisationen übertragbar machen. Ein solches System könnte ökologische Renaturierung, Pflege, Bildung, soziale Integration oder die Erhaltung von Commons dokumentieren und gesellschaftlich anerkennen, ohne daraus notwendigerweise sofort einen handelbaren Finanzwert zu machen.

Damit würde aus der Idee der gegenseitigen Abhängigkeit eine Infrastruktur der gegenseitigen Abhängigkeit.

Das ist meines Erachtens der entscheidende Schritt. Eine Gesellschaft kann nicht dauerhaft auf individuellem Altruismus beruhen. Wenn wir wollen, dass Menschen ihre Interessen als Teil eines größeren Ganzen verstehen, müssen wir die Institutionen so gestalten, dass dieses größere Ganze sichtbar und handlungsrelevant wird.

DVA wäre damit das ökonomische Gegenstück zur Bürgerdividende: Die Bürgerdividende verteilt einen Teil des gemeinsam erzeugten Wohlstands; DVA macht sichtbar, wie dieser Wohlstand überhaupt gemeinsam erzeugt wird.
Beides zusammen könnte einen fundamentalen Wechsel einleiten: vom Menschen als isoliertem wirtschaftlichen Akteur zum Menschen als Teilnehmer eines sozialen und ökologischen Systems.

8. Vom Mindset zum Human Hive

Damit wären die vier Maßnahmen eigentlich vollständig:

1. Bewusstseinsbildung: Wir brauchen neue Geschichten, Bilder und Vorbilder, die Kooperation und Verbundenheit attraktiver machen als Isolation und Akkumulation.
2. Vermögensverteilung durch Bürgerdividende: Wir müssen die materielle Grundlage der Isolation beseitigen, indem wir gesellschaftliches Vermögen wieder zu gemeinsamem Vermögen machen.
3. Abhängigkeitsbildung durch DVA: Wir müssen unsere tatsächlichen sozialen und ökologischen Abhängigkeiten sichtbar machen und Beiträge zum Gemeinwohl institutionell anerkennen.
4. Digitalisierung der Demokratie: Wir müssen schließlich die digitale Infrastruktur schaffen, mit der Bürger nicht nur alle paar Jahre Vertreter wählen, sondern kontinuierlich an der Gestaltung ihrer gemeinsamen Lebenswelt teilnehmen können.

Damit schließt sich auch der Bogen zu meinen früheren Überlegungen zur agilen Demokratie und zu Sphären der Gerechtigkeit. Die Digitalisierung sollte nicht dazu dienen, das bestehende System effizienter zu machen. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, die politische und ökonomische Architektur selbst neu zu denken: Macht zu verteilen, Beteiligung zu erweitern und gesellschaftliche Ressourcen dort zu verankern, wo sie gebraucht werden.

Die vier Maßnahmen verfolgen deshalb letztlich dasselbe Ziel: die Überwindung der Illusion des unabhängigen Individuums, welches sich durch den gesellschaftlichen Zustand der Anomie zeigt.

Hier schließt sich eine interessante Verbindung zu Erich Fromms The Anatomy of Human Destructiveness an. Fromm unterscheidet zwischen einer biophilen Orientierung, die auf Leben, Wachstum, Beziehung und schöpferische Tätigkeit gerichtet ist, und einer nekrophilen Orientierung, die sich an Kontrolle, Besitz, Zerstörung und dem Leblosen orientiert. Destruktivität ist für Fromm deshalb nicht einfach ein unveränderlicher Bestandteil der menschlichen Natur. Sie kann vielmehr dort entstehen, wo gesellschaftliche Verhältnisse Menschen daran hindern, ihre produktiven und lebensbejahenden Möglichkeiten zu verwirklichen.

Genau hier wird die Verbindung zu The Mindset sichtbar. Der Wunsch der Tech-Elite, sich mit Geld und Technologie von einer zunehmend dysfunktionalen Gesellschaft zu isolieren, ist nicht nur ein ökonomisches oder politisches Problem. Er ist Ausdruck einer Entfremdung vom Leben selbst. Die Welt wird zum Objekt, das kontrolliert, optimiert, gekauft und schließlich verlassen werden kann. Der Mensch erscheint als autonomer Akteur, Natur als Ressource, Gesellschaft als Risiko und Technologie als Mittel zur Kontrolle.

Fromms Analyse führt damit noch einen Schritt tiefer als Rushkoffs Kritik: Die eigentliche Gefahr ist nicht nur, dass einige Menschen zu viel Macht und Vermögen besitzen. Die Gefahr besteht darin, dass eine Gesellschaft eine menschliche Charakterstruktur hervorbringt, in der Isolation, Besitz und Kontrolle als normale Formen des Glücks erscheinen.

Die Überwindung von The Mindset kann deshalb nicht allein durch Umverteilung gelingen. Wir müssen zugleich die sozialen Bedingungen verändern, unter denen Menschen ihre Bedürfnisse und ihr Glück definieren. Eine Gesellschaft, die Menschen permanent in Konkurrenz setzt, ihre Existenz an ökonomische Leistung bindet und ihre Beziehungen zunehmend durch Markttransaktionen ersetzt, produziert zwangsläufig Anomie – und damit jene Entfremdung, aus der destruktive Reaktionen entstehen können.

Human Hive wäre dann nicht die Überwindung des Individuums, sondern deren Gegenentwurf zur isolierten Individualität: ein soziales Wesen, das seine Individualität gerade durch seine Beziehungen zu anderen und zu seiner Lebenswelt verwirklicht. Das „Hive“ steht dabei nicht für einen Ameisenstaat, in dem Individuen ihre Eigenständigkeit verlieren, sondern für eine Gesellschaft, in der individuelle Entfaltung und kollektives Wohlergehen nicht länger als Gegensätze verstanden werden.

Die Bürgerdividende schafft dafür die materielle Teilhabe, DVA die ökonomische Sichtbarkeit der Verbundenheit, die digitale Demokratie die institutionelle Teilhabe und eine neue kulturelle Erzählung die psychologische Orientierung.
Das wäre dann vielleicht der eigentliche Gegenentwurf zu The Mindset: nicht der autonome Mensch, der sich aus der Gesellschaft retten will, sondern der selbstbestimmte Mensch, der seine Freiheit in der Verbundenheit mit anderen findet.
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Quellen:

  • https://rushkoff.com/books/survival-of-the-richest.html
  • https://www.thenation.com/article/culture/douglas-rushkoff-survival-richest/
  • https://www.youtube.com/watch?v=Hgdplv8Mde8
  • Katy Cook zu emotional zurückgebliebenen tech nerds: https://www.mingong.org/blog-en/the-psychology-behind-technology
  • Aldous Huxley zu Machtkonzentration: https://www.mingong.org/blog-en/the-politics-of-ecology
  • Vermögenskonzentration in Österreich beschrieben in: https://www.darkmatteressay.org/blog/zu-agiler-demokratie-und-spharen-der-gereechtigkeit
  • Thomas von Aquins acedia beschrieben in: https://www.researchgate.net/publication/406915177_Existenzanalyse_und_Neurologie_Viktor_Frankls_Der_unbewusste_Gott_im_Abgleich_mit_neuropsychologischen_Erkenntnissen
  • Jiddu Krishnamurti – consciousness crisis: https://www.youtube.com/watch?v=sXzp_ZQR7Lo
  • https://www.darkmatteressay.org/the-great-disruption-by-francis-fukuyama.html
  • Overview – cognitive shift: https://vimeo.com/55073825
  • den in ihren Bann gezogenen Politikern: https://www.mingong.org/blog-en/book-review-trump-and-a-posttruth-world-an-evolutionary-self-correction-by-ken-wilber
  • Ayn Rand im Portrait: https://www.3sat.de/kultur/control-alt-delete/reihe-control-alt-delete-ayn-rand-100.html
  • Fritz Langs Metropolis: https://www.mingong.org/blog-en/film-review-metropolis-1927-and-its-current-relevance
  • Oliver Scott Goldsmith, The Alaska Permanent Fund Dividend: An Experiment in Wealth Distribution – empirische Untersuchung des Bürgerdividenden-Modells: University of Alaska / ScholarWorks
  • Sarah Manski & Michel Bauwens, Reimagining New Socio-Technical Economics Through the Application of Distributed Ledger Technologies – zentrale wissenschaftliche Referenz zu DVA: Frontiers in Blockchain
  • Sarah Manski, Distributed Ledger Technologies, Value Accounting, and the Self Sovereign Identity – DVA, Commons und digitale Identität: Frontiers in Blockchain
  • Sarah Manski, Distributed Value Accounting for a Post-Capitalist Planet: RadicalxChange
  • Knut Wimberger, On The Value and The Management of Commons: https://ark.greensteps.me/page/ko/on-the-value-and-the-management-of-commons/
  • Knut Wimberger, Worldcoin or Earthcoin – frühere Überlegungen zu Bürgerdividende, globaler Vermögensverteilung und individueller Ökosystemleistung: https://ark.greensteps.me/page/worldcoin-or-earthcoin
  • Knut Wimberger, Zu agiler Demokratie und Sphären der Gerechtigkeit: https://www.darkmatteressay.org/blog/zu-agiler-demokratie-und-spharen-der-gerechtigkeit
  • Erich Fromm, The Anatomy of Human Destructiveness in: https://www.mingong.org/blog-en/the-anatomy-of-democratic-destructiveness
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Das SERT Model zum BEDINGTEN GRUNDEINKOMMEN

6/3/2026

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Interessanter Vortrag von Peter Kirchschläger, Autor von „Ethik und digitale Transformation der menschlichen Arbeit“, über sein SERT-Modell („Society-, Entrepreneurship-, Research-Time-Model“), das die Loslösung eines bedingten Grundeinkommens von bezahlter Arbeit beschreibt: 
https://vimeo.com/1191470452/71c6a5aa60?share=copy&fl=sv&fe=ci

Ebenso interessant sind die Überschneidungen mit dem ARK-Whitepaper zu einem bedingten Einkommen:
https://www.researchgate.net/publication/400550747_Full_Version_04pdf


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GRUNDEINKOMMEN: BEDINGT ODER UNBEDINGT?

1/19/2026

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Im Feber 2023 schickt mir Daniel Häni, Co-Initiator der Schweizer Grundeinkommensbewegung[i] den Vorabdruck eines Interviews für einen Band zu Zukunftsnarrativen der Universität Freiburg.[ii] Er beschreibt darin ein Klima-Grundeinkommen und macht unterschiedliche Argumente für dessen gesellschaftliche Notwendigkeit. Ich greife dieses Interview drei Jahre später noch einmal auf, um zu mich mit dem Grundeinkommen auseinanderzusetzen. Ich bin mit Daniel Häni einig, dass das Grundeinkommen die natürliche Evolution des Sozialstaates darstellt. Aber was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Varianten und was spricht für das eine und was für das andere? In Erörterung dieser Fragen kommentiere ich ausgewählte Argumente aus dem Interview.

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Vorweg: Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) wird jedem Bürger regelmäßig und ohne Gegenleistung ausgezahlt, um die Existenz zu sichern, während ein bedingtes Grundeinkommen an spezifische, oft gemeinnützige Verhaltensweisen geknüpft ist, um zB Hedonismus oder Missbrauch zu verhindern und einen gesellschaftlichen Mehrwert zu fördern. Das BGE ist universell, das bedingte ist zweckgebunden.

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Argument 1: Für eine nachhaltige Bewältigung der Klimakrise brauchen wir die Fähigkeit zur Eigenverantwortung, mit dem Einführen eines bedingungslosen Grundeinkommen erzeugen wir mehr Verantwortungsfähigkeit.
 
Kommentar: Wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen wirklich die Eigenverantwortung gestärkt oder motiviert es nicht eher noch mehr gesellschaftlichen check-out und Anomie? Die Politikökonomin Maja Göpel meint dazu: “Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf der linken Seite etwas vormachen. Dass dann alle zufällig etwas für die Republik tun würden, wenn sie den Freiraum hätten, weil sie sich um keine finanzielle Versorgung kümmern müssen, das halte ich für eine steile These.“[iii]
 
Argument 2: Wenn jemand sagt: „Ich war nicht verantwortlich, ich habe nur ausgeführt, was mir gesagt wurde“; oder: „Ich musste das tun, weil ich sonst den Job verloren hätte“; oder: „Ich wurde nicht gefragt, ich wusste nicht, was das für Folgen hat“, dann ist eine solche Person nur begrenzt verantwortungsfähig. Genau so stehen wir zur Zeit vor der Klimakrise. Fast alle tragen fast keine Verantwortung. Wir leben in einer Gesellschaftsordnung, in der Verantwortungslosigkeit System hat.

Anmerkung. Das ist grundsätzlich eine richtige Analyse, aber die Veränderung hin zu einem System, in dem beispielsweise lernen kein Zwang mehr ist, sondern Schüler sich freiwilliig weiterbilden, funktioniert nicht schlagartig, sondern graduell. Genauso ist es mAn mit dem Grundeinkommen und der Arbeit. Die intrinsische Motivation, das zu tun, was in der Gesellschaft gebraucht wird und notwendig ist, muss geformt werden, bis sie eine neue Kultur des Miteinanders erzeugt hat. Am Weg dorthin ist das bedingungslose Grundeinkommen hinderlich, da es nicht alle gleichermaßen extrinsisch motiviert. Insbesondere jene, die noch einer Erwerbsarbeit nachgehen.
 
Letztlich muss Verantwortung auf jeden Menschen heruntergebrochen werden. Verantwortung zu tragen, bedeutet aber nicht komplette Handlungsfreiheit zu geben, sondern in der schwer durchsichtigen Situation, in der wir uns befinden, Handlungsoptionen zu schaffen und die Wahl dieser zu belohnen. Die GWÖ macht das insofern richtig, dass sie Unternehmen zertifiziert, die ihre Bilanzen auf Nachhaltigkeit prüfen lassen. Auf das Individuum runtergebrochen, bedeutet dies, dass unsere Handlungen auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit geprüft werden - und die richtigen Entscheidungen und Handlungen durch ein bedingtes Grundeinkommen belohnt werden. Diese Logik wird noch offensichtlicher, wenn man sich mit Gesellschaften auseinandersetzt, in denen der Sozialstaat quasi nicht existiert.
 
Argument 3: Ein Vorgeschmack haben wir in der Corona-Krise erlebt. Notrecht und
Verbote führen nicht zu Bewusstsein und Verantwortung, sondern zu Folgsamkeit
und Verantwortungslosigkeit. In diese Richtung geht der aufkommende
Transhumanismus. In die Entmündigung. In die systematische „Entselbst-verantwortlichung“ der Menschen.
 
Kommentar: China hat hier anderes gezeigt. Die schlagartige Aufgabe der Regierung, die Bevölkerung stark zu kontrollieren, hat zu einem rasanten Anstieg der Todesopfer geführt. Sinnvoller wäre es gewesen von totaler Kontrolle, schrittweise mehr Selbstverantwortung einzuführen.
 
Argument 4: Das bedingungslose Grundeinkommen hingegen ist eine Ermächtigung zur Selbstermächtigung. Es stellt die Menschen auf die Beine. Es fördert konkret die Verantwortungsfähigkeit der einzelnen Menschen.
 
Kommentar: Ohne hier an Machtverlust zu denken: Daniel Häni unterschätzt den Anreiz von Selbstermächtigung. Nicht wenige Menschen ticken nicht nach den Prämissen von Alfred Adlers Individualpsychologie und haben kein Interesse daran selbstermächtigt zu sein. Freiheit ist nicht für jeden Menschen ein erstrebenswerter Zustand.
 
Argument 5: Der Verzicht auf Fremdbestimmung ist ein großer Schritt in der Menschheits-entwicklung, der uns noch in vielfältiger Weise beschäftigen wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dafür eine Übungseinheit.
 
Kommentar: ich sehe das genau umgekehrt. wir müssen zuerst Selbstbestimmung üben, um mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zurecht zu kommen.
 
Frage an Daniel Häni: Ein Verfechter oder eine Verfechterin des gegenwärtigen Sozialstaates würde gegen das Grundeinkommen womöglich einwenden, dass die momentanen Sanktionsmechanismen des Sozialstaats benötigt werden, um den Menschen zur Selbstverantwortlichkeit, Selbstsorge und damit auch zur Erwerbsarbeit – solange und soweit er dazu fähig ist – zu bewegen. Welcher Denkfehler liegt Ihrer Meinung nach hier vor?
 
Argument 6: Wir leben längst nicht mehr in der Selbstversorgung, sondern in einer arbeitsteiligen, global organisierten Fremdversorgungsgesellschaft. Das heißt, alles, was ich leiste, ist immer für andere. Alles, was ich brauche, haben andere hergestellt. Es kann also nicht um eine Selbstverantwortung im Sinne einer Selbstversorgung gehen. Die Selbstverantwortung, von der ich spreche, ist diejenige, die den Blick frei macht darauf, was die Welt braucht. Der Herzfehler liegt also darin, dass wir die Menschen so behandeln, als wären sie noch Selbstversorgende. Das sind sie aber nicht mehr. Die Arbeit ist das Soziale geworden. Nicht wer Arbeitsplätze schafft, ist sozial, sondern diejenigen die arbeiten.
 
Kommentar: Dieses Mißverständnis ist leicht zu beseitigen, wenn man die Terminologie ändert: Selbstverantwortung bedeutet für Herrn Häni eigentlich iSv Goleman und Senge Verantwortung für sich, andere und den Planeten. Ob das ein Herzfehler ist, kann ausführlich diskutiert werden. Die systemische Wahrnehmung, dass wir alle Teil eines Superorganismus sind, in dem wir Verantwortung für die Allgemeinheit übernehmen, wenn wir von Selbstverantwortung sprechen, liegt nicht für jedermann auf der Hand. Allerdings stimme ich vollkommen zu, dass Selbstverantwortlichkeit, Selbstsorge und der Zwang zur Erwerbsarbeit, den der Sozialstaat anlegt, gerade jetzt in Zeiten der exponentiellen technologischen Entwicklung, Herzlosigkeit impliziert.
 
Argument 7: Wir können demnach das Grundeinkommen als Vertrauensvorschuss beschreiben. Kerniger aber ist die Beschreibung, dass eine modern Gesellschaft zur Bedingung haben muss, dass sie den Menschen das, was sie unbedingt brauchen, auch bedingungslos gewährt. Nicht aus Gutmenschlichkeit, sondern weil der Gedanke aufgeklärt und logisch ist. Was im bisherigen Sozialstaat eigentlich nur moralisch war, nämlich, dass du arbeiten gehen sollst – im Kleide eines Recht auf Arbeit –, wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen zu einem tatsächlichen Recht, nämlichein Recht auf Selbstbestimmung in der Arbeit. Früher nannte man das die Abschaffung der Sklaverei.
 
Kommentar: Radikal aber gut gedacht. Nichtsdestotrotz müssen wir uns mit den realen Machtstrukturen genauso beschäftigen wie mit der Theorie einer idealen Gesellschaft. Die Spannung zwischen einer Vision und der Realität muss durch eine Strategie überbrückt werden, die ausreichend Moment aufbauen kann, um die Vision Realität werden zu lassen. Hier gibt es mindestens 2 Kalküle zu beachten: das Grundeinkommen muss finanziert werden und es bedarf innerhalb von Demokratien die gesetzliche Grundlage dieses einzuführen. Die Wahrscheinlichkeit, jene Personen, die Finanzierung und Gesetze freigeben, für die Idee zu gewinnen, ist um vieles größer, wenn man anfangs mit einem bedingten Grundeinkommen argumentiert. Insbesondere der Umstand der Anomie, der westliche, heterogene Gesellschaften zunehmend belastet, kann durch ein bedingtes Grundeinkommen gelöst und konservativen Teilen der Gesellschaft als logische Strategie erklärt werden. Ansonsten kann wie bei der Abschaffung der Sklaverei oder der Einführung von Bürgerrechten direkt auf die Barrikaden gegangen und eine blutige Revolution eingeläutet werden.
 
Argument 8: Das bedingungslose Grundeinkommen führt uns, wie die Kollegin Adrienne Göhler immer wieder treffend sagt, „vom Müssen zum Können, vom Sollen zum Wollen“. Das ist ein evolutionärer emanzipatorischer Paradigmenwechsel.
 
Kommentar: das könnte man eben genauso über das bedingte GE sagen: es führt vom müssen zum sollen, und vom sollen zum wollen. Ist jemand bspw 5 Jahre im bedingten GE System gewesen, dann kann man ihn ins bedingungslose "entlassen". Er oder sie hat das System intimiert, einen selbstgewählten Beitrag zum Gemeinwohl leisten zu müssen, um das GE in Anspruch nehmen zu dürfen. Der check-in, der in unseren Gesellschaften einerseits von den Superreichen durch Steuerschlupflöcher umgangen wurde und andererseits für den Empfänger von Sozialleistungen überflüssig geworden ist, wird so wieder Teil eines natürlichen do ut des.
 
Argument 9: Betreffend Klima können wir voraussehen, dass wir vielleicht nicht schnellere, aber nachhaltigere Ergebnisse erreichen werden, wenn wir auf das Können setzen und darauf, aus Einsicht zu handeln und nicht aus Not und Verbot.
 
Kommentar: langfristig ist diese Feststellung wohl richtig, aber kurz- und mittelfristig ist sie nicht realistisch. Ökonomische Zwänge wie etwa Parkstrafen sind wichtige Hebel, um Verhalten extrinsisch zu ändern.
 
Argument 10: In der Not verteilt man Brot, besser aber ist es zu ermöglichen, Brote zu backen – für Andere.
 
Kommentar: Das ist das Ideal der Menschlichkeit. Die Realität ist eher homo homini lupus.

Argument 11: Das bedingungsloses Grundeinkommen findet statt, wenn wir seine Logik verstehen.
 
Kommentar: genau daran hakt es: nur wenige verstehen die Logik, weil es für die meisten genauso wie beim Geld an sich, nicht darum geht eine Logik zu verstehen, sondern ein System zu erfahren.
 
Argument 12: Wir erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen, damit wir es uns leisten können aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen und mitzuwirken. Das beinhaltet natürlich auch die Möglichkeit zur selbstbestimmten Information und Bildung. In beiden Fällen geht es darum die Resistenz gegen Manipulation, sprich Fremdbestimmung zu erhöhen.
 
Kommentar: guter Gedankenstrang, der in einer ursprünglich arbeitsteiligen Gesellschaft nicht zutreffend war, aber durch den zunehmenden Verlust der Erwerbsarbeit wegen steigender Automatisierung, richtig ist. Andersrum, könnte man auch argutmentieren, dass es keiner gewählten Politiker mehr Bedarf, sondern jeder ein Politiker ist und mit der Demokratiepauschale für seine Teilnahme am Diskurs entschädigt wird. Aber auch hier wiederum die Frage: wird das jeder machen, der ein bedingungsloses GE bezieht? Sicherlich nicht - außer man koppelt die politische Beteiligung an einer digitalen und direkten Demokratie mit einem bedingten GE: bilde dich, beteilige dich am Diskurs und stimme ab, dann erhältst du eine Demokratiepauschale.
 
Argument 13: Wir brauchen für das 21. Jahrhundert einen neuen Steuergrundsatz: nämlich an Stelle der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Menschen, den ökologischen Fußabdruck zu besteuern. Als ein schrittweises Herunterfahren der Besteuerung und der Abgaben auf Leistung, Arbeit und Einkommen; schrittweises erhöhen der Steuern auf den Konsum und Verbrauch von Gütern und Dienstleistung, auf den ökonomischen und ökologischen Fußabdruck.
 
Kommentar: Richtig. besser gefällt mir aber socio-ecological footprint. der ökologische ist leichter zu berechnen. der soziale ebenso wichtig.
 
Interessant jedoch, dass hinsichtlich Steuern ein schrittweises Herunterfahren visualisiert wird, aber nicht hinsichtlich GE -  zumindest besteht eine Wahrnehmung, dass Veränderungen nicht über Nacht herbeigeführt werden können, sondern graduell eingeführt werden müssen.
 
Genauso wie das Grundeinkommen ist die Änderung der Besteuerung ein politisches Tabu. Beide Maßnahmen stehen in direktem Widerspruch zu Wirtschaftswachstum.
 
Argument 13: Der Steuersatz dieser Art der Besteuerung kann für alles gleich sein oder differiert nach dem politischen Willen der Steuerung von Anreiz und Begünstigung gewisser Tätigkeiten und Produkte. Das ganze alte politische Gedöns von Sozialleistungen, Versicherungen, Abgaben, Anträgen, Sanktionen und Verwaltung wären Tempi passati.
 
Kommentar: Sehe ich auch so. Der ggw Sozialstaat ist wie Philanthropie: er schichtet pseudomäßig um, anstatt wirklich auzugleichen.
 
Argument 14: Ein Grundeinkommen führt zu einem tief sich verwurzelnden strukturellen Pazifismus!
Jede Auseinandersetzung und so auch jeder Krieg gründen im Gegenteil, in der Verletzung der Menschenwürde, in mangelnder Wertschätzung, in der Unterdrückung und der Fremdbestimmung von Menschen und ihrer Arbeit, ihrer Kultur.
 
Kommentar: Krieg ist motiviert durch Knappheit oder scheinbare Knappheit an Resourcen unterschiedlicher Art. Frieden wird nur in jenen Regionen gefördert, die das GE pflegen, nicht jedoch in angrenzenden Regionen, wo dieses fehlt.
 
Argument 15: Das bedingungslose Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technologischen Fortschritt. Das heißt, der technologische Fortschritt birgt ein riesiges Potenzial, die Menschen für die Tätigkeiten freizustellen, welche sich der Lösungen der gegenwärtigen Herausforderungen annehmen, anstatt sie weiter zu verursachen.
 
Kommentar: Das bedingslose GE ist die Endstufe der Evolution des Sozialstaates. Die Zwischenstufe dafür lautet bedingtes GE – es ermöglicht den Übergang von Zwang zu Wahl (wo bringe ich mich ein) und von der Wahl zur Freiheit. Darüber hinaus ist es politisch realistischer ein bedingtes GE zu installieren und hier ist Pragmatismus geboten: wenn ich Auswahl steht, das bedingte GE oder kein GE einzuführen, so bin ich mir sicher, wird auch Daniel Häni es bevorzugen, vorest für ein paar Jahre mit dem bedingten GE zu experimentieren bis dessen gesellschaftiche Akzeptanz so gewachsen ist, dass man den nächsten Schritt machen kann.

[i] https://www.grundeinkommen.ch/
[ii] https://www.grundeinkommen.ch/wp-content/uploads/eBook_Hartmann_Kaufmann_Sommer_Ne-umaerker-Hg.-Politische-Partizipation-und-bedingungsloses-Grundeinkommen-Narrative-der-Zukunft_DH-Kopie.pdf
[iii] https://www.mingong.org/blog-de/werte-ein-kompass-fur-die-zukunft
 
Mehr:
  • https://www.br.de/extra/respekt/grundeinkommen-bedingungsloses-pro-contra100.html
  • https://www.pressetext.com/news/bedingungsloses-grundeinkommen-polarisiert.html
  • https://www.grundeinkommen.de/26/11/2017/58-prozent-der-in-deutschland-befragten-halten-die-einfuehrung-eines-grundeinkommens-fuer-sinnvoll.html
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DIE ZUKUNFT DER WELTORDNUNG: GLOBALISMUS VS LOKALISMUS

1/15/2026

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Dieser kurze Essay beschäftigt sich mit der Frage, ob die bestehende Weltordnung, die Nationalstaaten seit dem Wiener Kongress 1815 als die kleines Einheit von internationalen Beziehungen betrachtet, weiterbestehen wird, oder sich eine andere Weltordnung entwickelt. Zur Auswahl stehen zwei Extreme: die völlige Globalisierung einerseits und die völlige Lokaliserung andererseits. Dazwischen gibt es ein breites Spektrum, das zB die Bildung von neuen Imperialmächten oder die Kooperation zwischen Ökoregionen umfasst.  
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Die jährliche Vorlesung des Direktors am Chatham House hat diese Tage meine Aufmerksamkeit erregt. Wie sieht einer der führenden Thinktanks für internationale Beziehungen das kommende Jahr?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Direktorin von Chatham, Bronwen Maddox, wünscht sich im Wesentlichen, dass sich die internationale Ordnung nicht verändert. Sie ordnet sich und Chatham daher dem Lager der Nationalisten zu, d. h. derjenigen, die die Nationalstaaten als kleinste Einheiten der internationalen Ordnung beibehalten möchten. Das andere Lager, die Globalisten, streben danach, den Menschen als kleinste Einheit der internationalen Ordnung zu etablieren. Mehr dazu im ausgezeichneten Dialog zwischen Yuval Harari und Chris Anderson.

Ich bin wirklich enttäuscht über diesen Mangel an Weitsicht und war noch mehr enttäuscht über die meist absurden Folgefragen aus dem Publikum, die widerspiegelten, wie weit aktuelle Fachleute für internationale Beziehungen von den Belangen der Menschen vor Ort entfernt sind.


Im Einzelnen:
  • Ihr Hauptziel ist es, die internationale Ordnung zu retten, aber ist es nicht genau das, was geändert werden muss? Sie wiederholt die Worte von Henry Kissinger, der 2014 den Aufstieg Chinas, den Islamismus und supranationale Organisationen wie die EU als die größten Bedrohungen für die Weltordnung ansah.
  • Sie fordert ihr Publikum auf, bestehende Institutionen zu verteidigen und neue zu schaffen – geben Sie die UNO nicht auf. Aber ist nicht gerade die UNO eine Institution, die die derzeitige Weltordnung unterstützt, eine Ordnung der Nationalstaaten, die im Widerspruch zur Wissenschaft der Biogeografie und der Postwachstumsökonomie steht?
  • Die Mitgliedstaaten des IWF und der Weltbank sollten sich gegen die Kürzung der Mittel durch die USA wehren. Aber was für ein vergebliches Unterfangen, wenn China wie bei so vielen anderen westlichen Institutionen eine Schattenorganisation zur Weltbank gegründet hat und aktiv auf eine sinozentrische Weltordnung hinarbeitet.

Wenn wir etwas anderes als eine Pax Americana oder Pax Sinica wollen, müssen wir die Weltbank zu einer Organisation umgestalten, die wirklich den Menschen und nicht ihren Regierungen dient. Eine Vision für eine neue Weltbank wäre eine Institution, die eine global verteilte Wertbuchhaltung einsetzt und sicherstellt und ein bedingtes Grundeinkommen auf die Bankkonten der Bürger der Erde entsprechend ihrem Beitrag zur Gesundheit der natürlichen und kulturellen Ökosysteme überweist.

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Am nächsten Tag moderiere ich zum wahrscheinlich zehnten Mal eine Filmvorführung von Helena Norberg-Hodges Dokumentarfilm „The Economics of Happiness“. Der Film ist gewissermaßen die Antithese zur Aufzeichnung aus dem Chatham House. Norberg-Hodge propagiert Lokalismus, Maddox Globalismus.

Der Film in Kürze:

Die Ladakhi betrieben lokale Landwirtschaft und regionalen Handel – ihr Lebensstil war fein abgestimmt auf das lokale Ökosystem > allgemeines Wohlbefinden, niemand wurde zurückgelassen. Mit dem Aufkommen der modernen Wirtschaft und des globalen Handels fühlten sich die Ladakhi arm und unglücklich, wie ist das möglich? Die moderne Wirtschaft führte vor allem einen psychologischen Wandel vom kollektiven Wohlbefinden zum individuellen Erfolg mit sich. Vergleichen Sie dies mit Ken Wilbers AQAL-Rahmenkonzept. Die Werbebranche hat ihren Teil zu dieser Veränderung der Selbstwahrnehmung beigetragen.

Dennoch verzerrt es den Fokus, die Globalisierung zum neuen Feind zu machen. Nicht die Globalisierung ist der Feind, sondern die macht- und profitorientierten Akteure, die die Globalisierung als Mittel nutzen, um ihre Ziele auf Kosten der Menschen und der natürlichen Ressourcen zu verfolgen. 15 Jahre nach der Entstehung dieses Films ist es offensichtlich, dass die Dichotomie zwischen Globalisierung und Lokalisierung überwunden werden muss. Wir sind Mitglieder eines Superorganismus, eines Raumschiffs, und müssen zusammenarbeiten, um weiterhin ein Zuhause zu haben. Wir müssen das Denken in In- und Out-Gruppen hinter uns lassen. Das ist die globalistische Dimension in dieser Gleichung.

Wir benötigen jedoch einen Anker auf menschlicher Ebene in dieser Welt, und wir können nur an einem konkreten Ort leben und Beziehungen zu einer Handvoll realer Menschen pflegen. Als solche sind wir als menschliche Spezies wie jedes andere Säugetier tief mit einem bestimmten lokalen Gebiet verbunden, für das wir als Verwalter fungieren und dessen Integrität für zukünftige Generationen bewahren sollten. Das ist die lokalistische Dimension in dieser Gleichung.

Die Zukunft ist – mangels einer besseren Formulierung – glokal. Das Bild, das ich mir für diese Zukunft vorstelle, ist jedoch ein menschlicher Bienenstock, d. h. ein globaler Planet, der organisatorisch in lokalen Waben strukturiert ist. Was wir an diesem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte brauchen, ist ein organisatorisches Rückgrat, damit die Waben bei Fragen von regionaler und globaler Relevanz miteinander interagieren können. Eine neue Weltbank, die die Struktur eines menschlichen Bienenstocks übernimmt und das Konzept des Nationalstaats aufgibt, könnte sehr gut ein solches organisatorisches Rückgrat sein.

Sie würde jedoch nicht mit Diplomaten besetzt sein, die in eleganten Büros in New York, London oder Hongkong sitzen, sondern ihre Delegierten wären die Bürgermeister von Dörfern, Städten und Bezirken, die die Interessen ihrer Gemeindemitglieder vertreten. Vergleiche dazu Leopold Kohrs „The Breakdown of Nations”. Wir müssen die Demokratie verjüngen, sie agiler und weniger repräsentativ, sondern direkter gestalten. Wir müssen die Machtkonzentration bei großen Ländern und Unternehmen aufbrechen.

Weitere Beobachtungen - jedes Mal gibt der Film etwas Neues her:
  • Interessantes Interview mit chinesischen Jugendlichen über ihre kulturelle Selbstwahrnehmung. Es wäre heutzutage schwierig, einen Chinesen zu finden, der dies sagt.
  • Die Urbanisierung ist sehr ressourcenintensiv und hat höhere ökologische Auswirkungen auf den Planeten als das Leben auf dem Land.
  • Wir müssen die Institutionen ändern, die die Welt strukturieren und lenken – individuelle Entscheidungen können Gesellschaften nicht in dem Maße verändern, wie es erforderlich wäre.
  • Wir müssen lokale Identitäten entwickeln: Die Integration des Bioregionalismus in die öffentliche Bildung ist ein hervorragendes Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.
  • Emotional stärkste Szene: Ladhaki-Frauen in einem westlichen Altenheim beobachten eine apathische alte Frau, die allein vor dem Fernseher sitzt.
  • Norberg-Hodges Lösung deckt sich mit Bill Plotikins Beobachtung, dass die Herstellung einer Verbindung zu anderen Menschen und zur Natur die wichtigste Aufgabe in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen ist.
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AuFSTIEG DER ROBOTER - 10 Jahre Später

12/24/2025

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Das Buch ist auch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer von großer Relevanz. Dies liegt nicht daran, dass es hellseherische Vorhersagen darüber trifft, welche Technologien die Zukunft prägen werden, sondern daran, dass es sich mit der Frage befasst, wie diese Technologien die menschliche Arbeit, die Arbeitsmärkte und unseren gesellschaftlichen Umgang mit der Verteilung von Wohlstand verändern werden, insbesondere da Arbeitsplätze zunehmend als Verteilungsmechanismus an Bedeutung verlieren.

Die Krise der natürlichen Ressourcen ist schließlich weniger relevant – ja, ich höre schon alle Vertreter der Regenerationsbewegung und der Wiederherstellung der biologischen Vielfalt fragen: „Was ist los mit ihm?“ –, aber meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zur Lösung der Krise der natürlichen Ressourcen in der Lösung der Krise der Humanressourcen.

Wir erleben eine Bewusstseinskrise, wie der verstorbene Jiddu Krishnamurti einmal sagte, die so ernst geworden ist, dass sie sich zu einer sozialen und ökologischen Katastrophe von globalem Ausmaß entwickelt hat.

Es gibt bereits eine großartige filmische Darstellung dieses Dilemmas in Alexander Paynes Downsizing. ROW sollte Chinas rasanten technologischen Fortschritt in Verbindung mit seinem staatskapitalistischen Modell als Chance betrachten, soziale Innovationen einzusetzen und die nächste Bewusstseinsstufe zu erreichen.

  1. Technologie und sozialer Fortschritt

  • Automatisierung ist eine Voraussetzung für mehr soziale Gerechtigkeit und die Entfaltung des menschlichen Potenzials: Die EU und ihre Mitgliedstaaten investieren zu wenig in mechanische und digitale Automatisierung und gefährden damit das Wohlergehen und den Lebensstandard.
  • Ein Masterplan für die Automatisierung ist erforderlich: Automatisieren Sie, was Menschen nicht gerne tun, als Schwerpunkt des Technologieeinsatzes und ermöglichen Sie es Menschen, Berufe zu ergreifen, die sie tatsächlich ausüben möchten.
  • Es bedarf eines Masterplans für die Automatisierung: Automatisieren Sie, was Menschen nicht gerne tun, als Schwerpunkt des Technologieeinsatzes und ermöglichen Sie es den Menschen, Berufe zu ergreifen, die sie tatsächlich ausüben möchten.
  • Die Elektrifizierung muss eine industrielle Priorität sein: Saubere, erneuerbare und ausreichende (PV-)Energie ist die Grundlage für eine zunehmende Automatisierung, um die Umwelt nicht zu belasten und die Automatisierung zu einer Kraft für soziales UND ökologisches Wohl zu machen.
  • China hat die oben genannten drei Säulen des Fortschritts verstanden und setzt sie vorbildlich um. Trotz seiner Vorteile einer hohen Bevölkerungsdichte und eines großen Binnenmarktes hat Südkorea gezeigt, dass ein hoher Grad an industrieller Automatisierung nicht von einer großen Bevölkerung abhängig ist.
  • Betrachtet man die IFR-Daten für 2024 (10 Jahre nach der Veröffentlichung von Fords Buch), wird deutlich, dass das marxistische China den Staatskapitalismus eingesetzt hat, um zum weltweit größten Eigentümer von Produktionsanlagen zu werden. Wenn China als „ein Unternehmen” betrachtet wird, hat es sich zum weltweit führenden Kapitalisten entwickelt (vergleiche Handelsdefizit 2025) und den Rest der Welt in einen Klassenkampf getrieben.
  • China wendet groß angelegte Strategien der primitiven Akkumulation an, um sein System am Laufen zu halten. Die industrielle Fischerei ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Die Förderung und Produktion von seltenen Erden ist ein weiteres.

2. Soziale
Innovation

  • Soziale Innovation ist die Möglichkeit für den Rest der Welt, Chinas industrielle Macht in einem wettbewerbsorientierten Wettlauf auszugleichen, der massive Verschwendung verursacht. Eine Bürgerdividende muss auf kommunaler Ebene geprüft werden. Kommunen sollten Leopold Kohrs Idee der Dorfverwaltung anwenden und mit den richtigen Anreizen zum Arbeiten und zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben experimentieren.
  • Eine bedingte Bürgerdividende ist das Mittel, das mehr Sozialkapital und weniger Umweltbelastung garantiert. Das Grundeinkommen sollte von den Regionen und Kommunalverwaltungen entsprechend dem Beitrag, d. h. dem Nachweis der Arbeit, gezahlt werden.
  • Jason Hickel berechnet, dass 65 % des US-BIP – und damit eine unermessliche Menge an Ressourcen und Arbeitszeit – wegfallen würden, wenn das Ziel einer Wirtschaft allgemeines Wohlergehen statt nationaler Wohlstand wäre. Seinen Berechnungen zufolge würde in den USA ein Einkommen von 14.000 US-Dollar ausreichen, um ein maximales Wohlbefinden zu erreichen, während das derzeitige Pro-Kopf-BIP bei 59.000 US-Dollar liegt. Die Systemtransformation im Anthropozän ist daher ein Klassenkampf unter neuen Voraussetzungen.
  • In Verbindung mit den vorhersehbaren und bereits einsetzenden Folgen der Automatisierung und des maschinellen Lernens ist ein Umdenken in Bezug auf das Konzept der „Lohnarbeit” unvermeidlich. Wir müssen Experimente in Modellarbeitsmärkten durchführen, die entweder traditionelle Lohnarbeit mit Sozialarbeit kombinieren oder die Lohnarbeit ganz abschaffen. Die Frage ist, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der die Menschen nur arbeiten, um zu überleben, oder eine Gesellschaft, in der die Menschen arbeiten, um zu leben.
  • In Verbindung mit den vorhersehbaren und sich bereits abzeichnenden Folgen der Automatisierung und des maschinellen Lernens ist ein Umdenken im Konzept der „Lohnarbeit” unumgänglich. Wir müssen Experimente in Modellarbeitsmärkten durchführen, die entweder traditionelle Lohnarbeit mit sozialen und ökologischen Beiträgen verbinden oder Arbeit als Teil „extraktiver Wirtschaftssysteme” gänzlich verbieten.
  • Eine umfassende „dezentrale Wertberechnung” (distributed value accounting) der sozialen und ökologischen Auswirkungen jeder (beruflichen) Tätigkeit ist erforderlich, wenn wir destruktives Verhalten sinnvoll von regenerativen Handlungen trennen möchten.

„Nur sehr wenige Ereignisse haben einen so großen Einfluss auf die Zivilisation wie eine Veränderung der Grundprinzipien der Arbeitsorganisation.” – Peter F. Drucker
 

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Werte – Ein Kompass für die Zukunft

10/16/2025

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Buch: https://www.brandstaetterverlag.com/buch/werte/
Ausgewähltes Interview zum Buch: https://www.youtube.com/live/CzEBLYOeXXQ?si=TBWS_Z1R1XeEQUIv 
Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Maja_G%C3%B6pel#

Im Ende 2024 erschienenen Buch versucht die Politikwissenschafterin und Transformations-forscherin Maja Göpel einer grundlegenden Frage auf den Grund zu gehen: Was sind die Rahmenbedingungen, die unser Handeln steuern / ermöglichen?

Sie widmet sich in der Antwort den Werten Sicherheit, Freiheit und Wohlstand, und diskutiert diese Werte innerhalb der Demokratie, die sie mit den Begriffen Transparenz und Chancen-gleichheit auflädt. In fünf kurzen Kapiteln versucht sie zu zeigen, dass es möglich ist, ins gemeinsame Handeln zu finden und greift zentral das Problem der gesellschaftlichen Spaltung – insbesondere in der politischen Arena - auf, das notwendige Maßnahmen in einer Situation der multiplen Krisen blockiert.

In gewisser Weise spiegelt sie damit zeitversetzt die Erörterungen ihres fachlichen Kollegen Francis Fukuyama wider, der bereits vor 25 Jahren für die USA in seinem Buch The Great Disruption ein Bild der Spaltung und des Niedergangs schilderte, dessen Grund er im Korrodieren von sozialem Kapital und damit in letzter Instanz gegenseitigem Vertrauen fand.

Der Historiker Niall Ferguson stellte eine ähnliche Forschungsfrage in seinem Buch Civilization: The West and the Rest. Warum konnte das zurückgebliebene Europa in der Neuzeit beinahe die ganze Welt unterwerfen und zu einer führenden Zivilisation werden? Seine Antwort sind 6 Killer Apps, die an der Schnittstelle zwischen Werten, Institutionen und Infrastuktur liegen.

Auch der amerikanische Journalist Ezra Klein widmete sich 2020 der gesellschaftlichen Spaltung in Why we are polarized, kommt aber ähnlich wie Ferguson zum Schluss, dass nicht nur gemeinsame Werte, sondern vor allem Institutionen, die unterschiedliche Werte produktiv verbinden, die Grundlage eines funktionierenden Staates sind.
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Aber was sind denn eigentlich Werte? Für die einen sind Werte erstrebenswerte, moralisch oder ethisch als gut befundene spezifische Wesensmerkmale von Personen innerhalb einer Wertegemeinschaft. Aus bevorzugten Werten und Normen entstehen Denkmuster, Glaubenssätze und Handlungsmuster sowie eine dementsprechende Geisteshaltung. Für die anderen sind gesellschaftliche Werte das Werbeplakat der politischen Macht.

Das Strukturmodell menschlicher Werte (vgl. Schwartz, 1992) erschöpft sich allerdings nicht darin, die Vielzahl menschlicher Werte zehn einander ergänzenden Wertetypen zuzuordnen; vielmehr können diese von ihm auch als Grundwerte bezeichneten Wertetypen auf einer allgemeineren Ebene zu vier Werten höherer Ordnung zusammengefasst werden.

Sie bilden dann eine zweidimensionale Wertestruktur, in der sich Selbsttranszendenz (Universalismus und Benevolenz) und Selbsterhöhung (Macht und Leistung) gegenüberliegen und ebenso Wahrung des Bestehenden (Konformität, Tradition und Sicherheit) und Offenheit für Neues (Stimulation und Selbstbestimmung). Hedonismus ist in dieser Struktur ein Grenzfall, der nach Schwartz sowohl Gemeinsamkeiten mit Selbsterhöhung als auch mit Offenheit aufweist.
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Fest steht, dass Werte ähnlich wie Religion eine verbindende Wirkung haben, und innerhalb einer Gesellschaft ein gemeinsamer oft unausgesprochener Nenner sind. Werteverlust wurde erstmals vom Soziologen Emile Durkheim Ende des 19 JH als Anomie beschrieben. Der Rückgang von religiösen Normen und Werten führt nach Durkheim unweigerlich zu Störungen und zur Verringerung sozialer Ordnung. Aufgrund von Gesetz- und Regellosigkeit sei dann die gesellschaftliche Integration nicht länger gewährleistet. Dieser Zustand tritt oft in Phasen schnellen gesellschaftlichen Wandels wie der Industrialisierung auf, was zu sozialer Desintegration, Verwirrung und einem erhöhten Aufkommen von sozialen Problemen wie Kriminalität und Suizid führen kann.
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Anmerkungen zu den fünf Kapiteln

1. Die Mehrheit möchte kooperieren – sie vermutet nur nicht, dass es die anderen auch wollen. Doch Zusammenarbeit ist der Schlüssel, um Krisen zu bewältigen.
Anmerkung: wer mit wem? Ist diese Frage national oder global zu verstehen? Gerade in einer Zeit, wo wir zunehmend erkennen, dass wir in einem planetaren Ökosystem wirtschaften, können sich Werte nicht nur auf Landesgrenzen erstrecken. Das kann bestenfalls ein Anfang sein.

In der Frage zur Verteilung von Wohlstand und der Einführung Grundeinkommen läßt Göpel erkennen, dass es Maßnahmen und Infrastruktur bedarf, um den Beitrag der Bürger nicht nur zu erwarten, sondern auch einfordern zu können: „Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf der linken Seite etwas vormachen. Dass dann alle zufällig etwas für die Republik tun würden, wenn sie den Freiraum hätten, weil sie sich um keine finanzielle Versorgung kümmern müssen, das halte ich für eine steile These.“
 
Um Kooperation zu beschreiben, arbeitet sie mit den Begriffen checkin – checkout. Checkin für Beteiligung und Solidarität, checkout für Apathie und Rücksichtslosigkeit. Göpel ist der der Meinung, dass wir jetzt den checkin brauchen – jeder muss bereit sein, etwas beizutragen, damit der Laden hier wieder läuft.  Damit gibt sie wieder, was der Philosoph David Richard Precht in seinem Buch Von der Pflicht anlässlich der Covid-19 Pandemie verlangt hat.

2. Wohlstand erneuern geht – wenn wir die richtigen Maßstäbe anlegen. Wir brauchen ein neues Verständnis davon, was wirklich zählt, statt uns an alten Zielwerten festzuklammern.
Anmerkung: vgl im Hinblick auf neue Zielwerte das interessante Konzept von Sobriete (Besonnenheit auf Deutsch) von Jean-Marc Jancovici, welches sich aus der Knappheit natürlicher Ressourcen für Europa notwendigerweise ergibt und welches er den Begriffen Armut und Überfluß gegenüberstellt. Sobriete kann als ein frei gewählter Minimalismus verstanden werden, der an buddhistische Mäßigung erinnert.

3. Politik kann wirksam sein – wenn wir Bürokratie innovativ umbauen. Statt den Staat abzubauen, müssen wir ihn so gestalten, dass er mutige Veränderungen möglich macht.
Anmerkung: ein Umbau inkludiert den Abbau wo der Staat zum Hindernis geworden ist. Die drei Säulen geteilte Macht, geteilter Wohlstand und geteilte Verantwortung müssen in eine neue Verfassung gegossen und innerhalb des Staates lean management durch den massiven Einsatz von Digitalisierung praktiziert werden. 

4. Wettbewerbsfähig wird, wer klug bilanziert. Wir brauchen neue Messgrößen, die Natur, Soziales und Menschlichkeit berücksichtigen – und nicht nur Wachstum um jeden Preis.
Anmerkung: klingt nach triple health – siehe Infografik unten. Distributed Value Accounting (DVA) kann hierzu als pragmatische Lösung sowie als neue digitalisierte Institution dienen, um zukunftsfähiges Verhalten zu belohnen zB mit einem bedingten Grundeinkommen und gemeinsame Werte zu schaffen.

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5. Anstand ist unser Anker im Sturm. Gerade in unsicheren Zeiten gibt er Orientierung und verbindet uns, wenn wir gemeinsam handeln.
Anmerkung: diese Aussage ist zwar grundsätzlich richtig und erinnert an Viktor Frankls psychoanalytischer Schule zur Essenz der Menschlichkeit. Die Realität hat uns aber gezeigt, dass dieser Anstand nicht erwartet, sondern nur unter bestimmten Rahmenbedingungen gefördert werden kann. In Zeiten von Anomie gilt vielmehr, was Isaac Asimov einmal treffend in seiner bathroom metaphor beschrieb: wenn eine Horde von Menschen auf eine Toilette stürmt, dann ist es mit dem Anstand schnell zu Ende und es bedarf klarer Regeln, einem Zeitplan, einem gesellschaftlichem Design, das wie Friedrich von Boerries in Weltentwerfen schreibt – unterwirft.
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Buchentstehung

Es ist interessant, dass dieses Buch beim Wiener Verlag Brandstätter erschienen ist und der ehemalige Finanzminister Hannes Androsch als Herausgeber ausgewiesen wird. Androsch verstarb Ende 2024, womit die Veröffentlichung dieses Buches der letzte Akt im umtriebigen Leben des SPÖ Funktionärs und Unternehmers gewesen ist. Was er zu dessen Entstehung beigetragen hat, ist unklar.

Zu Göpels Biographie ist anzumerken, dass sie in sehr privilegierten Verhältnissen aufgewachsen ist. Als einziges Kind einer Medizinerin und eines Gesundheits-wissenschafters verbrachte sie ihre Kindheit in einer ökologischen Hausgemeinschaft in der Nähe von Bielefeld. Man darf mutmaßen, dass das Versagen des Gesundheitssystem iSv Spezialintervention im Falle von Krankheit eines Individuums ein tägliches Thema am Abendtisch gewesen sein muss, und sich Göpel wohl aufgrund dieser Prägung einen soziologischen Zugang zum Thema Gesundheit angeeignet hat: wie muß eine Gesellschaft aufgestellt sein, damit Krankheit erst gar nicht entsteht?

Göpel promovierte in politischer Ideengeschichte, womit sie beim Schreiben eines Buches ähnlich wie Jared Diamond oder Yuval Harari eine „longitudinal perspective“ einnimmt. Anstatt Begriffe als statisch einzuordnen, hinterfragt sie deren Entstehung und Veränderung. So gibt sie sich irritiert, wenn Begriffe wie soziale Marktwirtschaft verwendet werden, und sich alle in diesem Begriff verorten, aber nicht für sich geklärt haben, was damit gemeint ist.

Die Schöpfer der sozialen Marktwirtschaft würden heute laut Göpel alle sagen: „Habt ihr noch alle Latten am Zaun, dass ihr die Techkonzerne so gerieren lässt und sie dann noch als Unternehmen bezeichnet, die angeblich in einem Markt stehen.“ Techkonzerne haben ihr zu folge Monopolstrukturen entworfen und führen eine Planwirtschaft in Konzernhänden. 
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Design als Lösungsinstrument und China als Vorbild

Als Lösung der Handlungsblockade diskutiert Göpel Design als die Anordnung von Elementen um ein Ziel zu erreichen. Anstatt sich in ideologischen Lagern zu verschanzen, muss es innerhalb einer Gesellschaft möglich sein, pragmatisch an jenen Zielen zu arbeiten, die für alle ein gutes Ergebnis bewirken. Es ist erkenntnistheoretisch überaus bemerkenswert, dass sie als Politikwissenschafterin erstmals mit Design als Werkzeug gearbeitet hat, weil es pragmatisch nach dem Ergebnis fragt, und unideologisch unterschiedliche Elemente anordnet, um definierte Ziele zu erreichen.

Das Buch erinnert stark an die Schriften des holländischen Historikers Rutger Bregman, der mit Utopia for Realists und Humankind: A hopeful history ähnliche Überlegungen anstellt wie Göpel. Es unterscheidet sich jedoch von Bregman, indem Göpel implizit als Politikwissenschafterin Elemente des chinesischen politischen Systems für „westliche Demokratien“ fordert:

- Lagerübergreifendes Handeln ist die Essenz des chinesischen Einparteinstaates
- Effektive Bürokratie wird in China durch starke Digitalisierung zB über alipay und wechat ermöglicht
- Langfristige Ziele werden durch die Kontinuität der Regierung und wiederkehrende Fünfjahrespläne erfolgreich verfolgt
- politischer Pragmatismus: die in den USA Ende des 19 JH ersonnene Philosophie wird unter einigen Sinologen als Fundament des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas gesehen.
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Kritik UND anregungen

Mein zentraler Kritikpunkt an diesem Buch ist der Mangel an technologischem Einblick und Verständis sowie der Fokus auf Werte, aber das komplette Fehlen von sinnvoller Infrastruktur und Institutionen (siehe Niall Ferguson und Ezra Klein weiter oben), um diese Werte zu implementieren. Göpel versucht durch ein gutes ideentheoretisches Konstrukt eine pragmatische Lösung in der politischen Arena herbeizudenken, und bleibt damit auf der westlichen Schiene des Rechtsstaates, die im Gegensatz zum fernostasiatischen Ingenieursstaates steht.

Der überbordende Rechtsstaat hat den homo faber im Westen - vielleicht in der Angst er könnte zum verrückten Erfinder Rotwang wie in Fritz Langs Metropolis werden – wohl aber eher weil die an der Macht sitzenden Eliten keine Veränderung des Status Quo wollen - erstickt. Der Ingenieursstaat hingegen bleibt im Handeln und ordnet Bürokratie und Prozesse einem Gesamtziel unter. So bleibt er agil und erspart sich lähmende Begutachtungen und demokratische grassroot Querelen. Er ist im Idealfall von einer Vision (wie dem China Dream) getragen, die der Gesellschaft Fortschritt nicht nur verspricht, sondern auch liefert.

As the saying goes: culture eats strategy for breaktfast. Die 16 sozialistischen Kernwerte, die die KPC seit Xi Jinpings Machtübernahme predigt, sind analog zu Göpels Werten der moralische Unterbau, der dieses gesellschaftspolitische System trägt. Dazu im Detail bei Dan Wangs neuem Buch Breakneck und Ian Johnsons The Souls of China.
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Chinas 16 sozialistische Kernwerte
Göpel kritisiert Menschen, die sich automatisch innerhalb von Begriffen wie sozialer Marktwirtschaft verorten, aber nicht hinterfragen, was damit wirklich gemeint ist. Letztlich stellt sie sich gegen eine Lagerbildung und versucht zu ergründen, was notwendig ist, um lagerübergreifend zu agieren. Durch die unreflektierte Verortung im Begriff Demokratie macht sie aber denselben Fehler, weil sie zwei Lager bildet, nämlich den „demokratischen Westen“ und den „totalitäten Osten“ – wir müssen lernen, von beiden gesellschaftlichen Systemen das aufzugreifen, was die Menschheit insgesamt voranbringt. Denn weder eine schlappe Demokratie (was auch immer in diesem Begriff drinsteckt) noch eine die Weltherrschaft an sich reißende Diktatur chinesischer Prägung kann der Weisheit letzter Schluss sein. 

Der renommierte Sinologe Oskar Weggel schrieb im Jahr 1997 über eine Zukunft mit 12 Milliarden Menschen, eng gewordenen Räumen und knappen Rohstoffen: in einer solchen Umgebung muß die Verherrlichung des Individuums, wie sie sich in der neuzeitlichen Philosophie – und in den westlichen Industriestaaten – durchgesetzt hat, durchaus als „Luxusschöpfung“ erscheinen, die weder der Menschheitsgeschichte insgesamt noch den Perspektiven eines „posteuropäischen“ Zeitalters angemessen ist.

Der klassische Konfuzianismus war ein Kind der Not – und erteilte als solches Antworten auf die Frage, wie Verteilungskämpfe unblutig gelöst und wie Formen dichten Zusammenrückens möglichst konfliktfrei gestaltet werden können. Im Zeichen abnehmender Optionen und zunehmender Beengung könnte er sich erneut als Zuflucht und Ratgeber erweisen! Globalisierung würde sich dann andersrum, nämlich von Ost nach West entfalten!

Im Sinne von Weggel muss in einer Zeit der begrenzten Ressourcen und der wachsenden Bevölkerung notwendiges Verhalten eingefordert werden – von allen Mitgliedern der Gesellschaft. Dieses Einfordern bedarf eines transparenten und fairen Systems, welches in der Form von distributed value accounting (DVA) möglich ist. Dabei geht es nicht um die in Europa so gefürchtete Überwachung der Privatsphäre, sondern um das Sichtbarmachen von Solidarität – also dem von Göpel geforderten checkin, der unbezahlter Vereinsarbeit, das buchhalterische Erfassen von Pflege- und Elternzeiten, das Erlernen von Nachhaltigkeitskompetenzen, also all jene Dienste an der Gesellschaft, die soziales und ökologisches Kapital schaffen bzw erhalten, aber am kapitalistischen Markt nicht bewertet werden.

Ein derartiges System macht jedes Mitglied einer Gesellschaft zu einem kleinen Motor, um die Gesellschaft als Ganzes in eine neue Richtung zu steuern. Es schafft Fairness, ermöglicht Chancengleichheit, und holt die von Göpel erwähnten 70% der Gesellschaft ab, die „das Richtige machen würden, wenn sie nicht Angst hätten, dass es die anderen nicht tun.“ Ähnlich wie airbnb schafft DVA mit Hilfe einer digitalen Prothese Vertrauen zwischen Menschen, wo zuvor kein Vertrauen war, und ermöglicht unerwünschtes Verhalten aufzuzeigen ohne die negativen Folgen von Verrat und Vertrauensbruch, mit denen totalitäre Gesellschaften gekennzeichnet waren.

Soziale Innovation bedarf nicht nur der richtigen Werte. Diese können bestenfalls die Grundlage für eine ausformulierte Vision sein. Um eine Vision wirksam werden zu lassen, ist es notwendig über neue Organisationsformen, notwendige Technologien, die gelungenes Design nachzudenken. Den richtigen Zeitpunkt haben wir schon verpasst. Aber wie Viktor Hugo einst sagte: Keine Armee kann einer Idee Einhalt gebieten, deren Zeit gekommen ist.   
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In Anbetracht der von Kai Strittmatter in Die Neuerfindung der Diktatur beschriebenen Systemrivalität zwischen China und dem Westen sind wir angehalten über ein besseres System nicht nur nachzudenken, sondern innovativ und mutig mit der Entwicklung dieses neuen Systems zu experimentieren. Die Konvergenz der politischen Systeme USA und China, die seit dem erneuten Amtsantritt Donald Trumps festzustellen ist, macht diese Aufgabe eine spezifisch europäische.

Wenn Europa eine Person wäre, dann müsste ich doch jetzt losstürmen und für sie kämpfen. Für meine Heldin, die mir 70 Jahre Frieden verschafft hat. — Klaus Maria Brandauer

Wir müssen in Europa den Mut haben, nicht nur über Werte nachzudenken, sondern Mechanismen auszuprobieren, die die Umsetzung dieser Werte ermöglichen. Wenn Anomie, also Wertverlust und der Zerfall der Gesellschaft als negatives Szenario warnt, dann muss mit pragmatischen Lösungen entgegengesteuert werden. Gerade die relative administrative Eigenständigkeit von Ländern und Kommunen, die sich in den Folgestaaten des Römischen Reiches dt. Nation erhalten hat, macht es einfacher als in zentralistisch geformten Staaten mit DVA auf unterschiedlichen Ebenen der Verwaltung zu experimentieren und den checkin digital einzufordern.

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Weiterlesen:
  • Was sind Werte? https://www.values-academy.de/was-sind-werte/ 
  • Strukturmodell menschlicher Werte nach Schwartz: https://www.researchgate.net/publication/317266853_Psychologische_Arbeiten_zur_Struktur_menschlicher_Werte
  • Anomie nach Durkheim: https://soztheo.de/kriminalitaetstheorien/anomie-druck-theorien/anomiebegriff-durkheim/
  • Zu Nial Fergusons Konzept von Killer Apps: https://www.mingong.org/blog-en/the-anatomy-of-democratic-destructiveness
  • David Richard Precht, Von der Pflicht: https://www.goodreads.com/book/show/57557177-von-der-pflicht
  • Sobriete nach Jean Marc Jancovici: https://www.youtube.com/watch?v=59WB0im3lLg
  • Wechat and good governance 2.0: http://www.mycountryandmypeople.org/01-blog-2133823458/-wechat-governance-20-good-wechat-governance
  • A lucid manual for transformation: https://www.mingong.org/blog-en/a-lucid-manual-for-transformation-by-architect-friedrich-von-borries
  • Architekt Friedrich von Boerris erklärt die permanente Transformation: https://www.mingong.org/blog-en/book-review-design-theorist-friedrich-von-borries-on-how-to-project-the-world
  • The Great Disruption: Human Nature and the Reconstitution of Social Order by Francis Fukuyama: https://www.darkmatteressay.org/the-great-disruption-by-francis-fukuyama.html
  • On Spheres of Justice and Agile Democracies: https://www.mingong.org/blog-en/on-failing-democracies-and-spheres-of-justice
  • Isaac Asimov on overpopulation, technology and the decline of democracy: https://www.mingong.org/blog-en/overpopulation-technology-and-the-decline-of-democracy
  • Metropolis (1927) and its current relevance: https://www.mingong.org/blog-en/film-review-metropolis-1927-and-its-current-relevance
  • Breakneck: China’s quest to engineer the future: https://danwang.co/breakneck/
  • Ian Johnson: The Souls of China: http://www.mycountryandmypeople.org/20-20215205402345920256-value-propaganda.html
  • Oskar Weggel, China im Aufbruch: Konfuzianismus und politische Zukunft: https://www.greensteps.me/library/wie-man-aus-kindern-piraten-macht.php
  • Kai Strittmatter, Die Neuerfindung der Diktatur: Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert: https://www.goodreads.com/book/show/45884677
  • Distributed Ledger Technologies, Value Accounting, and the Self Sovereign Identity: https://www.frontiersin.org/journals/blockchain/articles/10.3389/fbloc.2020.00029/full
  • https://www.researchgate.net/publication/355395623_White_Paper_-_version_03
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UtopiA 2048

8/27/2025

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Interessant an der Biografie des erst 1990 geborenen Lino Zeddies ist, dass er derzeit an einem Umzug von Berlin nach Brandenburg arbeitet (wie so viele der Stadt überdrüssige Berliner), also mit dem Stadtleben, das sein Leben bisher bestimmt hat, bricht.

Damit reiht er sich in die Gruppe von jüngeren Erwachsenen ein, die ihr Glück am Land suchen, nachdem sie vor allem Gemeinschaft und Naturnähe in der Stadt nicht finden konnten. In Brandenburg hat sich für derartige Suchende bereits eine eigene Dachorganisation formiert: https://wissen.zukunftsorte.land/

Andy Couturier beschreibt die Suche nach Gemeinschaft und Entschleunigung anschaulich für Japan: https://www.mingong.org/blog-en/the-evolution-and-future-of-work6024456  

Zentrales Thema von Zeddies sowie einigen Teilnehmern ist die Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung: Wie können wir wieder an einem Strang ziehen?
Zeddies sieht für die Transformation zentrale Hebel:
  1. Grundeinkommen (2016 in der Schweiz abgelehnt worden, aber es herrscht breiter Konsens, dass eine Form von Grundeinkommen, der Schlüssel für die Lösung vieler Probleme ist): https://www.mingong.org/blog-de/heimat-klimawandel-grundeinkommen-was-hat-das-miteinander-zu-tun
  2. Vergemeinschaftung von Eigentum (interessanterweise in China 1949 erfolgt)
  3. Überideologische Regierung – Parteien, die an einem Strang ziehen (ebenso in China durch den Einparteienstaat gelebt)

Das Buch ist in Romanform verfasst und bringt Themen der Transformation in Dialogform dem Leser näher. Erinnert an einige Werke von Mark Twain. Wichtige 2048 erreichte Veränderungen sind:
  1. Green cities: die Trennung von Stadt/Land ist aufgehoben (funktioniert mE aufgrund der räumlichen Bedingungen durch die städtische Baustruktur nicht, und Zeddies, der noch nie am Land gelebt hat, versteht das nicht): https://www.greensteps.me/library/staedte-und-ihr-evolutionaerer-zweck-als-lernraum.php
  2. Demokratische Entscheidungsprozesse haben sich verändert (der Fokus auf Soziokratie ist mE stark zu überdenken, da die Soziokratie drei große Schwächen hat: 1. Lähmung durch Erzwungenes konsentieren 2. Informationsmangel so wie in der Abstimmung des nächsten Buches gezeigt 3. Manipulation und Beinflussung von KOL in live-settings, wo die Entscheidenden jener Person folgen, der sie vertrauen, anstatt sich wirklich selbst eine Meinung zu bilden. Die Handlungsfähigkeit, die in Reinventing Organizations im Teal Modell beschrieben wird erscheint mir gepaart mit viel digitaler Demokratie weitaus sinnvoller – warum muss man sich für jede Entscheidung persönlich treffen? https://www.mingong.org/blog-en/on-failing-democracies-and-spheres-of-justice
  3. Mobilität: Rad statt Auto (wie funktionert das für Familien, die nicht in der 15min Stadt wohnen? Mir fehlt hier der Blick auf die technologische Realität. Robotaxis und Flugtaxis sind in China bereits zugelassen)
  4. Weniger Konsum / mehr Gemeinschaft (dazu sind die architektonischen Strukturen notwendig, die Gemeinschaftsprojekte schaffen, diese wiederum sind nur am Land umsetzbar): https://www.greensteps.me/library/staedte-und-ihr-evolutionaerer-zweck-als-lernraum.php
  5. Permakultur / Agroforestry: viel Ertrag auf weniger Flächen (nicht weil es weniger fruchtbare Flächen gibt, sondern weil wir große Teile der Natur zurückgeben)
  6. Freischulen: Lernen mit Neugier und ohne Zwang (ein weiterer Punkt, der zumindest mich sehr interessiert und der Nachschärfung bedarf).
  7. UN Tower in Singapur (wo derzeit die Reichsten der Reichen leben, was nicht für die Realitätsnähe dieser Vision spricht – Bhutan oder ein befreites Lhasa wären bessere Orte für einen derartigen UN Sitz).
  8. Malmö ist die Universität der Zukunft, wo Technik mit Empathie gelehrt wird (Technologie-Ethik ist in der Tat ein zentrales Thema): https://ark.greensteps.me/library/4m-the-impact-of-technology-on-society  
  9. Das Gemeinwohlprodukt ersetzt das BIP (macht nur bei globaler Kalkulation Sinn).

Umdenken in der Politik sieht Zeddies nur möglich nach dem Eintreten von Katastrophen.

Als Folgethema habt sich mE klar eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Grundeinkommen ergeben, das die Spaltung der Gesellschaft überwinden kann, wenn es gut strukturiert ist – ebenso die Auseinandersetzung mit der Zukunft der Bildung. Dazu würde ich gerne einen speziellen Themenabend planen, wobei Martin Fords The Rise of the Robots zu beiden Themen sehr tiefgreifende Informationen bietet: https://www.mingong.org/blog-en/martin-ford-enlightened-marxist-or-apolyptic-technocrat

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Quo vadis europa? - Ein Entwurf

5/2/2025

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The Rape of Europa by Félix Vallotton (1908)
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“Die Herausforderungen für den Westen und für die liberale Demokratie sind mannigfaltig: Da sind auf der einen Seite die zerstörerische Kraft des Donald Trump und das apokalyptische Geraune der Rechtspopulisten aus unserer eigenen Mitte - und auf der anderen Seite Russland und China. Die Herausforderung durch China ist nur ein Puzzleteil in einem perfekten Sturm, der sich da zusammenzubrauen scheint. Sie ist allerdings die bisher am meisten unterschätzte.” - Kai Strittmatter in Die Neuerfindung der Diktatur: Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. 

Quo vadis europa?

Welche Ressourcen hat Europa, um eine regenerative, integrative und attraktive System- Alternative zum obsoleten Kapitalismus des Westens und zum aufstrebenden Staatskapitalismus Chinas zu bieten?

Persönlicher Hintergrund zur Frage


Katja Hellkötter betreibt gemeinsam mit Jan Siefke seit 2015 den C-Space, einen Kreativraum und Ort der Begegnung und des Lernens, der in Berlin neue Formen von Lernen, Arbeiten und Leben entwirft. C*SPACE agiert lokal im Bezirk Pankow, europäisch als Mitglied des “European Creative Hubs Net”, und ist gleichzeitig global in Richtung Asien vernetzt.

Der Osterbesuch von Katja und Familie hat viele Themen aufgeworfen, die uns in Deutschland, Österreich und Europa insgesamt bewegen (sollten). Die gemeinsame Vergangenheit in China war in den Gesprächen wie auch schon in der Vergangenheit ein wichtiger gemeinsamer Nenner, der eine alternative Perspektive auf die Geschehnisse in Europa ermöglicht. 

Zentrales Thema war die politische und wirtschaftliche Ignoranz gegenüber sozialer Innovation, die wir in unserem Handeln wiederholt wahrnehmen. Politische Akteure werden oft zu Konkurrenten, weil sie zivilgesellschaftliche Initiativen unterminieren oder kopieren und eine Veränderung von Machtgefügen blockieren. Ist politische Innovation derzeit dringlicher als technologische? Die mangelnde Einrechnung von sozialem und ökologischem Kapital in wirtschaftliche Eckdaten wie GDP führt am Markt zu einem Finanzierungsvakuum für NGOs, die sich wichtiger Themen widmen. Sowohl Katja mit ihrem C-Space, wie auch ich mit Green Steps sind von diesem Finanzierungsvakuum schwer betroffen. Es gibt keinen Markt für dringend notwendige Dienstleistungen und Innovationen, die soziales Kapital schaffen.

“In fact, social innovation may be of greater importance and have much greater impact than any scientific or technical invention.” - Peter F. Drucker[1]

Europa auf der Suche nach einer neuen Systemidentität

Das Resultat ist ein Europa in der Krise. Die Auflösung der Extinction Rebellion, die Müdigkeit der FFF Bewegung, das politische Abdriften ins rechte Lager, die Probleme mit der Integration von Zuwanderern, sind klare Zeichen, dass bisherige Versuche der ökologischen und sozialen Krise zu begegnen, gescheitert sind.[2] Radikale Vordenker erwägen das Recht zu brechen, um einen Systemwandel zu ermöglichen.[3] Europa benötigt eine neue sinngebende Idee, die bisherige wirtschaftliche Paradigmen durchbricht und Begeisterung für ein neues Zusammenleben entfacht.

Unter dem staatskapitalistischen Druck eines ethnisch und kulturell mehr oder weniger homogenen Chinas wird die kapitalistische Demokratie des Westens herausgefordert und muß sich neu definieren, da economy of scale und autoritäre Entscheidungsmuster China im kapitalistischen Wettbewerb kurz- und mittelfristig gewinnen lassen – auch wenn langfristig der ökologische Kollaps für alle ein bitteres Ende darstellt. Wir stehen also vor einem erzwungenen Systemwandel, der sowohl Risiko als auch Chance birgt.

Kann Europa kein alternatives System entwerfen, das wirtschaftliche, soziale und ökologische Harmonie entfalten kann, so wird es mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Kolonie der USA zu einer Kolonie Chinas. Die mittel- und langfristigen Folgen dieser Verschiebung der Leitkultur von West auf Ost sollten Inhalt einer getrennten Debatte sein. All jenen Europäern, die längere Zeit in China gelebt haben, ist jedoch klar, dass viel zu wenig Bewusstsein hierzulande herrscht, was eine Leitkultur China für Europa bedeutet.[4]

“Not to innovate is the single largest reason for the decline of existing organizations. Not to know how to manage is the single largest reason for the failure of new ventures.” - Peter F. Drucker

Realistische Utopien – vom Recht zur Pflicht[5]

Besinnen wir uns der historischen Ausgangslage, die für Europa realistische Szenarien einer Transformation ermöglicht. Fast alle europäischen Nationalstaaten haben im 19. Jahrhundert eine demokratische Verfassung erhalten, deren Fokus auf Machtverteilung liegt und die Bürgern Rechte zugesteht: Wahlrecht, Bürgerrechte, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, etc. Diese Evolution der Demokratie läßt sich bis in die europäische Antike zurückverfolgen.

Die Covid-19 Pandemie hat vor dem Hintergrund der Klimakrise eine umfassende Debatte um Bürgerpflichten getriggert, an welcher sich der deutsche Philosoph David Precht prominent beteiligt hat. Sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, wurde als moralische Pflicht des Bürgers gesehen, um in einer Ausnahmesituation die Gesundheit anderer zu bewahren. Analog zu dieser weitgehend bereits vergessenen Situation wurden andere Pflichten hinsichtlich der ökologischen und sozialen Krise diskutiert. Welchen carbon footprint darf ein Mensch haben, um nicht andere einer lebenswerten Existenz zu berauben? Welchen Beitrag muß ein Mensch zum Funktionieren von lokalen Gemeinschaften leisten? Wie hoch darf das Einkommen einer Person sein, ohne dass dadurch die Gesundheit und das Wohlbefinden vieler anderer schwer beeinträchtigt wird?[6]

Der gemeinsame Nenner dieser aktuellen Debatte ist die Schnittmenge von veränderten Rechten und Pflichten, die sich durch begrenzte natürliche Ressourcen und eine wachsende globale Bevölkerung ergeben. Das Zeitalter des Anthropozäns zeichnet sich durch einen Umstand aus, der weniger beleuchtet wird als die Konsequenz, dass der Mensch das Klima in bisher unbekanntem Ausmaß verändert: Wir leben nicht mehr in unterschiedlichen Ökosystemen, sondern sind unweigerlich Teil eines einzigen Ökosystems geworden, wodurch die gegenseitige Abhängigkeit und Verbindung sichtbar wird.

“Es ist Zeit, über Verantwortlichkeiten des Menschen zu reden.” - Helmut Schmidt[7]

Wohlergehen statt Wohlstand

Post-growth Ökonomen haben exzessiven Kapitalismus als wirtschaftliche Ausformung von moralisch haltloser Gier identifiziert und aufgezeigt, dass wir mit weniger Verbrauch natürlicher Ressourcen und weniger Arbeitszeit, gesündere und glücklichere Leben führen können. Der Schlüssel zur Etablierung eines alternativen Systems sollte demnach bei ökonomischen Anreizen liegen, die neue Lebensmodelle ermöglichen. Jason Hickel rechnet vor, dass 65% des US GDP – und damit unermesslicher Ressourcen- und Arbeitszeiteinsatz – wegfallen würden, wenn das Ziel einer Volkswirtschaft allgemeines Wohlergehen und nicht nationaler Wohlstand ist. Ein Einkommen von USD 14k wäre demnach in den USA ausreichend, um ein maximales Wohlergehen zu erlangen, während das derzeitige GDP p.c. bei USD 59k liegt.[8] Systemtransformation im Anthropozän ist demnach Klassenkampf unter neuen Prämissen.[9]

Gepaart mit den vorhersehbaren und bereits in Entfaltung befindlichen Konsequenzen von Automatisierung und maschinellem Lernen ist ein Überdenken des Konzeptes „Erwerbsarbeit“ unumgänglich. [10] Wir müssen uns auf Experimente in Modellarbeitsmärkten einlassen, die klassische Erwerbsarbeit entweder in Kombination mit sozialen und ökologischen Beitragsleistungen erfassen oder Arbeit als Teil von „extractive economies“ gänzlich verbieten. Ein umfassendes “distributed value accounting” von sozialem und ökologischen Impact einer jeden (beruflichen) Tätigkeit ist notwendig, wollen wir zerstörerisches Verhalten von regenerativem Wirken sinnvoll trennen.

“Very few events have as much impact on civilization as a change in the basic principles of organizing work.” - Peter F. Drucker 

Bedingtes vs unbedingtes Grundeinkommen

Einer der großen Vorteile Europas ist der weit verbreitete Föderalismus, der es ermöglicht in kleinen Kommunen und immer noch relativ kleinen Bundesländern diese neuen Formen von Wohlstandsverteilung auszutesten und die demokratischen Systeme des 19. Jahrhunderts in meritokratische Systeme des 21. Jahrhunderts zu transformieren. Die Vernetzung von Organisationen und Individuen, die dieses Experiment unterstützen wollen, ist jetzt dringlicher denn je: Europa braucht ein neues Modell, das durch Inklusion begeistert, aber gleichzeitig einen Beitrag fordert.

“Wenn Europa eine Person wäre, dann müsste ich doch jetzt losstürmen und für sie kämpfen. Für meine Heldin, die mir 70 Jahre Frieden verschafft hat.” - Klaus Maria Brandauer

Aufgrund der oben ausgeführten Überlegungen ist das Experimentieren mit einem bedingten Grundeinkommen als zentrale Säule einer neuen europäischen Idee die derzeit wichtigste LOA für gesellschaftliche Transformation. Es besitzt eine integrale Hebelwirkung, die mit keiner anderen Maßnahme vergleichbar ist. Es sei insbesondere darauf hingewiesen, dass ein Grundeinkommen die Landflucht umdrehen würde und sterbende Dörfer wiederbeleben könnte. Ein weiteres, selten eingebrachtes aber mE wichtigstes Argument, ist die Wirkung des Grundeinkommens auf die kindliche Gehirnentwicklung und Intelligenz: die ungleiche Wohlstandsverteilung bringt viele Menschen um ihr Potential, und damit auch Europa um die Möglichkeit innovative und regenerative Formen des Zusammenlebens zu ersinnen.

Endnotes:
[1] The Essential Drucker, 2002
[2] https://www.mingong.org/blog-de/uber-die-natur-eines-volksfeindes
[3] https://ark.greensteps.me/library/chris-packham-is-it-time-to-break-the-law
[4] http://www.mycountryandmypeople.org/01-blog-2133823458/tiananmen-july-1st-youth-parade-a-reason-for-concern;
http://www.mycountryandmypeople.org/01-blog-2133823458/thoughts-on-the-china-international-import-expo
Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur
Ein sehr klare Folge wird die Umstellung des Fremdsprachen-unterrichts sein, welchen wir in Osteuropa mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion oder in Taiwan mit dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft beobachten konnten. Russisch bzw Japanisch wurde in vielen Schulen mit Englisch bzw Mandarin ersetzt. Es ist abzusehen, dass durch die technologische Dominanz Chinas, Mandarin als zweite Fremdsprache an Schulen in Europa Einzug halten wird.
[5] https://www.mingong.org/blog-en/a-lucid-manual-for-transformation-by-architect-friedrich-von-borries
[6] https://www.mingong.org/blog-en/on-failing-democracies-and-spheres-of-justice
[7] https://brennstoff.com/ausgaben/es-ist-zeit-%C3%BCber-verantwortlichkeiten-des-menschen-zu-reden/
https://www.helmut-schmidt.de/helmut-schmidt-im-ringen-um-die-idee-eines-weltethos
[8] Jason Hickel: Less Is More - How Degrowth will save the world
[9]  https://kontrast.at/andreas-kemper-interview-klasse/
https://www.darkmatteressay.org/blog/on-waging-war-and-democratic-decline
[10] https://www.mingong.org/blog-en/martin-ford-enlightened-marxist-or-apolyptic-technocrat
[11] Vgl insbesondere die detaillierten Überlegungen von Martin Ford in Rise of the Robots: https://www.mingong.org/blog-de/aufstieg-der-roboter-10-jahre-spater
[12] https://www.ted.com/talks/kimberly_noble_how_does_income_affect_childhood_brain_development
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Was HAT ZEITGEMÄße BILDUNG MIT ZEITGEMÄSSER KLEIDUNG ZU TUN?

1/8/2025

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7. Jänner, Wien. Es wird einem in Österreich nicht einfach gemacht, wenn man im Bildungssystem einen Beitrag leisten will. Ein noch vor dem Jahreswechsel vereinbarter Termin mit dem Direktor einer Wiener Mittelschule festigt meine Entscheidung zumindest bis Sommer dem Schulbetrieb fern zu bleiben. Einerseits würde ich mit meinem Beitrag das Weiterbestehen eines überholungsbedürftigen Systems unterstützen, andererseits ist am besuchten Standort abzusehen, dass ich meine Prinzipien komplett aufgeben muss.

Der Schulstandort ist mit 2200 SchülerInnen groß und umfasst einen gesamten Häuserblock. Die Mittelschule selbst hat zwar nur 250 SchülerInnen, aber die Lage direkt am Gürtel macht sie zu einer richtigen Stadtschule. Die Gebäude sind verdichtet, es gibt wenig Grünflächen. Von der Lehrerkantine aus zeigt mir der Direktor die einzige Schulaußenfläche, einen erbärmlichen Schulhof, von dem nur die Hälfte von allen SchülerInnen des Standortes benützt werden darf. Ich erblicke hauptsächlich Kinder im Grundschulalter.

Empfangen werde ich von einem gutgelaunten, etwa 50 jährigen Herren in einem undefinierbarem Trachtensakko und Jeans, der mir sagt, dass ich der Wunschkandidat für die ausgeschriebene Stelle bin. Wir nehmen vor seinem Büro und neben dem Lehrerzimmer in einem kleinen Raum Platz. Die Atmosphäre ist gut, aber ich fühle, dass ich mich für diese Stelle nicht mehr genug anpassen kann. Es beginnt bei der Kleidung und endet bei der Bildung.

Die Kinder verbringen ihr gesamte Schulzeit in diesem Ghettoblock. Vom Geografieunterricht wird mir ein Lapbook über London als wünschenswertes Ergebnis gezeigt. Die Kenntnis der Schulumgebung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einmal als Lernziel definiert. Der Unterricht findet fast ausschliesslich digital statt - alle Lehrer und alle Schüler haben ipads.

How did Henry Miller once say? The true mystery lies in the visible.

Ich befürchte, dass ich nach ein paar Jahren an dieser Schule ebenfalls im Trachtenjanker durch die Gänge laufe, Kinder dabei beaufsichtige im Gebäude zu bleiben und sie über London lernen lasse, während die menschliche Evolution ihren gegenwärtigen Zenit in Shanghai erlebt.



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